Musik und Politik

Teil 1- Pazifismus in der Musik


Vorwort

Während meiner zahlreichen Recherchen zu den Blogs ist mir aufgefallen, dass Musik durchaus sehr politisch sein kann. Es gibt viele politisch engagierte Musiker*innen, die für ihre Lebenseinstellung auch auf dem Podium kämpfen und ganz klar Stellung beziehen. Doch ebenso viele Musiker*innen und Komponist*innen sind oder waren gezwungenermassen in die Politik involviert, so nach dem Motto "Wes Brot ich fress, des Lied ich sing..." Diese Art der politischen "Abhängigkeit" können wir zum Beispiel bei Dimitri Shostakowitsch beobachten, oder in anderer Form auch bei Richard Strauss, auf die ich beide in einem der folgenden Blogs eingehen möchte. Es ist mir aufgefallen, dass eigentlich nur ein relativ kleiner Teil der Musiker*innen und Komponist*innen wirklich auch aktiv politisch sind beziehungsweise waren. Ein Beispiel dafür ist Richard Wagner, der an der Revolution teilgenommen hat und danach Steckbrieflich gesucht wurde...auch auf ihn werde ich in einem der nächsten Blogs genauer eingehen.

Heute möchte ich die Pazifisten unter ihnen vorstellen:


Definition

Pazifismus ist eine ethische Haltung. Pax= Frieden facere=machen.

Krieg und Gewalt werden abgelehnt. Das Ziel ist es dauerhaften Frieden zu schaffen.

Wie in allen Bewegungen gibt es verschiedene Definitionen. Die strengste Form des Pazifismus lehnt jegliche Gewalt und Gewalt Einwirkung ab. Den Begriff Pazifismus hat sich erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts etabliert. Es gab ihn aber schon im 19. Jahrhundert im Zuge der Friedensbewegung und Emanzipierung der bürgerlich-liberalen Gesellschaft als Folge der französischen Revolution.

Die Beweggründe für den Pazifismus sind, wie so vieles, vielschichtig.

Viele Pazifisten beziehen sich auf die Menschenrechte und darauf, dass jedes Individuum ein Recht auf das Leben hat und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das Töten im Krieg, gerade von unbeteiligten Zivilisten gilt im Gesinnungspazifismus als Mord und moralisch niemals zu rechtfertigen und somit ist in den Augen vieler Pazifisten Krieg nie das legitime Mittel für eine Konfliktlösung.

Der "konditionale" Pazifismus hingegen geht davon aus, dass Krieg unter gewissen Umständen legitim ist, wenn absehbar ist, dass daraus ein dauerhafter Friede entsteht, oder eben verboten sein sollte, wenn absehbar ist, dass daraus ein Weltkrieg oder Selbstvernichtung resultieren könnte.

In der Theorie wird weiterhin unterschieden, ob der Pazifismus "Mittel" oder das "Ziel" ist.

Ist er das Ziel gilt es den Krieg zu überwinden und langfristig Friede zu finden. Ist er das Mittel gilt es Konflikte, Gewalt und Krieg zu vermeiden und auf andere Art Frieden zu finden.


Ziel des Pazifismus, verschiedene Ansätze und Umsetzungen

Das aufstrebende Bürgertum gründete im 19. Jahrhundert ausgehend von den USA viele Friedensvereine und Friedensgesellschaften. Der "bürgerliche" Pazifismus setzt die Idee der Aufklärung, vor allem in der städtischen Gesellschaft, fort. Der Glaube an den Fortschritt und vor allem, dass es möglich sein muss, dass verschiedene Staaten, mit den entsprechenden staatlich übergreifenden Gesetzten und Abkommen, friedlich nebeneinander und miteinander existieren können. In Deutschland bildete der "bürgerliche" Pazifismus auch ein Gegenpool zur Arbeiterbewegung.

Anfang des 20. Jahrhunderts war für manche, wie zum Beispiel den Österreicher Alfred Fried der bürgerliche Pazifismus zu sentimental. Die Welt änderte sich und wurde immer globaler, der Handel weitete sich aus. Das ebnete seiner Idee einer Friedensorganisiation den Weg. Er veröffentlichte die Zeitschrift " Die Friedens-Warte" mit der Überlegung einer friedlichen, gemeinsamen Globalisierung, wo jeder von jedem auch profitieren sollte. In Folge des 1. Weltkrieges mussten viele Pazifisten erkennen, das selbst die besten Staatenbündnisse keinen Garant für Frieden zwischen Staaten darstellt. Gegen Ende des 1. Weltkriegs gewannen die Pazifisten wieder vermehrt Anhänger im kriegsmüden Volk.

Doch rechtsgerichtete Kräfte griffen ab 1918 Pazifisten als "Landesverräter" an. Einige von ihnen wurden ermordet und auf einige wurden Attentate verübt. Pazifistisch eingestellte Professoren wie Albert Einstein wurden von Studenten angefeindet. Es waren sehr unsichere Zeiten und es brodelte in der Gesellschaft. Es entwickelte sich in dieser Zeit der radikale Pazifismus. Ein sehr renommierter Anhänger dieser Bewegung ist Kurt Tucholsky.

Mit dem Aufstieg der Nazis im 3. Reich änderte sich die politische Situation in Deutschland schlagartig. Viele Pazifisten, die bis dahin noch nicht das Exil gewählt hatten, wurden inhaftiert und in KZ deportiert und umgebracht. Von jenen, die im Exil lebten, wurden viele ausgebürgert. Das dritte Reich versuchte sich der Sprache des Pazifismus zu bedienen um ihr Handeln zu rechtfertigen. Trotzdem durchschauten viele Politiker das Handeln der Diktatur.

Je komplizierter die geschichtlichen und politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts werden umso mehr Formen des Pazifismus kristallisieren sich heraus, auf die ich im Einzelnen hier nicht eingehen möchte: Revolutionärer Pazifismus, anarchistischer Pazifismus, nuklearer Pazifismus usw. Jede Richtung mit dem Hauptziel Frieden zu schaffen und zu erhalten.

Viele Komponist*innen und Musiker*innen, die die Wirren des 1.Weltkriegs, der Weimarerrepublik und des 2. Weltkrieges erlebt hatten, waren von den Ereignissen verständlicherweise geprägt und es ging auch in ihre Werke und Interpretationen ein.


War Requiem

1918 gegen Ende des 1. Weltkriegs, als sich die Soldaten in den Schützengräben gegenseitig bitter bekämpften und es kein Vorwärts und Rückwärts gab, sass ein junger englischer Pazifist in den Gräben und schrieb, neben den Kämpfen Gedichte. Es war kein geringerer als Wilfred Owen. Er verfasste sehr realistische Gedichte über seine Erlebnisse im Krieg und in den Schützengräben, die dem Leser bis heute unter die Haut gehen. Eine Woche vor dem Waffenstillstand verlor der Dichter mit nur 25 Jahren sein Leben.

Einige Jahre später, 1942 kehrte ein anderer, inzwischen berühmter, Pazifist nach England zurück, wo er sich vor Gericht als Kiregsverweigerer verantworten musste und sich mit folgenden Worten erklärte: "Da ich glaube, dass der Geist Gottes jedem Menschen innewohnt, kann ich nicht zerstören. Ich halte es auch für meine Pflicht, nicht dabei zu helfen, menschliches Leben auszulöschen."(Quelle:DW, 6.4.2018)

Diese Worte stammen von Benjamin Britten. (Wer genaueres von Britten wissen möchte-> Blog vom 16.10.2020)

Im Zuge des 2. Weltkrieges wurde 1940 während der Aktion "Mondschein" die Stadt Coventry angegriffen und dem Erdboden gleich gemacht. Dabei wurde auch der Dom aus dem 14. Jahrhundert zerstört. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Stadt und auch der Dom wieder aufgebaut und 1962 feierlich eingeweiht. Zu dieser Einweihung liess man Benjamin Britten die Aufgabe zukommen die Musik zu komponieren. In diesem 90 minütigen Meisterwerk verwebt Britten den Lateinischen Text der Totenmesse mit dem, in Gedichtform gebrachten, Zeugenbericht von Owen.

Die Gedichte werden von den männlichen Gesangssolisten Tenor und Bariton vorgetragen begleitet vom Kammerchor und einem 12-köpfigen Kammerorchester, während der lateinische Text von der Sopransolistin mit dem grossen Chor und Sinfonieorchester vorgetragen wird. Dazwischen singt immer wieder ein Knabenchor, wie aus einer anderen Sphäre begleitet von der Orgel Abschnitte. Alle drei Gruppierungen finden sich am Schluss zum Finale zusammen.

Bei der Uraufführung wurden 2 Dirigenten benötigt und auch heute wird dieses Werk oft von zwei Dirigent*innen aufgeführt.

Bei der Uraufführung war die Sopranistin Galina Wischnewskaja aus Russland, der Deutsche Bariton Dietrich Fischer-Dieskau und der Engländer und Lebenspartner von Britten Peter Pearse vorgesehen. Leider durfte Galina Wischnewskaja nicht ausreisen und wurde durch Heather Harper ersetzt. Mit der Besetzung wollte Britten auch ein Zeichen der Versöhnung zwischen den einst, oder noch verfeindeten Ländern setzten.


Keine Uraufführung in der Britischen Geschichte hat je soviel Aufmerksamkeit erhalten. Nach dem verklingen des letzten Schlussakkords war es totenstill in der Kirche. Es war Brittens ausdrücklicher Wunsch, dass nicht applaudiert werden sollte.

Bereits vor der Aufführung schrieb die "Times" treffend:

"In diesem Requiem geht es nicht darum, den Lebenden Trost zu spenden. Es hilft wohl auch den Toten nicht, ruhig zu schlafen. Es kann aber jede lebende Seele aufrütteln, denn es verurteilt mit der ganzen Autorität, die nur ein großer Komponist aufbringen kann, die Barbarei, die der Menschheit innewohnt."(Quelle: DW, 6.4.2018)

Ich glaube, dass dieses Zitat die ungebrochene Popularität von Brittens Requiem auf den Punkt bringt, neben den Stilistischenfeinheiten. Das Werk klingt modern, aber trotzdem eingänglich und vertraut. Zu Recht gilt es bis heute als eines der besten Werke in der Geschichte und eine der besten Kompositionen Brittens.

Britten hat dieses berührende und aufrüttelnde Werk vier seiner Freunde gewidmet, die im 1. Weltkrieg gefallen sind. Im Nachhinein, auf die Geschichte zurückblickend und aus der Sicht des Pazifisten Britten können wir heute sagen: Vier Freunde, die sinnlos ihr Leben in den Kämpfen des ersten Weltkriegs gelassen haben.


Hier der Link zur Uraufführung:








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