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Von Nutzen und Ausnutzen

Nutzen und Ausnutzen in der Natur oder eher "Vogel friss oder stirb"

Im Tierreich funktioniert das Leben und Überleben recht simpel:

Der Kleinste wird vom nächst Grösseren gefressen, der wiederum vom nächst Grösseren, bis wir irgendwann an der Spitze der Nahrungskette angelangt sind bei den stärksten und grössten Raubtieren.


Nutzen und Ausnutzen in der Gesellschaft, oder "wer ist hier der Boss?!"

In unserer Gesellschaft geht es nicht mehr um das blosse Überleben. Es geht um ganz viele und komplexere Zwischentöne. Wer am längeren Hebel sitzt, kann die Menschen am kürzeren Hebel so wie er es braucht "benutzen". Er kann sie als wertvolle Resource nutzen und mit ihnen auf Augenhöhe zusammenarbeiten in gegenseitigem Vertrauen, was sehr wünschenswert ist. Er kann sie aber auch ausnutzen und wenn die Ausgenutzten genug haben und sich abwenden, wenn sie es sich denn leisten können, lassen sie sie eben fallen. Das bringt vor allem für die Ausgenutzten Blessuren mit sich und im besten Falle eine Lehre fürs Leben.

Ausgenutzt wird in unserer Gesellschaft in jeder Gesellschaftsebene und Berufsbranche, keine Frage. Wir können sowohl emotional, als auch körperlich ausgenutzt werden, je nach Situation. Doch ich glaube eine der häufigsten Formen des Ausnutzens bezieht sich auf das Geld. Oft fühlen wir uns am meisten ausgenutzt, wenn der Lohn nicht stimmt und unsere Bemühung nicht ordentlich honoriert wird. Geld ist in unser kapitalistisch orientierten Gesellschaft leider oftmals mit Wertschätzung gleich gesetzt, was eigentlich schade ist. Wertschätzung könnte so viel mehr sein als "nur" Geld. Das Sprichwort "Bei Geld hört die Freundschaft auf" trifft den Nagel auf den Kopf.

In der Kunst und Musik stecken viele von uns wirklich ihr Herzblut in ihre Berufung und gerade hier werden viele von uns schamlos ausgenutzt und das im vollen Wissen. Jene, der ausgenutzt wird, ist oft in Abhängigkeiten, die zwangsläufig bestehen, wenn es um Weiterkommen und Weiterentwicklung geht. Das ist eine der Schattenseite dieses wunderbaren Berufes, der so viel Freude bringen kann.


"Ich mache Dir ein Angebot, das du nicht ablehnen kannst" (Zitat, der Pate, Ausschnitt unten)

Im Prinzip können wir die Welt des Theaters und der Kunst als einen Mikrospiegel der Gesellschaft betrachten mit allen psychologischen Facetten, die gesunde Menschen einer Gesellschaft hervorbringen, die ein Psychologe als Analysefeld beobachten könnte: Von hochintelligenten, narzistischen über manipulativen Persönlichkeiten hin zu masslos egoistischen und egozentrischen Menschen, zu den Hochstaplern hin zu den Hochsensiblen und den Perfektionisten...die Aufzählung liesse sich noch weiter ergänzen. Natürlich können die oben aufgezählten Merkmale auch in Kombination auftreten und ich betone es nochmal: Alles im Rahmen einer gesunden menschlichen Psyche!

Dazukommend gesellen sich die verschiedensten Nationalitäten und Sexualitäten und Gesellschaftsschichten. Kurz: Es ist ein Ort, der ein unglaubliches kreatives Potential birgt aber wo Konflikte durchaus vorprogrammiert sein können.

Kein Wunder, dass in dieser Mikrowelt der Musik und Kunst ein Machtgefüge besteht und entsprechend genutzt oder ausgenutzt wird, aber auch das ist wohl wieder die Frage des Betrachtungswinkels. Jemand, der einen anderen ausnutzt empfindet das oft nicht so und ist oftmals überrascht, wenn er denn darauf angesprochen wird.

Es scheint irgendwo im menschlichen Dasein verankert zu sein, in unserem Urinstinkt, was zu unserem eigenen Vorteil dient und uns im Endeffekt weiterbringt und wie wir es mit Hilfe von Mitmenschen bekommen können. Fest steht auch, dass der Grat von Nutzen und Ausnutzen sehr schmal ist und das eine oft nahtlos ins andere übergeht, die Frage ist dann wo die Schmerzgrenze jedes Individuums ist.

Wenn man sich Stück für Stück in einer Hierarchie nach Oben arbeitet oder zu arbeiten versucht, besteht ein grosses Risiko auf diesem Weg ausgenutzt zu werden. In jedem Beruf. Den Meisten von uns fällt es schwer zu zugeben, dass sie sich ausnutzen liessen, weil es meistens mit Scham verbunden ist.


Trotzdem möchte ich Euch heute anhand von wenigen Beispielen erzählen, wie es mir bisher ergangen ist und was für Strategien ich mir inzwischen zurechtgelegt habe, damit mein Risiko ausgenutzt zu werden sich minimiert, ganz ausschliessen lässt es sich leider nie, niergends.


Wenn ich auf meinen bisherigen Weg als Berufsmusikerin zurückschaue stelle ich fest, dass ich einige Male ausgenutzt wurde. Mal weil ich naiv war, mal weil ich dringend die Gage brauchte und mal weil ich in Abhängigkeit von gewissen Personen stand, wo ich einfach wusste, dass wenn ich "nein" sage rausfliege und die anderen Vorteile, die diese Abhängigkeit mit sich bringt, nicht mehr erhalten würde, das war dann wohl eine kalkulierte Ausnutzung. ;)

Ich erinnere mich zum Beispiel als Studentin bei einer Varieté-Produktion mitgesungen zu haben für 60Euro pro Vorstellung mit Doppelvorstellungen teilweise. Gut, ich habe das 50 Mal gesungen. Kleinvieh macht auch Mist und ich war eine Erfahrung reicher. Der Dirigent hat mich noch mehrfach für weitere Projekte angefragt, die ich mit Hinweis auf andere Dinge, die zum Glück auch da waren, dankend abgelehnt habe.

Auch immer unschön: Wenn man plötzlich an einem alten, bekannten Ort, viel schlechter bezahlt wird als beim letzen Konzert. Seither frage ich immer gleich bei den Terminverhandlungen nach der Gage und wenn mir das zu gering erscheint, habe ich da die Chance nach zu verhandeln.

Ich bin auch zu unzähligen Vorsingen gefahren, immer auf eigene Kosten, die sich im Nachhinein als sängerverachtende Massenabfertigung herausstellten. Das gehört leider genauso zum Beruf wie die schönen Momente auf der Bühne. Trotzdem sehe ich nach wie vor jedes Vorsingen als Chance für mich und meinen Weg.

Auch habe ich schon unzählige Arien und Partien extra auswendig gelernt für Vorsingen, habe Stunden verbracht um die seltenen, oft zeitgenössischen Noten aufzutreiben und weitere Stunden um alles zu lernen, gehe auf die Bühne sage, dass ich mit Arie "A" beginnen möchte und jemand in der Jury sagt: "Nein, wir möchten Arie B hören". In dem Fall bedeutet nein sagen oftmals von Anfang an rausfliegen, also muss ich blitzschnell umschalten auf die gewünschte Arie und das Beste daraus machen. Ärgerlich ist es dann, wenn ich Arie "A" auf eine mir völlig fremde Sprache gelernt habe und die letzten Tage zugebracht habe diese Arie auswendig zu lernen und mit Leben zu füllen und es dann nicht einmal vorsingen darf.

Schwierig wird es für mich, wenn ich fachfremde Partien singen soll und das möglichst unentgeltlich. Am Theater habe ich das eigentlich immer mit Hinweis auf meine stimmliche Möglichkeiten mit gutem Gewissen abgelehnt. Einmal wurde mir die tiefste Alt-Partie eines Stückes angeboten. Ich war aber laut Vertrag als Sopran eingestellt und lehnte zu Recht ab. Das haben gewisse Menschen mir sehr übel genommen und danach versucht mir viele Steine in den Weg zu legen, obwohl es für meine stimmliche Entwicklung die richtige Entscheidung war.

Ich stelle mir manchmal die Frage, ob es nicht doch besser gewesen wäre die fachfremden Partien zu singen, dann wären diese Leute zufrieden gewesen und ich hätte meinen Frieden gehabt. Manchmal wünschte ich mir einfach, dass ich schon damals diplomatischer gewesen wäre und meine eigentlich richtige Entscheidung anders hätte formulieren und begründen können. Und da sind wir schon beim nächsten wichtigen Punkt:


Diplomatie

Im Mikrokosmos der Kunst und Musik müsste man eigentlich als Diplomate geboren werden, das wäre echt hilfreich. Das richtige Fingerspitzengefühl, die richtigen Formulierungen helfen einen wirklich weiter, in jedem Lebensbereich und nicht die eigenen Befindlichkeiten, obwohl diese bei Entscheidungsfindungen nicht unwichtig sind. Ich versuche, wenn immer möglich auf mein Bauchgefühl zu hören. Wenn das Bauchgefühl stimmt nehme ich das Angebot wahr, auch wenn die Konditionen vielleicht nicht die Besten sind. Meistens bekomme ich wertvolle Impulse und lerne dazu. Wenn es nicht stimmt, versuche ich es zu meiden, kann ich es nicht, weil einfach gewissen Abhängigkeiten bestehen, mache ich es trotzdem. Wer A sagt muss auch B sagen, kann aber C denken.


Nutzen und Ausnutzen in Zeiten der Pandemie

Wie mir scheint verschärft die Pandemie, je länger sie andauert, die Tendenz der Ausnutzung.

Die GDBA (Gesellschaft deutscher Bühnenangehörigen) VdO und DOV (Deutsche Orchester Vereinigung) ist dabei mit dem Deutschen Bühnenverein Verhandlungen zu führen, die vor allem die Freiberuflichen unter uns und davon jene mit Wohnsitz im Ausland, besser Schützen soll. Man darf nicht vergessen, dass viele Theater auf Gäste angewiesen sind und diese eine grosse Hilfe bei der Realisierung von entsprechenden Stücken sind! Ohne Gäste könnten viele Stücke nicht gespielt werden. Umso unverständlicher ist das, was gerade zu Beginn der Pandemie sehr oft geschehen ist an den Theatern.

Zu Beginn der Pandemie war es so, dass viele von uns keine Ausfallhonorare bekommen haben, als die Stücke Reihenweise wegen der Lockdowns abgesagt wurden. Das heisst, die Verträge, die dieses Künstler:innen unterzeichnet haben, meist vor der Pandemie, waren in Augen der Theater auf einmal ungültig und haben sich quasi in Luft aufgelöst. Es fehlte die Entsprechende Klausel im Vertrag, weil bis dato niemand mit einer Pandemie gerechnet hat und es eine komplett neue Situation für alle Beteiligten war. Die Gäste standen mit nichts da: Keiner Arbeit, keinem Kurzarbeitergeld, keiner Gage, einfach nichts. Die Miete, Versicherung und bei vielen auch die Familien, mussten trotzdem bezahlt und ernährt werden. Gleichzeitig haben viele Theater gewissermassen auch profitiert und beispielsweise Einsparungen gehabt, weil viele Produktionen nicht realisiert werden konnten und vor allem auch durch die Unterstützung des Staates mit Kurzarbeitergeldern etc. Im Prinzip eine ähnlich groteske Situation wie die der VW Werke, welche in einem Atemzug Kurzarbeitergeld beantragen und erhalten und gleichzeitig Milliarden an Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten. Wie kann das rechtlich gehen, wenn es gerecht sein soll?

Das traurige ist, dass der Bühnenverein die Verhandlungen über die Regelung von Ausfallhonoraren und Kurzarbeitergeld für Gäste mit der GDBA abgebrochen hat. Die Bereitschaft ein für uns alle faireres System auszuarbeiten scheint gleich Null zu tendieren. Das finde ich sehr schade und bedenklich, weil in meinen Augen jetzt der Zeitpunkt wäre, Dinge neu zu ordnen und zu realisieren.

Ich habe Euch unten die Pressemitteilung angefügt, als Information.

So wie die Gewerkschaft GDBA zu kämpfen hat, hat jeder einzelne von uns, der noch weitermacht, auch zu kämpfen. Einerseits finanziell mit nach wie vor ausfallenden Projekten und immer mehr mit der starken Inflation, die fast jeder inzwischen im Geldbeutel merkt und auch mental ist es nicht immer leicht zuversichtlich zu bleiben. Die Pandemie hinterlässt bei uns alle ihre Spuren.

Vor der Pandemie war es mir möglich Projekte und Konzerte besser auszusuchen. Ein Projekt, das vielleicht schlecht bezahlt war aber dafür sehr interessant, konnte ich machen, weil es aufgewogen wurde durch ein anderes, besser bezahltes Projekt. So war es mir auch möglich immer wieder Benefizkonzerte zu geben, was mir eigentlich wichtig ist. Es ist mir wichtig mit meinem Gesang und meinen Projekten auch etwas zurück zu geben und das nicht immer mit starrem Blick auf die Gage. Im Moment ist das alles etwas schwieriger. Die Projekte sind rar, Konzerte werden immer noch abgesagt. Eigentlich kann ich es mir im Moment nicht leisten irgendetwas abzulehnen oder für "s Büsi"(die Katze, also für keine Gage) zu singen und trotzdem zwingen mich die Umstände manchmal dazu und das empfinde ich in solchen Momenten als frustrierend und herabwürdigend. Ich brauche in solchen Situationen ein paar Tage um diese Tatsachen zu verdauen. Meistens gewinnt meine innere Kämpferin wieder die Oberhand und schmiedet neue, zukunftsorientierte Pläne.


Fazit von Nutzen und Ausnutzen

Ich glaube das Wichtigste ist wirklich, dass wir uns bewusst sind wo unsere persönliche Schmerzensgrenze liegt und diese uns eingestehen. Auch wichtig ist meines Erachtens sich bei Entscheidungen die Frage zu stellen: Was bringt (nutzt) mir das? Was ist meine Motivation das zu machen? Bin ich mir das selber wert? Und infolge der Antworten entsprechend zu agieren, wenn man die Wahl hat.

In jedem Falle können wir aus fast jeder Situation etwas lernen. Wir müssen die Opferrolle nicht annehmen, sondern können für uns selber und nach unseren Möglichkeiten einstehen.Ich nehme meine gewonnen Erkenntnisse im Umgang mit meinen Mitmenschen mit und versuche sie auf diplomatische Weise einzusetzen. Auch in Zukunft möchte ich meine Position, sollte ich mal am längeren Hebel sitzen, nicht ausnutzen. Mir persönlich ist der faire Umgang auf Augenhöhe wichtig. Ich möchte am Ende des Tages mir mit gutem Gewissen ins Gesicht schauen können und zum Glück gibt es viele Mitmenschen auch in der Kunst und Musikwelt, denen es ähnlich geht wie mir und dafür bin ich dankbar.



Und hier eine meiner Lieblingsszenen aus "Der Pate" mit Marlon Brando. Aus dieser Szene stammt auch das Zitat: "Ich mache Dir ein Angebot, das Du nicht ablehnen kannst"













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