Musikergesundheit Teil 1- Sport

Aktualisiert: Apr 16

Vorwort


Viele Menschen denken, dass Musik und Sport nicht wirklich zusammen passen. Viele von uns haben nach wie vor das Bild von fülligen Sänger:innen im Kopf und bringen uns Opernsänger:innen damit in Verbindung. Doch die Zeiten sind definitiv vorbei. Der Anspruch an das Aussehen von uns Sänger:innen ist in den letzten 10-15 Jahren drastisch gestiegen.

Wenn wir bis zu 8 Stunden Bühnenproben haben ist dies vergleichbar mit 8 Stunden leichtem Aerobic, nur dass wir dazu singen. Da müsste man meinen, dass Sport und Ausdauer ein wichtiger Bestandteil in unserem Leben sind. Dazu kann ich nur schreiben, dass dies sehr individuell ist. Es gibt sportliche Sänger: innen wie zum Beispiel Klaus-Florian Vogt und es gibt Sänger:innen die nicht einmal wissen wie man S P O R T buchstabiert, genauso wie in der restlichen Gesellschaft auch.

Wie immer gilt es hierbei einen Mittelweg zu finden, der auf unsere eigenen Bedürfnisse und unser Leben passt. Die einen mögen Joggen, die anderen hassen es. Manche schwören auf Yoga, andere schlafen dabei ein.

Meine Überzeugung ist, dass jeder eine Sportart finden kann, die ihm/ihr Freude macht und sie/ihn gesund erhält und darum geht es.


Sport wird oft mit Abnehmen gleich gesetzt. Auch das ist überholt. Menschen mit mehr Körpermasse können unter Umständen wesentlich fitter und gesünder sein als sehr schlanke Menschen. Die Körperfülle steht nicht immer im Widerspruch zu Sportlichkeit und Ausdauer und sagt wenig darüber aus. Wir als Gesellschaft sollten wegkommen von der Vorstellung, dass sportliche Menschen alle so aussehen wie der David von Michelangelo, mit definierten Muskeln und Sixpack. Leider wird diese Vorstellung nach wie vor kräftig in unseren Köpfen zementiert unter anderem mit entsprechender Werbung.

Sport muss nicht zwingend dazu beitragen, dass wir leichter werden. Klar, wenn jemand sich gar nicht bewegt hat, und das die Hauptursache für viel Gewicht ist, und sich dann anfängt regelmässig zu bewegen, dem hilft das sicher, dass sie/er Gewicht verliert, oder verlieren kann. Wir dürfen dabei aber nicht vergessen, dass Muskeln schwerer sind als Fett...

Meines Erachtens sollte Sport dazu dienen unseren Körper gesund zu erhalten und uns Lebensqualität zu geben und das unabhängig davon ob wir eher kräftig oder zart gebaut sind.

In meinen nächsten Blogbeiträgen werde ich auf die verschiedenen Aspekte des Sports im Zusammenhang der Musikergesundheit eingehen.

Heute möchte ich Euch meinen ganz persönlichen Weg zum Sport erzählen und wie ich meine Sportart, die mir, bis heute Freude macht, gefunden habe.


Eine frühe Hassliebe


Ich bin ganz ehrlich und offen: Sport und ich waren lange Zeit eine on- off-Beziehung.

Als Kind habe ich mich gerne und viel bewegt.

Später, als ich grösser wurde, nur soviel wie notwendig. Also um in die Schule zu kommen und zurück. Die weiterführende Schule zwang mich zum Sport. Die Schule lag in der nächsten Stadt. Es fuhr ein Bus, aber zu Unzeiten, so dass er für die Schulzeiten nicht nützlich war.

Also blieb mir, wie vielen anderen Kindern aus meinem Dorf, nichts anderes übrig, als mit dem Fahrrad zu fahren. Die rund 6 Kilometer konnte ich auf dem Hinweg in knapp 10 Minuten überwinden, weil es ungefähr 300 Höhenmeter nach unten ging. Der Nachhauseweg war einiges mühsamer. Da es zu meiner Zeit keine Tagesschule gab mit Kantine mussten wir über den Mittag um 11.50Uhr nach Hause fahren und um 13.30 wieder in der Schule sein. Das heisst an 3-4 Tagen der Woche absolvierte ich den Weg 2 Mal hin und her und zusätzlich Samstag Morgen. Fünf Tage Woche gab es nicht. Zu Beginn der 7. Klasse brauchte ich für den Rückweg 30 Minuten. Am Ende der 7. Klasse nur noch 20-25 Minuten.

Im Gymnasium fand ich den Sportunterricht langweilig und mühsam. Morgens um 7.30 Uhr eine Doppelstunde Volleyball war nicht mein Ding. Ich hatte auch immer die Befürchtung, dass die Bälle meine Finger verstauchen und ich dann nicht mehr Klavierspielen könnte...Ich fehlte sehr oft im Sportunterricht.

Doch bereits in dieser Zeit stellte ich fest, dass ich Ausdauersport mochte. Laufen und Radfahren. Nur im Emmental war beides sehr anstrengend, da immer irgendwelche Höhen zu überwinden waren, es machte mir nur bedingt Freude. Ich fühlte mich in dieser Zeit weder in meinem schon sehr fraulichen Körper, noch sonst wohl; dass ich, sobald ich mich anstrengte, und Sport machte, bedingt durch meine helle Haut, rot wie eine Tomate wurde und auch heute noch werde, war für meine Selbstwahrnehmung auch nicht gerade förderlich. Ausserdem fehlten mir "normale", sportliche Vorbilder in meinem Umfeld.

Meine beiden Brüder fuhren Rennrad und bestritten regelmässig Wettkämpfe und waren beide sehr fit. Gemessen an ihnen fühlte ich mich total unsportlich und trainierte nur dann, wenn es mir Freude bereitete und meistens alleine.


Studium


Als ich zum Studium nach Berlin kam war "Bewegungslehre" eines der Pflichtfächer. Eine ehemalige Balletttänzerin drillte uns darin. Mir machte diese Herausforderung Spass.

Im Rahmen der Hochschule lernte ich Dr. Hartmut Puls kennen.

Er hat über viele Jahre ein wichtiges Training für uns Musiker entwickelt.

Ich lernte durch ihn Hata-Yoga kennen und sein Zirkeltraining für Musiker. In diesem Zirkeltraining wurden alle Muskulaturen des Körpers gestärkt, meist mit Eigengewicht oder Stretchbänder und ich lernte Muskeln kennen, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Dr. Puls` Credo war: Gesund erhalten. Stärken bevor Beschwerden eintreten. Also mit anderen Worten Physioprophylaxe. ->kommende Blogbeiträge


Viele Instrumentalisten haben eine recht einseitige Haltung beim Üben und Musizieren. Verschiedene Studien in Profi-Orchestern, aber auch bereits in Jugendorchestern, haben gezeigt, dass sehr viele Instrumentalist:innen über Schulter-, Nacken- und Rückenschmerzen klagen, die sie im Laufe ihres Berufslebens zum Arzt und/oder Orthopäden bringen.

Dr. Puls entwickelte zusammen mit dem Kurt-Singer-Institut für Musikergesundheit verschiedene Kurse, um den Student:innen mehr Bewusstsein für ihren Körper mit zugeben und einseitige Muskuläre Überlastungen möglichst von Beginn an zu vermeiden.

Die Gesangsprofessoren sprachen mit mir nie über Sport und wie Sport mit Singen gut zu vereinen wäre. Sie hinderten mich nicht daran Sport zu machen, stärkten aber mein Bewusstsein diesbezüglich auch nicht. Ich schätze mal, dass sehr viele von ihnen selber auch nicht wirklich sportlich aktiv waren. Die Wichtigkeit von Sport und Körpergesundheit ist erst über die letzen 30 Jahre in den Fokus gerückt, also nach der Zeit ihrer Karrieren.

Ich habe in diesen Kursen sehr viel gelernt und profitiert, nur leider später auch wieder vergessen...


Nach dem Studium


Nach meinem Studium stand ich im Berufsleben, hatte Engagements, Konzerte und vieles mehr. In meinem ersten Engagement in Neustrelitz fing ich mir bei den Openair Operetten-Festspielen einen bösen Husten ein. Mit Medikamenten gelang es mir die Premiere und alle weiteren Vorstellungen zu singen. Doch der Husten blieb. Er wollte einfach nicht ausheilen. Ich quälte mich damit herum. Immer wieder hatte ich mit Rückfällen zu kämpfen, manchmal mit, manchmal ohne Fieber. Das war belastend und ärgerlich. Im Prinzip war mein Pflichtbewusstsein schuld daran: Ich gab mir nicht genug Zeit zum Ausheilen und so schleppte ich diese Erkältung immer weiter mit mir herum. Zum Frühjahr hin besuchte ich den Lungenarzt. Es ist in Berlin und Umgebung sehr schwierig in nützlicher Zeit einen Termin bei einem Lungenartzt zu bekommen und die Wartezeiten entsprechend lang. Es wurden alle Lungenfunktionen geprüft und ein Röntgenbild erstellt. Das Resultat war, dass immer noch Schleim in der Lunge war. Ich bekam einen Spray, den ich über mehrere Wochen nehmen sollte. Endlich begann mein Husten auszuheilen.


Der Sommer war sehr heiss und schön. Mein Mann hatte als Chorist im Bayreuther Festspielchor zu tun. Ich weiss noch wie ich an einem dieser warmen Sommerabende in der Wohnung sass und nachdachte. Bald würde ich den Spray absetzten müssen. Ich wusste mit meinem medizinischen Halbwissen, dass mit dem Spray im Prinzip die Bronchien geweitet wurden. Wenn er also weggelassen würde, würden sich die Bronchien vermutlich wieder verengen und das Ganze würde von vorne losgehen. Was also machen?


Ich dachte an die Episoden in meiner Kindheit und Jugend zurück, wo ich am gesundesten war. Klar, mal einen Schnupfen, oder in meinem Fall Mittelohrentzündung hatte ich schon, aber es gab viele, sehr gesunde, robuste Jahre.

Sie hatten alle etwas gemeinsam: Es waren die Jahre, wo ich mich am meisten bewegte, also Fahrrad fuhr, weil ich in die Schule musste, joggen ging, weil es mir Freude machte oder regelmässig und viel draussen war am Wandern.

So beschloss ich wieder mit regelmässigem Joggen anzufangen. Und so startete ich an jenem Abend eine Runde, die ich vom Spazieren gehen kannte und nahm mir vor einfach 20 Minuten zu joggen, ohne dass ich anhielt. Mit Müh und Not schaffte ich es. Alle zwei Tage rannte ich jetzt und hörte dabei genau auf meinen Körper. Als der September kam hatte ich meine Zeit auf 30-45 Minuten ausgedehnt. In Berlin rannte ich weiter. 45-50 Minuten. Ich gewann an Kondition, verlor an Gewicht, das war ein angenehmer Nebeneffekt, und meinen Bronchien tat die Belastung sehr gut. Ich rannte mich gesund. Mein Körper brauchte noch etwa ein Jahr um sich vollständig von der chronischen Entzündung in den Bronchien zu erholen. Die Bronchien blieben noch eine Weile empfindlich. Doch ich blieb dran.


Schwangerschaft, Geburt, erste Lebensjahre von meiner Tochter


Als ich mit meiner Tochter schwanger war strengte mich das Joggen zu sehr an. So beliess ich es bei intensiven und langen Spaziergängen.

Nach der Geburt machte ich Rückbildungstraining und fing langsam aber sicher wieder mit Joggen an. Doch ich war vorsichtig. Da ich stillte waren meine Muskeln und mein Gewebe weich. Da mein Kind 2, 5 Jahr lang nicht daran dachte durchzuschlafen war ich dauermüde.

In der Zeit tat ich mir im Rückblick mit Joggen keinen grossen Gefallen und trotzdem tat es mir gut als Ausgleich. Es war oft die einzige Zeit nur für ich alleine. Mit KiTa- Eintritt kamen die ganzen Erkältungen zu Jalia und zu mir. Ich war dauererkältet. Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, Magendarm, Hand-Fuss-Mund, alles war dabei und gleichzeitig viele schöne Konzerte und Produktionen. Wie durch ein Wunder legten sich die Infekte nie auf die Stimme. Das Publikum bemerkte nichts von allem.

Ich erkannte zu spät, dass ich einen chronischen Schnupfen hatte, weil, wie schon einmal, ich mir die Zeit zum Ausheilen nicht genommen hatte.

Das hatte ziemlich weitreichende Folgen, die ich hier jetzt nicht weiter ausführen möchte.

Das einzig Positive daran war und ist, dass ich meinen jetzigen HNO Arzt kennen und schätzen lernte, der mir wirklich aus der Patsche half und mit mir einen Weg fand, wieder gesund zu werden.

Ich lernte in dieser Zeit wie wertvoll ein gesunder Körper ist und wie schnell diese Selbstverständlichkeit weg sein kann, und wie dreckig es einem dann geht.


Nach dem Sommer 2018 wurde ich endlich wieder ganz gesund und meine Lebensenergie kam zurück. Gleichzeitig begann Jalia durchzuschlafen, was mir den notwendigen Schlaf zurück brachte.

Ich überliste mich seither selber in meinem Alltag: Bewegung und Sport sind ein fester Bestandteil meiner To do Liste, 10000 Schritte pro Tag das Minimum. Das funktioniert bis heute.


Fazit


Sport ist für mich ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Ich versuche meine Muskeln immer wieder zu trainieren. Mir ist bewusst, dass ich nicht unbedingt einen Marathon laufen muss. Ich weiss inzwischen auch einzuordnen, dass wenn ich 10 Kilometer oder 11 Kilometer in einer Stunde schaffe, das eine gute Leistung ist für mich. Ich setzte mir immer wieder Ziele, die ich zu erreichen versuche. Diesen Sommer möchte ich 15 Kilometer joggen schaffen. Irgendwann möchte ich vielleicht die 21 Kilometer knacken, also die Halbmarathondistanz. Ich versuche aber meinen Ehrgeiz in Schach zu halten, da es sonst Stress statt Lebensqualität wird für mich.

Im Winter jogge ich nicht, oder nur, wenn die Temperatur um die 10 °C ist. Sobald es regelmässig wärmer ist gehe ich wieder 2-3 Mal pro Woche nach draussen.

Ich persönlich mag Fitnessstudios nicht gerne. Deswegen suche ich mir in der kalten Jahreszeit Alternativen und habe mir ein Program zusammengestellt, das aus Hula-hopp, Hanteln und verschiedenen Übungen besteht, die meinen Körper trainieren, vor allem mit Eigengewicht. Dieses Programm mache ich oft während Jalia ihre Fernsehzeit hat, 30-45 Minuten so 2-3 Mal in der Woche.

Für mich ist es wichtig, dass der Sport mich und meinen Körper gesund erhält und dass ich mich durch den Sport besser fühle und gut singen kann. Wenn ich mich zu sehr auspowere und dann von mir eine Bestleistung im Singen erwarte, bin ich falsch gewickelt. Das alles muss in einer empfindlichen Balance gehalten werden, die ich durch mühsame Erfahrung gelernt habe.

Heute ist Sport aus meinem Leben in Kombination mit meinem Beruf, dem Singen, nicht mehr wegzudenken und dafür bin ich dankbar.



Bilder: Eigene Quelle, Sporthose, Pinkoberteil: Fitzery. https://fitzeri.com -> ein junges Unternehmen, das Sportkleidung für jede Körperform herstellt und die ich sehr zu schätzen gelernt habe. :)







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