Crowdfunding in der Musik

Definition


Crowdfunding ist ein Englischer Begriff, der sich aus Crowd also (Menschen)-Menge und Funding Finanzierung zusammensetzt. Es ist ein relativ neuer Begriff, der erst im Internetzeitalter mehr verwendet wird. Die Idee dahinter ist, dass viele Menschen kleinere Beiträge zu einem grossen Ganzen werden lassen, oder andres ausgedrückt: Es ist einfacher 1000 Euro von 1000 Menschen zu bekommen, als von einem Menschen 1000 Euro.


Geschichte


Die Idee des Crowdfunding ist alles andere als neu:

Frankreich schenkte den USA im 19. Jahrhundert die berühmte Freiheitsstatue. Doch die USA hatte ein Problem: Es wollte niemand den Sockel der Statue finanzieren. Joseph Pulitzer, der damalige Leiter der New York Times und Namensgeber des berühmten Journalistenpreises, schrieb in der Zeitung über das Finanzierungsproblem und rief im Artikel zu Spenden auf.

Wer Geld spendete sollte im Gegenzug mit Namen in der World erwähnt werden. So kam es dass 120.000 Menschen die rund 102.000 Dollar zusammenbrachten, die für den Sockelbau notwendig waren.

Mit dem Internetzeitalter und der Globalisierung setzte auch eine neue Finanzierungsmöglichkeit ein: 2003 wurde in den USA mit artistshare die erste offizielle Crowdfundingplattform ins Leben gerufen. 2006 kam mit Sellaband die erste Crowdfundingplattform nach Deutschland. Es folgten bald weitere Plattformen wie eine der heute erfolgreichsten: Kickstarter.com .

Zu Beginn waren die Crowdfundingplattformen vor allem im Kunstbetrieb zu finden.

Künstler:innen, die finanzielle Hilfe bei kleineren Projekten benötigten, wie CD-Prodkutionen, Konzertveranstaltungen oder der Durchführung von Festivals.

Gerade bei freiberuflichen Künstlern ist es oft so, dass sie von ihren Berufen leben können, aber nicht immer genug Geld haben um Rücklagen zu haben und entsprechende Projekte selber zu finanzieren. Erschwerend kommt hinzu, dass Freiberufler oftmals keinen Kredit bekommen, oder es sich schwieriger gestaltet einen zu erhalten. Daher müssen viele im Kunstbereich auch da kreativ sein, um ihre Vorhaben zu verwirklichen.

Später folgten Plattformen wie betterplace.org die sich in sozialen und ökologischen Themenbereichen bewegen.

Heute ist Crowdfunding gerade in den Englischsprachigen Ländern sehr etabliert, wodurch unzählige neue Projekte, Startups und Ideen realisiert werden können und auch hier in Europa findet Kickstarter und Co. immer mehr Beliebtheit.


Streamingkonzert "Das Marienleben"


Die Pandemie hat uns freiberuflichen Kulturschaffenden arg zugesetzt. Vielen psychisch, aber vor allem existenziell und finanziell. Kultur lebt von Projekten für ein Publikum. Wie sollen sich nun Kulturschaffende einem Publikum zeigen, wenn es diesem bis vor kurzem verboten war Veranstaltungen zu besuchen?

Es wurden Streamingkonzerte und Streamingtheateraufführungen ins Leben gerufen.

Was vorher über Jahrzehnte angeblich nicht möglich war, wurde auf einmal innerhalb kürzester Zeit möglich gemacht. Wer viel Geld hatte, besser vom Staat gefördert wurde, konnte auch viele und aufwendigere Streamingveranstaltungen machen. Es waren wieder jene die Gewinner, die sowieso auf der Sonnenseite und im Rampenlicht der Kultur stehen. Doch auch kleinerer Veranstaltern haben mit Erfolg Streamingkonzerte gemacht. So stand ich im vergangenen November im Reuter-Saal der Humboldt Universität zu Berlin auf der Bühne und sang die "Vier letzte Lieder" von Richard Strauss und "Das Marienleben" von Paul Hindemith.

Bei den Vorbereitungen zu diesem Werk ist Constantin und mir aufgefallen, dass es vom Marienleben sehr wenige Aufnahmen und ganz wenig gute Aufnahmen gibt.

Die Atmosphäre vor einem Konzert oder einer Aufführung ist immer speziell.

Bei "normalen" Veranstaltungen hört man vor dem Bühneneingang oder hinter dem Vorhang das andächtige Gemurmel des Publikums. Die Luft scheint vor Spannung zu knistern. Ich selber habe immer etwas Lampenfieber vor einem Auftritt, das sich nach den ersten paar gesungenen Tönen meistens vertanzt. Oftmals bin ich so 15 Minuten vor dem Konzert todmüde, wie wenn der Körper noch einmal alle Reserven sammeln würde.

So war es auch im November und lustigerweise ging es Constantin genauso. Nur, dass eine grosse, etwas unheimliche Stille über dem Raum lag. Kein Gemurmel. Das Knistern war ein anderes. In diesen paar Minuten, bevor es auf die Bühne ging, meinte Constantin zu mir: "Eigentlich müssten wir jetzt das Marienleben als CD-Produktion aufnehmen..."

Das Streamingkonzert selber war ein Erlebnis aus absoluter Konzentration. Es gab nichts, was uns in irgendeiner Form hätte ablenken können, aber auch keine Ermunterung, keine Reaktion. Mir fehlte das Publikum. Diese unsichtbare, schwer in Worte fassende Kommunikation, die während eines Konzertes oder während einer Aufführung stattfindet zwischen den Darbietenden und den Zuschauenden.


Crowdfunding für unsere CD-Produktion von "Das Marienleben"


Das Konzert war vorbei. Der 2. Lockdown war da, ein Ende nicht abzusehen. Doch die Idee der CD-Produktion liess uns nicht mehr los.

Wichtig bei einer solchen Produktion ist, dass die CD international erhältlich ist. Der Vertrieb muss stimmen. Hindemith-Liebhaber sind nicht so viele vorhanden und trotzdem sollen diese ja unsere CD finden können.

So gingen wir auf die Suche nach einem entsprechenden Label und wurden bei Coviello Classics fündig, die uns, nachdem sie unser Streamingkonzert angehört haben, sofort Terminvorschläge für die 2. Jahreshälfte dieses Jahres anboten. Wir haben mit Aufnahmeterminen im kommende Frühjahr gerechnet, da zur Zeit alle Tonmeister:innen sehr gut zu tun haben durch die ganzen Streamingkonzerte und auch CD-Aufnahmen, die zur Zeit Pandemie bedingt stattfinden. Wie soll sich ein Musiker sonst auch in Zeiten äussern und etwas Produktives schaffen, wenn er nicht auftreten darf?

Für ein so umfangreiches Werk wie "Das Marienleben" brauchen wir 4 komplette Produktionstage, mit Tonmeister, technischem Equipment, wie Mikrofonen etc., einem entsprechenden Raum mit einem guten, gestimmten(!) Flügel.

Nach der Aufnahme folgt dann der Schnitt, das Abmischen der Tonspuren, Design der CD und des Booklets, schreiben der Texte, Übersetzung in verschiedene Sprachen, Vertrieb, Marketing usw. Die reinen Produktionskosten belaufen sich auf 10.000Euro. Da ist keine Gage für uns beiden Musiker dabei.

Normalerweise werden Produktionskosten über Konzerte und den Verkauf der CD gedeckt.

Doch woher sollen wir 10.000 Euro nehmen in einem Jahr, wo wir nur durch Unterrichten etwas Geld verdienen können? Konzerte waren bis vor kurzem verboten und Streamingkonzerte leider rar.

So entstand die Idee, dass wir die Produktion über Crowdfunding, das gleichzeitig eine Art Vorverkauf der CD ist, versuchen könnten zu finanzieren, natürlich mit einem gewissen Eigenanteil. Ein komplettes Neugebiet für mich.

So kam es, dass ich im Mai unzählige Briefe schrieb, die ich an mögliche Sponsoren sendete und gleichzeitig über Kickstarter ein Crowdfunding einrichtete und den Link fleissig teilte und nach wie vor teile.

Bis jetzt mit Erfolg: Fast die Hälfte der 10.000Euro ist beisammen!


Bei Kickstarter ist die Devise: Ganz oder gar nicht. Der Betrag muss innerhalb von Maximum 2 Monaten beisammen sein. Nur dann wird der Betrag den Unterstützer:innen abgebucht und nur dann kann zu gegebenem Zeitpunkt auch die entsprechende Belohnung den Unterstützer:innen zugestellt werden.

In unserem Fall spätestens im Frühjahr 2022.

Die Chancen stehen gut, dass wir nur noch einen geringen Eigenanteil zu tragen haben. In meinen Augen ist es auch eine direkte Unterstützung der Kunst in für die Kunst sehr schwierigen Zeiten. Seit ich bei Kickstarter selber ein Projekt am laufen habe, bin ich aufmerksamer für andere Projekte, die dort am entstehen sind. Manche unterstütze ich gerne mit kleineren Beträgen. Jeder Euro zählt. Es finden sich dort viele Menschen mit ähnlichen Visionen in einer mir ähnlichen Situation.


Leben und überleben auf dem Planet "Kickstarter"


Natürlich werde ich auch von vielen "Helfern" angeschriebe, die mein Projekt angeblich so toll finden und es unterstützen wollen. Ich solle doch so und soviel Euro zahlen, dann würden sie meine Kampagne boosten auf Twitter, Facebook etc und ganz sicher durch ihre Hilfe das Ziel erreichen. Davon bin ich ehrlich gesagt kein Freund. Ich finde es immer problematisch, wenn Hilfe nur gegen Geld möglich sein soll. Echte Hilfe kommt von Herzen und kostet nichts, auch keine Erwartung nach dem Motto "Wenn ich Dir helfe, erwarte ich auch Hilfe von Dir bei passender Gelegenheit". In was für einer Welt leben wir, wenn diese Art der Hilfe bezahlt werden soll? Kann ich mir als nächstes neben Followern auch Freunde kaufen?!

Besser finde ich, wenn man sich gegenseitig hilft indem man sich schreibt, den Link gegenseitig teilt, ohne Bezahlung. Das empfinde ich als echte Hilfe und gegenseitige Unterstützung.

Ich bin sehr dankbar für jeden und jede, die meinen Link unterstützt, teilt, oder wenn es möglich ist, einen Beitrag dazu gibt. Doch ich erwarte von niemandem Hilfe. Wenn jemand sagt, er möchte den Link nicht teilen, oder er möchte keinen Beitrag dazu geben ist das kein Problem. Ich nehme es weder persönlich, noch bin ich verärgert, oder enttäuscht darüber. Es ist einfach, wie es ist. Ich fokussiere mich auf das Ziel mit dem Wissen, dass wir es auf jeden Fall erreichen werden und ich freue mich über die vielen helfenden Menschen, von denen ich umgeben bin. Dafür bin ich richtig dankbar.

Noch vor der Pandemie wäre ich wahrscheinlich überhaupt nicht auf die Idee gekommen eine Produktion über Crowdfunding zu finanzieren. Mein Stolz hätte es nicht zugelassen. Doch durch all das, was ich als Musikerin in der Pandemie erlebt habe, wurde ich gezwungen meinen falschen Stolz abzulegen und das Leben hat mich gelehrt Hilfe anzunehmen und dankbar dafür zu sein.

Manchmal bewirkt Stillstand und durchlebter Schmerz die Beschleunigung einer Entwicklung, die vielleicht sonst viel länger gebraucht hätte. Durch die Pandemie habe ich gelernt, was für mich wichtig ist. Ich habe gelernt meinen Fokus in den meisten Fällen auf das Wesentliche zu richten und auf das Positive. Negatives gibt es mehr als genug. Es ist so einfach sich in Negatives hineinzusteigern und sich darin zu verbeissen. Doch es bringt uns keinen Schritt weiter, sondern entfernt uns von uns selber und unserem eigentlichen Ziel. Ich glaube die Kunst im Leben besteht darin auch die kleine Blume am Wegrand zu sehen, die zwischen Steinen und Schmutz wächst, allen Widrigkeiten zum Trotz. Es tut uns gut einen Moment inne zu halten und uns über diese kleine Blume zu freuen, auf unserem Weg zum Ziel. Wir werden das Ziel erreichen, auch wenn wir kurz innehalten. Wir werden es wahrscheinlich entspannter und zufriedener erreichen, als jene die verbissen und nur mit dem Ziel im Fokus an der kleinen Blume vorbeieilen und nicht links und rechts gucken.


Um unser Ziel bei Kickstarter zu erreichen brauchen wir auch noch ein paar helfende Hände und ich weiss, dass sie zur richtigen Zeit da sein werden und dafür bin ich jetzt schon dankbar!


Hier der Link zu unserem Projekt:

http://kck.st/3ft5Run











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