Dimitri Schostakowitsch- Der angepasste musikalische Rebell

Einführung

Letzte Woche erzählte ich von dem Griechischen Komponisten Mikis Theodorakis der 1957 beim Kompositionswettbewerb in Moskau die Goldmedaille erhielt. In der Jury sassen hochkarätige Kollegen: Unter anderem Hanns Eisler und Dimitri Schostakowitsch.

Beides Komponisten, die durchaus auch politisch aktiv waren, wenn auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

Schostakowitsch galt lang als "Regimetreu", weil er für die Regierung Auftragswerke komponierte und aufführte. Erst nach seinem Tod zeigten neuere Erforschungen seiner Werke, was er wirklich von der Regierung gehalten hat, unter der er einen Grossteil seines Lebens in grosser Angst verbringen musste. Doch der Reihe nach:


Kindheit

Dimitir Schostakowitsch wurde am 25.9.1906 in Petersburg geboren. Seine Vorfahren väterlicherseits stammten ursprünglich aus Polen, wurden aber nach Sibirien verbannt und blieben in Russland. Seine Mutter war eine Pianistin. Dimitri war das 2. von 3 Kindern.

Seine Mutter musste bei ihrem eher in sich gekehrten Sohn das musikalische Interesse wecken. So begann er erst mit 11 Jahren Klavier zu spielen, was relativ spät ist.

Die Zeiten in Russland sind in der frühen Kindheit Dimitis sehr turbulent. Die Revolution beginnt sich mit aller Macht zu entfalten. 1917 wird der sensible Junge Zeuge, wie ein Arbeiter während einer Demonstration von einem Polizisten erschossen wird. Er beginnt das Erlebte in Kompositionen zu verarbeiten. "Hymne an die Freiheit" und "Trauermarsch für die Opfer der Revolution" entstehen in dieser Zeit.

Als die Revolution vorbei ist, regieren Lenin und seine Leute das Land. Dimitri und seine Familie quält der Hunger, wie viele andere russische Familien auch. Die Lebensmittel sind, wenn vorhanden, sehr stark rationiert. So gibt es Beispielsweise 4 Löffel Zucker pro Person und Monat. Wenn gar nichts mehr da ist, wird Suppe aus Rattenfleisch gekocht. Ablenkung findet Dimitri beim Spielen im Hof und am Klavier. Bald ist er so gut, dass er ans Konservatorium aufgenommen wird. Der Konservatoriums Direktor Alexander Glasunow beobachtet die Entwicklung von Dimitri sehr genau und verschafft ihm auch ein dringend benötigtes Stipendium, obwohl er selber mit Dimitris Musik nicht viel anfangen konnte, wie er gestand: „Ich finde seine Musik schrecklich. Es ist das erste Mal, dass ich die Musik nicht höre, wenn ich die Partitur lese. Aber das ist unwichtig. Die Zukunft gehört nicht mir, sondern diesem Jungen.“ Glasunow sollte recht behalten.


Welterfolg

Mit seiner 1. Sinfonie in f-Moll schloss Schostakowitsch 1925 das Konservatorium ab und erlangte erste internationale Erfolge. Bruno Walter führte die Sinfonie ein Jahr später auf und auch Arturo Toscanini folgte mit Aufführungen. Von Alban Berg erhielt Dimitri ein Gratulationsschreiben.

In den folgenden Jahren nach seinem Studienabschluss setzte sich Dimitri stark mit der zeitgenössischen Musik auseinander: Futurismus, Atonalität und auch dem Symbolismus. Er liess sich von Zeitgenossen wie Igor Stravinsky, Sergei Prokofiev und Gustav Mahler inspirieren und setzte die Musik in eine ganz eigenständige Sprache um. Die Sprache seiner Musik beruht auf gutem kompositorischem Handwerk und kreativer Instrumentierung des Orchesters.

1927 "durfte" er zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution eine Auftragskomposition des Regimes ausführen. So entstand die 2. Sinfonie "an den Oktober" in H-Dur. Erst viel später erkannten die Menschen wieviel Spott, Sarkasmus und Kritik an der leninistischen Regierung und Gesellschaft Schostakowitsch in diesem Werk musikalisch eingebaut hat. Es war der einzige Weg, wie er sich kritisch äussern konnte.

1931 erregte sein Ballett "Der Bolzen" erstmals den Ärger der Zensoren. Fortan stand Schostakowitsch unter kritischer Beobachtung.


Komponieren unter Stalin

Schostakowitsch kompnierte nicht nur Sinfonien sondern auch Opern. "Die Nase" entstand in den 1930er Jahren und nahm die ganze Bürokratie auf die Schippe.

Seine nachfolgende Oper "Lady McBeth von Mzensk" wurde 1934 ein sehr grosser nationaler und internationaler Erfolg, dem sehr viele Aufführungen folgten. Sie wurde sowohl vom Publikum als auch von den Kritikern gefeiert.

Bis zu jener Aufführung am 16.Januar 1936, die Stalin mit seinen Leuten in der Regierungsloge rechts über dem Orchestergraben besuchte. Die verstärkten Blechbläser waren an jenem Abend sehr laut. So laut, dass sich Stalin angeblich nach dem 2. Akt erhob und das Theater verliess, ohne den Komponisten in der Loge empfangen zu haben. In dieser Zeit, wo ständige Angst herrschte, durch irgendetwas in Ungnade zu fallen, kam diese Reaktion fast einer Hinrichtung gleich.

Am 28. Januar erschien in der Prawda ein Artikel über die besuchte Aufführung in dem Schostakowitschs Musik als "Chaos statt Musik" bezeichnet wurde und indem man ihm vorwarf seine Musik würde linksradikales Gedanken und kleinbürgerliches Neuertum darstellen. Es wurde ihm Formalismus vorgeworfen.

Dieser Zeitungsartikel, der von der Regierung bewilligt worden war, war in seiner Wirkung für Schostakowitsch katastrophal. Fortan wurden alle Aufführungen gestoppt.

Alle Kritiker, die nun Schostakowischs Musik beurteilen sollten, mussten unweigerlich über diese Kritik stolpern, denn hätten die Kritiker sich von der Kritik in der Prawda distanziert, hätten sie sich selber in Gefahr begeben.

Schostakowitsch schlief fortan in Kleidern und mit einem kleinen Koffer unter seinem Bett. Gefasst darauf, dass er jederzeit von der Geheimpolizei geholt werden könnte.

Es ist wenig erstaunlich, dass ein sensibler Mensch wie Schostakowitsch, angesichts der ständigen Bedrohung, anfing Angstzustände, Suizidgedanken und Depressionen zu entwickeln, die ihn über die nächsten Lebensjahrzehnte begleiten sollten. Diese Bedrohung wurde auch untermauert durch mehrmalige Vorladung durch die berüchtigte Geheimdienstzentrale Lubjanka, wo er als "Volksfeind" befragt und eingeschüchtert wurde. Viel später äusserte Schostakowitsch sich Rückblicken folgendermassen: „Das Warten auf die Exekution ist eines der Themen, die mich mein Leben lang gemartert haben, viele Seiten meiner Musik sprechen davon.“


Schubladenkompositionen und versteckte Kritik am Regime

Nach dem kritischen und in gewisser Hinsicht auch vernichtenden Artikel in der Prawda zog Dimitri seine Komposition der 4. Sinfonie zurück. Sie landete vorerst in der Schublade, wie noch einige andere Werke aus dieser Zeit auch.

In die Öffentlichkeit gelangten "gemässigtere" Werke wie die 5. Sinfonie, die vom Regime offiziell als "Rückkehr des verlorenen Sohnes in die kulturtreue Politik" dargestellt wurde.

Doch wer genau hinhört wird feststellen, dass über dem Triumphmarsch eine grosse Bedrohung liegt und er mehr Ähnlichkeit mit einem Todesmarsch hat.

Die 7. Sinfonie ist eines von Schostakowitschs bekanntesten Werke. Sie entstand während der Belagerung Leningrads durch die Deutschen. Stalin hatte grosses Interesse daran, dass diese Sinfonie weltweit augeführt wurde als Symbol des Widerstands gegen den Faschismus. Dadurch wurde die Sinfonie tatsächlich international unter bekannten Grössen wie Henry Wood oder Arturo Toscanini aufgeführt. Durch dieses Werk wurde Schostakowitsch der Stalinpreis verliehen. Die Deutung dieses Werkes ist bis heute umstritten. Es finden sich variierte Gewaltmotive aus seiner, vom Regime abgesetzten, Oper Lady Mcbeth wieder, die bei Schostakowitsch auf Gewalt und Mord hindeuten und die bis heute als Hitler- oder Stalinmotiv interpretiert werden, doch bis heute ist die Deutung nicht klar belegt.

1943 wurde die 8. Sinfonie, die sogenannte "Stalingrader" aufgeführt. Doch wer einen heroischen Anschluss an die 7. Sinfonie erwartet, der wird enttäuscht. In der 8. klingt viel Resignation mit und sie wirkt sehr nachdenklich und verklingt leise. Sie zeigt die Trauer über all die verlorenen Menschenleben und feiert nicht den Sieg. Kein Wunder, dass diese Sinfonie der Zensur zum Opfer fiel und viele Rundfunkmitschnitte vernichtet wurden.

Von Schostakowitschs 9. Sinfonie nach dem heroischen Sieg Russlands, erwartete die Regierung eine Triumphale Musik, ähnlich wie bei Beethovens 9. Sinfonie. Doch Schostakowitschs 9. wirkt schlicht und fast wie eine Sinfonie von Haydn. Kein Wunder, dass diese Sinfonie bei der Kritik durchfiel. Doch wer genau hinhört und die Partitur studiert entdeckt folgendes:

Es ist ein Zitat von Gustav Mahlers "Knaben Wunderhorn" vom Lied "Lob des hohen Verstands" darin. Bei diesem Lied geht es darum, dass der Esel, der Weiseste der Weisen genannt, den Kuckuck als den besseren Sänger bezeichnet, als die Nachtigall. Die Nachtigall singe viel zu kompliziert, den Kuckuck hingegen könne jeder verstehen, da er nur zwei Töne singe, deswegen sei der Kuckuck der Sieger im Sängerwettstreit.

Stalin wurde nach dem Krieg als "der Weiseste der Weisen" bezeichnet...


Die Zeit nach dem Krieg wurde für Komponisten wie Schostakowitsch keineswegs leichter. Im Gegenteil: Sie mussten sich vom sowjetischen Verband der Komponisten der "Volksfremdheit" und anderer Vorwürfe beschuldigen lassen.

Schostakowitsch löste das Problem auf seine Weise: Fast alle bedeutenden Werke dieser Zeit landeten erst mal in der Schublade.

Nach dem Tod Stalins 1953 veröffentlichte Schostakowitsch seine 10. Sinfonie, die einer musikalischen Abrechnung mit Stalin gleich kommt. Sie ist geprägt von Trauer und Schrecken und Endet aber mit der Selbstbehauptung und dem eigenen Überleben, was ersichtlich wird an den Tonfolgen D- S-C-H (D, Es, C, H) also den Initialen von Dimitiri Schostakowitsch.

Er sollte auch in anderen Werken immer wieder seine Initialen einfliessen lassen.

Auch die Komposition seiner 11. Sinfonie ist an ein politisches Ereignis geknüpft:

Sie soll an den Petersburger Blutsonntag von 1905 erinnern wo über 1000 unschuldige und unbewaffnete Menschen, die der Regierung eine Bittschrift überreichen wollten, ermordet wurden. Manche meinen auch, dass sich die Sinfonie durchaus auch auf den Aufstand von 1956 in Ungarn beziehen könnte. Wie auch immer, Tatsache ist, dass Schostakowitsch Geschehnisse seines Lebens in der Musik und in musikalischen Motiven verarbeitet hat. Er übte über die Musik immer wieder Kritik am Regime und der Regierung der Sowjetunion.

Nach 1958 verbesserte sich das Ansehen von Schostakowitsch in der Sowjetunion wieder langsam aber merklich.

Die letzen Lebensjahre von Dimitri waren geprägt von Gesundheitlichen Problemen. Schon als junger Mann hatte er mit Tuberkulose zu kämpfen. Nun kamen eine chronische Rückenmarksentzündung dazu, die zur Erlähmung seiner rechten Hand führte. 1966 und 1971 erlitt er zwei Herzinfarkte. Ab 1967 war er infolge eines Beinbruchs bis an sein Lebensende gehbehindert.

Trotz all dieser Einschränkungen komponierte er weiter. So entstanden die "Sieben Romanzen nach Worten von A. Block" , die heute zu seinen bedeutendsten Spätwerken zählen für Sopran,Violine, Cello und Klavier.

Eines seiner letzten vollendeten Werke ist die 15. Sinfonie, die voll ist mit Selbstzitaten und ein Rückblick auf sein eigenes Leben darstellt, das geprägt war von Höhen und Tiefen.

Sein letztes vollendetes Werk ist die Sonate für Violine und Klavier. Noch im Krankenhaus korrigierte er den Vordruck, bevor er am 9. August 1975 nach starb.

Sein Leben war geprägt von Elend, Angst, einer unberechenbaren Regierung, Erfolg und Musik. Die Musik half ihm immer wieder alle Erlebnisse und Ungerechtigkeiten auszuhalten und diese zu verarbeiten. Die Musik gab ihm die Möglichkeit seine kritische Meinung und Stimme zum klingen zu bringen und wird bis heute immer mehr verstanden.


Fazit

Weder Dimitri Schostakowitsch noch Mikis Theodorakis hatten das Glück in einer freien Demokratie zu leben, so wie wir hier in Deutschland oder auch in der Schweiz, wo ich herkomme.

Mit diesem Bewusstsein und angesichts der anstehenden Bundestagswahlen in Deutschland am 26.9.2021 und auch des Wahlsonntags in der Schweiz, sollten wir unsere Möglichkeit der freien Wahl wirklich wahrnehmen und wählen gehen. Hier in Deutschland bin ich ein "Zaungast" und kann nur zuschauen. Meine Stimme als Auslandschweizerin hingegen habe ich schon abgegeben. Seit ich im Ausland lebe, ist mir bewusst geworden, welchen politischen Luxus wir Schweizer*innen haben unsere Demokratie direkt mitzubestimmen und diese Gelegenheit nehme ich seither immer wahr und habe noch keine Wahl verpasst, die alle 3-4 Monate statt findet.

Anders sieht es hier in Deutschland aus, wo es die Bürger*innen alle 4 Jahre in den Händen haben, welche Politiker*innen an die Macht und Regierung des Landes kommen.

Es erscheint mir wichtig alle aufzurufen wählen zu gehen! Nicht wählen ist keine Option in Anbetracht von Parteien wie der AfD, die wir alle keines Falls unterschätzen dürfen.

Alle, die wählen dürfen, sollten wählen gehen! Gebt Eure Stimme ab! Für eine weiterhin freie Demokratie, die ein vielfältiges Miteinander ermöglicht! Jede Stimme zählt!






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