Das Musikerleben beginnt wieder...

Das erste Solokonzert nach fast einem Jahr

Der Sinn dieses Blogs war eigentlich von meinen Konzerten und Projekten zu erzählen und Menschen, die keine Musiker*innen sind sondern vielleicht "nur" Musik Liebhaber*innen einen Einblick hinter die Kulissen zu gewähren und sie mit diesem harten, aber gleichzeitig wunderschönen Beruf, der auch eine Berufung ist vertraut zu machen. Dann kam die Pandemie und ich hatte viel Zeit zu Themen zu recherchieren, mit denen ich mich sowieso schon lange befassen wollte, wie den Komponistinnen, Politisch aktiven Musiker*innen/Komponist*innen usw. Alles wirklich spannend. Doch nun ENDLICH scheint wieder eine Zeit zu kommen, wo es in unserem Musikerleben und auch in dem der Freiberufler wieder weitergeht und so möchte ich Euch von meinem ersten grossen Solokonzert erzählen:


Matthias Elger ist ein begnadeter Musiker und Kantor. Er war, bevor er die Kantorei der Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg aufgebaut hat, einige Jahre als Kapellmeister an der Oper in Leipzig tätig. Wir kennen uns seit vielen Jahren und haben einige sehr schöne Konzerte gemeinsam gestaltet.

So trat ich etwa im Spätsommer 2019 an ihn heran mit der Idee ein Programm "Gebete in der Oper und im Gottesdienst" zu entwerfen und realisieren. Beim einstudieren meiner Partien im neuen Stimmfach ist mir aufgefallen, dass die Opernfiguren sehr viel beten:

Norma betet in "Casta Diva", Desdemona bevor sie stirbt mit der Erzählung der Weide und dem anschliessenden "Ave Maria", Elisabeth betet, als Tannhäuser nicht aus Rom zurückkehrt und viele mehr. Es fanden sich schnell schöne Arien und "herkömmliche" Gebete. Wir planten das Konzert im Februar 2020 zu musizieren. Doch dann kam die Pandemie. Optimistisch wie wir waren verschoben wir das Ganze auf den November 2020 in der Annahme, dass es dann wieder möglich wäre. Wieder hatten wir Pech. 5 Tage vor unserem Konzert wurde ein erneuter Lockdown beschlossen, der vor allem uns Kulturschaffenden betraf.

Doch wir blieben dran. Und so kam es, dass nun am 1.10.2021 unser Konzert ENDLICH erklingen durfte, vor Publikum!

Im September haben wir uns zu zwei Proben getroffen und am Konzerttag selber noch einmal eine Anspielprobe, weil Cornelia Ewald unser "Orchester" verstärkte. Matthias Elger spielt nie das, was im Klavierauszug steht, sondern noch viel mehr, weil er innerlich den Orchsterklang hört. Reichen seine beiden Hände nicht aus, nimmt er noch 2 weitere dazu, in dem Fall Cornelia Ewald, die sich zu unserem Glück gerne dazu bereit erklärt hat.


Unser Programm war:


Dvorak: Nummer 3&5 aus den Biblischen Liedern

Bellini: Norma "Casta Diva"

Puccini: Tosca " Vissi d'arte"

Gounod: Repentir

Verdi: Desdemona " Szene: Salce, Ave Maria"

Nystedt: Abendgebet nach einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer (mit Orgel)

Wagner: Elisabeth "Allmächtge Jungfrau"mit (Orgel)

Boellmann: Orgelstück "Prière à Notre Dame"

Frank: Ave Maria (mit Orgel)

Bizet: Carmen Arie der Micaela

Fauré: En Prière


und als Zugabe:


Ave Maria von Schubert.


Bis auf die Stücke, wo "mit Orgel" vermerkt ist, wurden alle Stücke mit Klavier begleitet und mit Orgel verstärkt.

Ich hatte grossen Respekt vor dem Programm. Die Schwierigkeit darin bestand, neben der Länge, vor allem im Wechsel von der Konzertstilistik zur Opernstilistik und dann innerhalb von Oper und Konzert gab es noch einmal diverse stilistische Wechsel. Das war für mich sehr anspruchsvoll. Trotzdem freute ich mich sehr auf dieses Konzert. Es war seit einem Jahr mein erstes grosses Solokonzert. Das letzte grosse Soloprojekt war die Studioproduktion von "la voix humaine" in Byrons Studio. Damals war die Zuschaueranzahl durch die Vorschriften der Pandemie extrem beschränkt.

Das war an diesem Konzertabend anders. Sowieso war die ganze Ausgangslage anders. Durch die Impfkampagne war ein Grossteil des Publikums geimpft und die Menschen durften wieder in der Kirche sitzen und am Platz auch ohne Maske. Es fühlte sich fast so an wie früher.

Ich erkannte viele bekannte Gesichter. Es berührte mich, dass sie meinetwegen da waren.

Am Anfang war ich noch etwas aufgeregt und hatte mit etwas Schleim zu kämpfen, wie so oft im Herbst. Dvorak lief ganz gut. Der Wechsel zu Norma war anspruchsvoll und ich brauchte etwas, bis ich bei Norma angekommen war. Ab Tosca war ich im Konzert und der vollen Konzentration drin. Ich vergass von da an Zeit und Raum und sang wie um mein Leben. Es existierte nur noch die Musik und das Musizieren.

Als wir nach 90 Minuten bei der Zugabe angelangten erfüllte mich eine riesige Dankbarkeit. Ich war so dankbar, dass ich hier und an diesem Abend singen durfte. Ich war dankbar, dass ich gesund war und es mir möglich war zu singen und viele Menschen mit meinem Singen zu berühren.

Als ich mich umzog sagte Cornelia Ewald zu mir, dass sie ganz erfüllt und glücklich ist von dieser wunderbaren Musik und meinem Gesang und so ging es allen Menschen, die mich hinterher angesprochen haben. Ihre Worte erfüllten mein Herz und bestärkten mich in meinem Weg, den ich weitergehe. Die Pandemie war ein sehr harter und grosser Prüfstein für mich als freiberufliche Sängerin gewesen. Ich habe gelernt, dass es nicht selbstverständlich ist vor einem Publikum singen zu dürfen und das was meine Berufung ist mit anderen Menschen zu teilen. Seit der Pandemie singe ich jedes Konzert, jedes Vorsingen so, wie wenn es das letzte wäre, mit vollem Einsatz und vollen Emotionen. Das gibt mir ein ganz anderes Gefühl der Intensität, das ich vorher so nie gekannt habe.

Ich bin sehr gespannt, ob ich in Zukunft diese Intensität beibehalten kann. Noch ist ein Grundmisstrauen in mir, dass auf einmal der nächste Lockdown kommen könnte und alle Konzerte, alle Chancen weg sein könnten. Es ist aber mehr in meinem Unterbewusstsein, als in meinem Bewusstsein, doch es zeigt mir: Eine solche Zeit mit solchen, teilweise kaum nachzuvollziehenden Massnahmen, hinterlässt schon ihre Spuren, in jedem von uns.

Wenn es bei mir "nur" bei diesem "Ich singe um mein Leben" bleibt, kann ich gut damit leben.

Hier ein kleiner Ausschnitt vom Konzert:


Diese Woche folgt eine Art "Tagebuch" von und um meine Aufnahme von Paul Hindemiths "Das Marienleben". Dran bleiben lohnt sich! ;)




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