top of page

Das Damoklesschwert und die Videoaufnahmen

Öffentlichkeitsarbeit in Zeiten wie diesen

Seit der Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist, ist es still um mich geworden auf Instagram und Co. Es fällt mir schwer Angesicht dieses Krieges und der unzähligen Schicksale über meine scheinbaren Belanglosigkeiten, Auftritte und meinen Alltag zu berichten.

Es erscheint mir wie ein ungeheurer Luxus mit meiner Leidenschaft und meiner Berufung Geld verdienen zu können und andere Menschen glücklich zu machen mit meinem Gesang. Ich empfinde eine tiefe Demut und eine grosse Dankbarkeit nach den zwei Pandemiejahren wieder auf der Bühne stehen zu können und Rollen verkörpern zu dürfen.

Die Pandemie hat mir gezeigt, wie wenig selbstverständlich das alles ist, wie fragil unsere Lebenskonstrukte oftmals sind.


Als Kind habe ich eine Geschichte gelesen, die mich schon damals fasziniert hat und die ich hier mit Euch teilen möchte:


Eines Tages kommt ein Bürger/Höfling zum König und beschwert sich, dass er nicht so viel Luxus und Hochachtung bekommt, wie der König. Daraufhin tauschen der König und der Bürger für einen Tag die Aufgaben. Der Bürger ist nun ein Tag lang König. Er darf alle guten Speisen essen und trinken, bekommt Luxusgewänder und darf die herrschaftlichen Entscheidungen treffen. Am Abend des Tages lädt der König den Bürger zu einem gemeinsamen Essen ein und fragt ihn, wie es war. Der Bürger schwärmt und meint: "Es war so toll und Du hast so leckere Speisen und alle hören auf Dich!". Daraufhin bittet der König ihn nach oben zu schauen. Was der Bürger sieht versetzt ihn in Panik und er kann das Essen daraufhin nicht mehr in Ruhe geniessen, ein scharfes, spitzes Schwert, das lediglich an einem Pferdehaar befestigt hing über seinem Platz, eine falsche Bewegung ein Windhauch und der Bürger wäre tot...der König erklärt dem Bürger daraufhin, dass auch sein Leben, also das königliche, und seine Macht an einem Pferdehaar hingen und er jederzeit von seinen Feinden beseitigt werden könne und er mit dem Bewusstsein, dass alles jederzeit und jeden Tag vorbei sein könne, leben müsse.


Es ist eine von vielen Erzählungen in meinen Worten gefasst, über das Damoklesschwert.


Während der Pandemie begann ich diese Geschichte wirklich zu verstehen und jetzt wo der Krieg in der Ukraine herrscht gewinnt sie an Gewichtung noch mehr.

Unser Leben, das wir uns in unserer Gesellschaft aufbauen ist fragil. Wenn ich ernsthaft erkranke, kann ich meinen Beruf nicht ausüben und wenn es die Umstände in der Gesellschaft nicht erlauben, wie während der Pandemie, auch nicht.


Wir waren in Europa, was Stabilität, Wirtschaftswachstum und auch Frieden anbelangt lange Zeit verwöhnt. Es gab immer wieder mal Konflikte, die sehr schlimm waren, wie in Ex-Jugoslawien, aber nicht Konflikte mit einer atomaren Grossmacht wie Russland.

Und diese Tatsache, dass nun eine atomare Grossmacht ein eigentlich unschuldiges, demokratisch orientiertes Land angreift und Massaker an unschuldigen Zivilisten verübt ist für die meisten von uns absolut unbegreiflich. Wie kann so etwas im 21. Jahrhundert geschehen? Wie kann es sein, dass Krankenhäuser, das Rote Kreuz und Zivilisten angegriffen werden? Welches Recht gibt es dazu, womit ist das zu rechtfertigen? Womit sind die ganzen Drohungen mit atomaren Angriffen zu rechtfertigen?

Es müsste doch dem Dümmsten klar sein, dass wenn Europa mit diesen schrecklichen Waffen regelrecht vernichtet würde, es spätestens mit dem nächsten Westwind auch die ganze Bevölkerung in Russland vernichtet und ein Grossteil der Erde für die nächsten 1000 Jahre unbewohnbar machen würde. Kann das ernsthaft irgend eine Regierung in Erwägung ziehen?

Trotz dieses rationalen Wissens jagt es mir ab und zu regelrechte Panikschauer den Rücken hinunter, wenn ich Nachrichten lese, was ich in letzter Zeit zum Selbstschutz nur noch wenig mache. Doch ganz ehrlich: Im Falle eines Falles, was könnte ich denn machen? Nichts.

Ich muss lernen mit dieser Bedrohung zu leben und kann eigentlich nur hoffen, dass der Krieg sich nicht weiter ausweitet und hoffentlich bald zu Ende ist. Ich muss lernen mit dem Damoklesschwert, das über unserer Gesellschaft hängt zu leben und dass unser Leben hier fast normal weitergeht.

Die Auswirkungen des Krieges sind in Form von Flüchtlingen und einer lange nicht dagewesene Inflation unter uns. Alle Preise explodieren förmlich. Wovon sollen die Ärmsten unter uns leben? Es ist eine richtige Kettenreaktion, die zur Zeit stattfindet.

Doch in meinen Augen, kann ich mit einer Inflation leben lernen, solange das Land in dem ich lebe sicher ist und hier Frieden herrscht. Es möge so bleiben!


Wie zu Beginn der Pandemie reagieren alle auf ihre ganz eigene Art und Weise. Die einen posten unablässig interessante Zeitungsartikel über diesen Krieg auf der Suche nach Antworten auf ihre berechtigten Fragen und diese Unbegreiflichkeit.

Andere ignorieren diesen Konflikt scheinbar komplett und posten weiterhin ihre Oberflächlichkeiten, wie wenn sie das alles nichts angehen würde. So nach dem Motto "ist ja eh weit weg", Hauptsache die Welt dreht sich weiterhin um sie und ihre Karrieren und Auftritte. Und noch andere verfallen in Schweigen, so wie ich mehrheitlich, was auch nicht die Lösung sein kann auf die Dauer.

Wahrscheinlich liegt das Augenmass, wie so oft, ziemlich in der Mitte von allem.

Ich möchte versuchen diese Mitte wieder zu finden, doch ich habe Zeit gebraucht um zu begreifen, was in mir selber vorgeht, was dieser Krieg in mir auslöst an Gefühlen und Widersprüchen. Und genau deswegen hat meine eigene Öffentlichkeitsarbeit einige Zeit fast brach gelegen und die ist für eine freischaffende Musikerin wie ich es bin nicht unwichtig.

Trotzdem erlaube ich mir immer wieder Auszeiten zu nehmen von den Socialmedia, wenn ich über Geschehnisse gründlich nachdenken muss und möchte. Diese Auszeiten sind sehr wohltuend für mich und ich kann dann mit neuer Kraft wieder Energie in meine sozialen Netzwerke legen. Ich muss nicht mit dem Strom schwimmen, wenn ich das nicht möchte und da ich mich zum Glück nicht über die Likes auf Instagram oder Facebook definiere, ist das gegen den Strom schwimmen auch nicht anstrengend, sondern heilsam.


Die letzten Wochen habe ich statt ständig irgendetwas von mir zu Posten andere Dinge gemacht. Zum Beispiel eine Hauptpartie innerhalb von 10 Tagen auswendig gelernt und zum Leben erweckt und parallel dazu habe ich neue Videos aufgenommen und davon möchte ich Euch jetzt erzählen:


Die Aufnahme

Was früher eine Tonaufnahme regelte bei Bewerbungen ersetzen heute Videos. Die Leute, welche die Sänger:innen auswählen wollen nicht nur deren Stimme hören, sondern auch den oder die ganze Sängerin sehen und hören. Ein weiteres Zeichen der stark gewordenen Visualisierung in unserer Gesellschaft. Der Vorteil von Videos ist, dass gleich der ganze Mensch erfasst wird. Der Betrachter stellt sofort fest ob gross, klein, dick oder dünn und ob der Typ auch zur Stimme passt, was für die Bühnenarbeit nicht unwichtig ist. Der Nachteil ist meines Erachtens ist, dass stimmliche und technische Mängel weniger wahrgenommen werden, weil man sich auf alles konzentriert statt "nur" auf die Stimme.

Nun wurde mir gesagt, dass Gesangsvideos mit Arien ohne Schnitt verlangt würden. Das heisst, die Arien und ausgewählten Stücke laufen wie bei einem Konzert oder Vorsingen durch, ohne Unterbrechung. Das wiederum ist eine grosse Herausforderung, aber ergibt dann meines Erachtens ein "ehrliches" Resultat. Nicht so, wie bei manchen CDs wo gross vorne drauf steht "live-Mitschnitt" und beim Lesen des Kleingedruckten stellt man fest, dass beide Konzerte und die Generalprobe mitgeschnitten wurden und von allem das Beste auf die CD gebracht wird...das hat mit "live" nicht viel zu tun in meinen Augen.


Nun gut. Da meine letzten Video-Aufnahmen 2019 waren und sich meine Stimme in der Zeit weiterentwickelt hat, dachte ich, dass eine erneute Videoaufnahme nicht schaden könnte.

Ich rief Till an und fragte, ob er Zeit und Lust hätte mit Byron und mir die Aufnahme zu machen. Zu meinem Glück war Till dazu bereit, was mich sehr freute.

Und so bereitete ich mit Byron nach der Premiere im April nun den Schlussgesang von Salome und die Arie der Chrysothemis vor. Beides von Richard Strauss.

Die zwei Wochen bis zur Aufnahme feilten wir intensiv an diesen beiden Stücken. Strauss ist für mich sehr viel Schichtig. Von der Harmonik, der Gesangsführung, aber auch von der Sprache her. Hier gilt es die Sprache herauszuarbeiten und in die Musik einzufügen. Strauss macht es diesbezüglich den Sängern leicht und schwer zugleich. Er versteht es den Sprachrhythmus genau einzubinden in die Melodie. Viele Melodien sind auf ganzen Takten zu empfinden, egal ob das nun 3/4 oder 4/4 sind. Strauss ist sehr genau, was die Beschreibung von Dynamik und Diktion der Musik anbelang und genau das macht seine Musik komplex und anspruchsvoll.

Bei Chrysothemis finden sich immer wieder Hemiolen. Das bedeutet, dass in einem 3er Takt, ein 2er Rhythmus dagegen kommt. Wenn wir also 2 3/4tel Takte haben, die in der Begleitung so bleiben, finden wir in der Gesangsstimme 3 2er Bündel. Das ergibt auch 6 Schläge, einfach anders verteilt und über die Taktstriche hinweg. Dadurch erhält die Melodik und der Text eine andere Gewichtung und manchmal etwas Schwebendes. Beim Einstudieren tut man sich als Sänger:in erst mal eher schwer mit solchen Tatsachen und bis es ganz selbstverständlich klingt und einfach nur noch fliesst braucht es seine Zeit.


Wir trafen uns um 11h in Byrons Studio. Till brauchte eine knappe Stunde mit Aufbau und Toncheck. Dann ging es los. Wir fingen mit Salome an. Der Schlussgesang dauert 10-12Minuten und ist sehr anspruchsvoll. Erst sprach ich es markiert mit Klavierbegleitung durch, so dass Byron und ich wussten, wo wir welche Tempi erwischen mussten und dann nahmen wir die Arie auf. Beim ersten Take waren ein paar Zauberstellen dabei und ein Text Dreher. Mir wollte ein Wort einfach nicht einfallen und ich habe es durch ein anderes ersetzt, was natürlich nur suboptimal ist. Also machten wir einen 2. Take. Der sass. Dadurch, dass ich wusste, dass auch der erste brauchbar gewesen wäre, konnte ich nun den 2. lockerer und freier angehen.

Ähnlich verhielt es sich bei Chrysothemis. Der 3. Take war der, mit dem wir glücklich waren. Es waren 90 Minuten vorbeigegangen, in denen wir hochkonzentriert gearbeitet haben.

Sowohl Byron, als auch ich waren danach erst mal müde.

Ein paar Tage später bekamen wir das Resultat in Videos, das ich Euch nicht vorenthalten möchte:






Fazit

Das Leben geht zum Glück weiter. Der Frühling bekräftigt diesen Eindruck mit seinen spriessenden Blättern und blühenden Blumen, mit dem Vogel Gezwitscher, das mich in den frühen Morgenstunden weckt.

Wir dürfen uns nicht Angst machen lassen. Angst gehört zum Leben, ist aber ein schlechter Begleiter, der uns alle klein macht. Egal, an welchem noch so dünnen Faden unser Damoklesschwert hängt, es geht immer weiter. Wann der Faden reisst, haben wir meistens nicht in der Hand, aber was wir bis dahin machen sehr wohl!







99 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Summertime...

bottom of page