Die lustige Witwe- die Proben beginnen

Seit dem 23.5.2022 bin ich in Schönebeck bei Magdeburg.

Ab dem 25.6. wird der 24. Operettensommer eröffnet und stattfinden, endlich. Durch die Pandemie wurde er zweimal verschoben, was gleichzeitig zu verschiedenen Neuerungen geführt hat unter anderem zu meiner Besetzung als Hanna Glawari.


Am Montag dem 23.5. begannen wir mit musikalischen Proben unter der Leitung von Jan Michael Horstmann. Der Probebeginn war um 10Uhr geplant. Ich war jedoch bereits vor 9Uhr im Büro und vor Ort, da ich noch einiges klären wollte und musste. Schönebeck ist ein sehr lang gestreckter Ort. Von meiner Unterkunft bis ins Büro waren es bestimmt 3 Kilometer zu laufen. Die Morgenluft tat mir gut und ein neuer Ort erschliesst sich mir am schnellsten zu Fuss oder mit einem Rad. Zudem musste ich, um ehrlich zu sein, auch meine leichte Aufregung loswerden. Es ist immer spannend neue Orte und Menschen kennen zu lernen, aber gleichzeitig auch aufregend. Doch spätestens gegen 9.30Uhr als ich mit den Kollegen bei einem Kaffe draussen sass, stellte ich fest, dass meine Aufregung unbegründet war.

Es war für mich sehr wertvoll meine Kolleg:innen an diesem Tag schon mal musikalisch kennen zu lernen, sicherer zu werden in der Musik und so gut auf die szenischen Proben vorbereitet zu sein.

Auch der Dienstag stand noch unter musikalischen Proben. Ich lernte die Spielstätte kennen. Den Biererberg. Er ist etwas ausserhalb von Schönebeck gelegen, eine kleine Anhöhe in der sonst flachen von der Elbe geprägten Landschaft. Auf dem Biererberg gibt es ausserdem eine schöne Tierparkanlage und einen wunderschönen Spielplatz- ok der ist für uns Sänger:innen natürlich nicht wirklich relevant, aber für unsere Kinder schon. Die Bühne ist wie eine Art Amphitheater mit fast 900 Plätzen. Das Bühnenbild mit den Treppen stand schon. Hier sollten also die kommenden Wochen die Proben und später die Aufführungen stattfinden. Bei schlechtem Wetter gibt es eine Ausweichmöglichkeit in einem Bootshaus. Zum Glück sind genügend Kollegen unter uns motorisiert. Die Strecken mit dem Rad wären machbar, aber auch weit und es kommen schon so jeden Tag an die 15km zusammen, da ist man froh, wenn andere ein Einsehen haben.


Am Anfang jeder Inszenierung und Erarbeitung einer Oper oder Operette steht das Konzeptionsgespräch. Meistens sagt der oder die Regisseurin wie sie das Stück sehen, in welcher Zeit es stattfinden soll, was der Gedanke hinter der Inszenierung ist. An Theatern kommt meistens auch der Dramaturg zu Wort, der viel wertvolles Hintergrundwissen zur Entstehungsgeschichte des Werkes und des Komponisten erläutern können sollte.

In unserem Fall hat Birgit Eckenweber beides in einem erfüllt. Unsere Inszenierung soll in den 1920er Jahre stattfinden, in der Blüte des Jugendstils. Maler wie Gustav Klimt haben diese Zeit geprägt, Musiker wie Richard Strauss oder auch Gustav Maler haben die Kultur mit beeinflusst. In England gingen die Frauen auf die Strasse und kämpften bereits für mehr Rechte und vor Allem politisches Mitspracherecht. Das kommt in der Operette auch vor im Finale I mit dem Ballrecht und Wahlrecht...


In der Operette gibt es als Brücke von der einen Musik in die nächste Sprechtexte. Diese auf den Punkt zu bringen vom Sprechen und Spielen her ist eine Herausforderung und erfordert einiges an Zeit und auch an ausprobieren. Aktion-Reaktion. Sowieso wird die Operette fast immer unterschätzt. Dieses Genre ist für uns Sänger:innen sehr anspruchsvoll. Der Wechsel von Sprechen zu Singen und umgekehrt braucht viel Übung und eine robuste Stimme. Als Operettendiva benötigt man eine sehr gute, tragende Mittellage und Tiefe genauso wie eine gute Höhe. Man erfüllt dabei durchaus die Arbeit eines Schauspielers, noch mehr als in der Oper, wobei auch in der Oper die Tendenz immer mehr dahin wandert, was ich eigentlich begrüsse. Die "lustige Witwe" ist eine Tanzoperette. Das heisst in sehr vielen Szenen gibt es Choreographien und es wird Walzer getanzt und oftmals dazu gesungen. Das alles zu kombinieren und auf den Punkt zu bringen ist wirklich anspruchsvoll.


Und wir sind nun mitten in diesem Prozess des Erarbeitens.

Dazu kurz eine Zusammenfassung des Werkes: Der erste Akt spielt in Paris in der Pontevedrinischen Botschaft. Der Staat Pontevedro steht kurz vor der Pleite. Baron Zeta möchte dies verhindern in dem er die lustige und vor allem schöne, reiche Witwe, Hanna Glawari mit Graf Danilo verkuppelt. Was er nicht weiss ist, dass Danilo und Hanna sich geliebt haben und ein Paar waren, jedoch nicht heiraten durften, weil die aristokratische Verwandtschaft Danilos dies zu verhindern wusste. Nach diesem verletzenden Zwischenfall heiratete Hanna den reichen Bankier Glawari, der kurz nach der Hochzeit starb und ihr ein grosses Vermögen hinterliess. Danilo ist nach Paris gereist um seinem Schmerz und Verlust zu entkommen und lenkt sich nun regelmässig im Maxim ab, einem Nachtclub, wenn er nicht in der Botschaft arbeitet. Auf dem Ball begegnen sich die beiden wieder und die alte Liebe flammt wieder auf. Hanna wird von den Männern umschwärmt, doch ist es wirklich ihre Person, die umschwärmt wird, oder ihr Erbe? Zeitgleich findet Baron Zeta einen Fächer mit einer Liebesbotschaft darauf. Wem gehört dieser? Wer wird von wem Betrogen? Der junge Camille hat sich in die schöne Valencienne, die Frau des Barons, verliebt. Welches Spiel spielt Valencienne mit Camille? Werden zum Schluss Hanna und Danilo wieder zusammen finden?


Die Szenen zwischen Danilo und Hanna sind intensiv. Die beiden sagen oftmals das Gegenteil von dem, was sie meinen. Es ist immer eine starke Spannung zwischen den beiden und um diese herzustellen braucht es das perfekte Timing mit Blicken, Gesten etc. Es sind beides sehr starke Charakteren. Hanna ist eine starke, fortschrittliche Frau und Danilo ist ein ebenbürtiger Partner und in diesen 2,5 Stunden liefern die beiden sich einem Katz- und Maus-Spiel, bis sie sich hoffentlich am Ende kriegen. Um das authentisch zu spielen und zu singen braucht es auch viel Vertrauen in den jeweiligen Bühnenpartner und eine sehr gut beobachtende Regisseurin, die an den richtigen Stellen insistiert. Die haben wir mit Birgit zum Glück. Sie macht das Ganze mit einer grossen Ruhe und Übersicht, was die Proben sehr erfrischend und angenehm macht.

Wir proben jeweils von 10-14Uhr und dann ab 18h wieder. Dazwischen ist Zeit. Ich nutze sie gerne um um das Gradierwerk in Schönebeck zu gehen, oder mit dem Fahrrad die Gegend zu erkunden. Es ist ein historisches Gradierwerk und zeigt die langjährige Geschichte von Schönebeck als Kurort. Das Gradierwerk ist Teil einer schönen Parkanlage.

Die Landschaft um Schönebeck herum ist wunderschön. Die ersten Elbauen sind zu sehen mit Sandbänken und den unterschiedlichsten Tieren. Die Stadt selber hat viele Altbauhäuser, die gut erhalten und gepflegt sind. Die Vergangenheit und Gegenwart der Kurgäste und des Kurorts ist ersichtlich und strahlt eine gewisse Eleganz aus.


In den ersten Tagen war auch meine erste Anprobe der Kostüme. Toto ist ein Meister, was die Ausstattung anbelangt und hat einen hervorragenden, geübten Blick für die jeweiligen Protagonisten. Die Kostüme der Hanna werden sehr weiblich, sehr sinnlich, sehr 20er Jahre und sehr schön. Bei der Anprobe kam ich mir vor wie Cinderella, was mir noch nicht so häufig passiert ist.

Kurz: Es liegt eine intensive und spannende Zeit vor mir, die das Potenzial zu einer sehr schönen Produktion hat und über die ich mich freue.

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