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CD-Produktion "Das Marienleben" von Paul Hindemith

Vorabend, Donnerstag 14.10.2021

Morgen beginnt nun die CD-Produktion von "Das Marienleben" von Paul Hindemith mit Coviello Classics.

Unzählige Stunden habe ich die letzten 1,5 Jahre damit verbracht dieses überaus komplexe und reichhaltige Werk zu lernen.

Seither sind zwei live Konzerte damit über die Bühne gegangen: Das Streaming-Konzert im vergangenen November in der Reihe Klangzauber an der Humboldt Universität zu Berlin und diesen Juli in der Stephanuskirche, in Berlin in Rahmen der Ausstellung rund um Maria.

Mit jedem Konzert bin ich etwas mehr daran gewachsen und habe ich dazu gelernt. Dieses Werk wird mich auch nach der Aufnahme weiter begleiten durch das Releasekonzert und Konzerte, die bereits damit im Zusammenhang ausgemacht sind, in der Schweiz und in Deutschland.

Das hätte ich nie für möglich gehalten zu dem Zeitpunkt, wo ich die Noten bekommen habe und sie das erste mal durchgeblättert habe.

Beim ersten Durchblättern war mir klar, dass es sich mir nicht einfach erschliessen würde. Dazu ist Rilke alleine zu komplex und Hindemith für sich alleine auch. Beide zusammen würde eine Herausforderung werden und der habe ich mich gestellt im ersten Lockdown 2020. Was sollte ich anderes machen, als ein neues Werk lernen? Zeit hatte ich ja mehr als genug und das Schicksal wollte es, dass auch Constantin zwangsläufig Zeit hatte und vom Marienleben und der Idee es zum Konzert zu bringen begeistert war.

Ich lernte das Werk ohne je eine bereits existierende Aufnahme gehört zu haben. Ich wollte mich nicht von anderen Interpretationen beeinflussen lassen. Mein Ziel war es, dieses Werk nur aus den Gedichten und Noten heraus zu lernen, ohne den Einfluss anderer Sängerinnen. Bis heute habe ich keine einzige Aufnahme angehört und das soll auch so bleiben bis nach der Aufnahme. Das hat das Erlernen natürlich nicht leicht gemacht.

Es gab immer wieder Zeitpunkte während dieser ersten Übephase, wo ich dachte, ich würde die Melodien nie lernen geschweige denn kapieren und ich war oftmals kurz davor aufzugeben. Doch ich hatte ein Ziel und so biss ich mich immer wieder durch und schaffte es mich immer wieder zu motivieren. Tag für Tag, Stunde für Stunde. Das gemeine war, dass wenn ich alleine die Melodie kapiert hatte, dann in der nächsten Probe das Klavier dazu kam und mich "störte", weil oftmals die Gesangsstimme in einer anderen Tonart ist, als das Klavier. Hindemith spielt oft mit Bitonalität. Doch auch hier erwies sich Constantin als absoluter Glücksfall: Immer geduldig und lieb, nicht müde eine Phrase mit mir gefühlt unzählige Male zu wiederholen, bis wir beide die Struktur begriffen. Das Konzert im November 2020 während des 2. Lockdowns war für uns beide ein Schlüsselerlebnis und es brachte uns auf die Idee mit der CD.

So sind wir seit September wieder regelmässig am proben und haben am Feinschliff gearbeitet. Viele Stunden habe ich alleine geübt: Am Text, an der Phrasierung, am Silbenschliff, oft auch unter Jochens mikrofongeprobten Ohren, denen nichts entgeht. Ein unschätzbarer Vorteil.

Diese Aufnahme erscheint mir im Moment wie die Besteigung des Mount Everest. Unter die Vorfreude mischt sich auch eine grosse Portion Respekt. Ob ich es schaffen werde alles auf einen Punkt zu bringen? Reichen die Aufnahmetage aus? Reicht die Energie aus für 6 Stunden pro Tag zu singen?

Das Wichtigste ist erst mal erreicht: Ich bin gesund geblieben. Mein Mann ist seit einer Woche erkältet und nun endlich auf dem Weg der Besserung. Meine Tochter ist Samstag mit Husten hinterher gezogen. Sie war jetzt die ganze Woche zu Hause. Am Montag lagen meine Nerven diesbezüglich schon etwas blank. Ich habe alles in meiner Macht stehende unternommen, um gesund zu bleiben: Vitamine, Schlaf, Ingwertee, Spaziergänge an der frischen Luft etc.

Nun scheint es so, dass es sich gelohnt hat...

Morgen beginnt nun also ein neues Kapitel mit dem Marienleben. Im Grossen Ganzen bin ich zuversichtlich und freue mich darauf!


1. Aufnahmetag, Freitag 15.10.2021: Der Aufstieg auf den Mount Everest beginnt.

Um 10.00Uhr sollte die Aufnahme beginnen. Ich stehe um 6.50Uhr auf, mache meine tägliche Atemübung, gehe duschen, frühstücken, stimme mich mit Qigong ein und mache erste Einsingübungen. Um 9.00Uhr fahren wir los. Als wir um 10 Uhr eintreffen ist der Tonmeister Moritz Bergfeld gerade dabei seine Technik rein zu tragen. Irgendwie hat das mit der Schlüssel Übergabe nicht so funktioniert, wie wir uns das gedacht haben. Ingo Schulz, der Kantor der Emmaus und Ölbergkirche ist auch da und unterhält sich noch mit uns. Unterdessen spielt sich Constantin auf dem Flügel ein und Moritz begutachtet den Raum und richtet die Technik her. Schiebewände werden aufgestellt, Stühle hingestellt, um etwas Hall zu mindern und die Mikrofone platziert. Drei für den Raum, eins für mich direkt und zwei weitere für den Flügel. Unter den Flügel werden noch Matten gelegt um den Klang optimal auf die Aufnahme zu bekommen.

Das erste Lied singen wir um 11.30Uhr ein. Vor uns liegen noch 15 weitere Lieder und ich könnte von keinem behaupten, dass es einfach ist. Vom Studio aus gibt Moritz uns Anweisungen und Korrekturvorschläge und wir hören jedes neue Lied einmal im ganzen an um zu wissen, wo die "Baustellen" sind und was wir verbessern können.

Bald arbeiten wir als sehr gutes Team zusammen. Zeit und Raum verschwinden. Es existiert nur noch diese Musik gebunden in die schönen, aber teilweise äusserst komplexen Texte.

Die Pausen sind kurz und jeweils nach einem fertig eingespielten Lied. Wir essen mitgebrachte Äpfel, Sandwiches und trinken etwas Wasser, Tee und Kaffe.

Abends gegen 18.30Uhr sind die ersten 5 Lieder im Prinzip im Kasten.

Als ich gegen 20Uhr zu Hause bin, esse ich eine Kleinigkeit und gehe um 21Uhr mit Jalia schlafen. Ich bin echt erledigt und die Aussicht auf weitere 3 Tage dieser Art lösen in mir grossen Respekt aus.


2. Aufnahmetag, 16.10.2021: Auf dem Weg zum Basislager auf 6000 M.ü.M

Als ich um 6.30Uhr aufwache spüre ich meine Rückenmuskulatur, die sich nach den vielen Stunden gestern meldet. Meine Stimme selbst ist frei und klar.

Trotzdem tendiert mein Bedürfnis zu sprechen gegen Null. Mir wird langsam klar, warum manche Kolleg*innen an Vorstellungstagen möglichst nicht Sprechen und viele sagen, es sei auch wichtig die Sprechstimme zu schonen. Im normalen Alltag denke ich gar nicht daran, nicht zu sprechen. Auch an Konzerttagen nutze ich meine Stimme ganz normal. Klar, ich achte darauf, dass ich an solchen Tagen nicht unnötig herumschreie, oder die Stimme übermässig überlaste, aber so wie an diesem Morgen ist es mir wirklich bisher noch nicht ergangen.

In Ruhe stehe ich auf und starte meine Morgenroutine.

Ich bin pünktlich um 10.00Uhr in der Ölbergkirche. Heute braucht der Klavierstimmer etwas länger, weil er beim Flügel das eine Pedal noch etwas verbessern muss, damit keine Pedalgeräusche auf die Aufnahme kommen.

Um 10.30Uhr startet unser Tag. Wir gehen erst mal chronologisch weiter mit der Nummer 6. Es ist von der Seitenzahl her eines der längsten Lieder.

Irgendwann fühle ich, dass es Zeit ist für die Nummer 10. "Vor der Passion" ist für mich als Sängerin eine sehr grosse Herausforderung. Einerseits gilt es einen grossen Spannungsbogen in die Dramaturgie zu bringen. Anderseits ist die Tonabfolge sehr komplex und ich muss bei diesem Stück sehr auf eine saubere Intonation achten.

Als wir sie in kürzerer Zeit als gedacht im Kasten haben, bin ich erleichtert.

Nun folgt noch der Brocken für Constantin mit der "Hochzeit zu Kanaa" die an ein Klavierkonzert mit Gesangsbegleitung erinnert. Inzwischen ist es um 17h geworden. Bis auf kurze Pausen haben wir den ganzen Tag durchgearbeitet. Langsam merke ich wie mein Körper müde wird. Gegen 18.30Uhr meint Moritz, dass wir die letzen beiden Seiten von der Hochzeit in den 3. Aufnahmetag nehmen sollten. Wir hätten inzwischen über 24 Minuten reine Spielzeit eingespielt. Normal sei bei Lieteratur wie Hindemith 10 Minuten pro Tag.

Zu Hause bin ich ziemlich erschöpft. Noch liegen weitere 5 Lieder vor mir und diese 5 haben es wirklich in sich...

In der Nacht liege ich eine ganze Weile wach und sehe die restlichen Lieder wie ein Berg vor mir und frage mich in dem Moment, ob ich genug Kraft und Stimme habe die Aufnahme in der Qualität, wie ich sie gerne möchte, zu Ende zu bringen.


3. Aufnahmetag, 17.10.2021: Gipfelaufstieg

Als ich aufwache ist meine Stimme ganz schön mit Schleim belegt und mein Körper fühlt sich erschöpft an. Ich habe überhaupt keine Lust zu Sprechen. Ich bin wie zu müde dazu. Im ersten Moment denke ich, dass es überhaupt keinen Sinn hat einen weiteren Aufnahmetag über die Bühne zu bringen.

Doch mit viel Geduld und guten Nerven gelingt es mir meine müde Stimme in Gang zu bekommen. Doch ich bin an diesem Morgen für meine Verhältnisse ein echtes Nervenbündel. Es macht sich eine Panik auf unangenehme Weise um mein Brustbein herum breit. Es wird dort ganz warm und gleichzeitig wie kalt. Wirklich unangenehm. Was passiert, wenn ich den Rest nun nicht schaffe einzusingen? Kann dann ein solcher Termin verschoben werden?

Jochens Zuspruch und Erfahrung diesbezüglich helfen mir sehr. Er versichert mir, dass man nichts nach Aussen hören würde. Ein Schleimlöser hilft mir in dem Fall und an diesem Morgen auch weiter. Ich versuche ruhig zu bleiben und mit positiven Vorstellungen zu arbeiten, in dem ich mir vorstelle, wie zufrieden und glücklich ich mich am Abend nach vollbrachter Arbeit fühlen werde. Ich kämpfe mit meiner Psyche, die sich mit Panik und negativen Gedanken breit machen will. In dem Moment fühle ich mich wie ein Fakir: Eine falsche Bewegung und ich würde mich verletzten und meine negative Psyche würde die Oberhand gewinnen. Das galt es unbedingt zu vermeiden. Ich mache einige Qigong Übungen und finde immer mehr in meine Mitte und in meine Stärke zurück.

Ich teile Moritz mit, dass wir heute sehr haushalterisch mit meinen Kräften und mit meiner Stimme umgehen müssen. Er nimmt mich ernst und reagiert sofort und sehr unterstützend.

Wir gehen nicht mehr chronologisch vor. Wir legen die Reihenfolge nach meiner Stimme fest, so dass sie eine Chance hat warm zu werden. Inzwichen haben wir gelernt, dass jedes Lied eine Welt in sich ist und wir den Zyklus insgesamt doch so gut kennen, dass wir den grossen Spannungsbogen nicht verlieren, auch wenn wir die Reihenfolge verlassen.

Nach den ersten Versuchen ruft Moritz Constantnin und mich in die Kabine hoch. Er gibt uns die Kopfhörer und wir hören uns die Aufnahme an. Ich kann selber nichts, keine Geräusch und Schleim hören auf der Gesangsstimme. Mir fällt ein Zentner vom Herzen in dem Moment wird mir klar, dass wir die Aufnahme schaffen werden und zwar richtig gut. Moritz lächelt und meint, deswegen sei es ihm wichtig gewesen, dass ich es höre. Er sei der Meinung, dass meine Stimme warm werde und wir diesen Tag mit etwas Geduld und Stück für Stück meistern werden. Mit zunehmendem Vertrauten gehen wir voran. Jochen ist auf meine Bitte hin viel im Raum anwesend. Jalia beschäftigt sich still im Vorraum ohne ein einziges Mal zu stören. Intuitiv scheint sie den Ernst und die Wichtigkeit der Situation zu erkennen. Das ist für meine angespannten Nerven wie Balsam.

Es dauert an diesem Tag einfach länger bis die Stimme richtig in Gang kommt, das bin ich in der Form nicht gewohnt. Das Gefühl vom Schleim werde ich den ganzen Tag nicht so richtig los und trotzdem kommen wir Schritt für Schritt voran. Die Konzentration ist noch grösser als an den Tagen davor, die Pausen kürzer, damit meine Stimme dazwischen nicht zu sehr abkühlt und denkt, sie müsse weiteren Schleimm produzieren.

Moritz und Constantin machen meinen straffen Zeitplan klaglos mit. Dafür bin ich ihnen unblaublich dankbar.

Für eines der schwersten Stücke, die Nummer 11 "Pièta" brauchen wir gerade 3 komplette Takes. In diesem Stück schaffe ich es alle Emotioenen, allen Text, alles auf einen Punkt und Spannungsbogen zu bringen. Gegen 17 Uhr sind wir fertig und alle Lieder sind aufgenommen. Moritz versichtert, dass von allem ein brauchbarer Take da ist.

Nach dieser Anstrenung gehen wir gemeinsam in einem nahen Restaurant essen. Die Gesellschaft und Gespräche sind nach diesen Tagen eine Wohltat. Nach Tagen, wo ich ausschliesslich von Äpfeln, Ingwertee und Sandwich gelebt habe ist eine Pizza ein Festessen.

Als ich zu Hause bin inhaliere ich mit Emsersalz und vor dem Schlafen gehen noch einmal. Es tut mir gut.

Mit dem Wissen, dass die Aufnahme geschafft ist schlafe ich tief und fest in dieser Nacht.


4. Aufnahmetag, 18.10.2021 Korrekturen oder Rückkehr in die Basislager.

Heute trafen wir uns erst um 11Uhr. Es war ein ruhiger, sonniger Morgen. Inzwischen färbt sich das Laub der Bäume in bunte Herbsttöne.

Als ich im Raum stehe, weiss ich genau, welche Stellen ich noch einmal singen möchte, wenn es meine Stimme hergibt. Die Stellen decken sich mit den Stellen, die Moritz auch noch einmal haben möchte und. Innerhalb von 90 Minuten haben wir alle Stellen aufgenommen zu unserem Wohlgefallen. Die Korrektur hat sich sehr gelohnt.

Als wir uns gegen 13 Uhr voneinander verabschieden, trennen wir uns in einem wirklich guten Gefühl.

Noch kann ich es nicht wirklich glauben, dass ich es geschafft habe "Das Marienleben" nun auf CD zu haben. An diesen 3 Tagen habe ich fast 24 Stunden gesungen. Und heute noch einmal 90 Minuten. Es war eine wahnsinnige Anstrengung, die sich für mich gelohnt hat. Ich habe während dieser Aufnahme unglaublich viel gelernt und bin über mich und meine Grenzen weit hinausgewachsen. Es fühlt sich an, wie wenn Jahre vergangen wären und nicht Tage. Einzig meine Atemmuskulatur meldet, dass es eben doch Tage waren.

Nun heisst es erst mal etwas ausruhen und mit neuen Kräften an neue Projekte heran zu gehen.

Ich bin sehr dankbar für diese sehr anstrengenden, aber erfüllenden Tage mit Moritz und Constantin, für ihre Unterstützung und Geduld. Es war ein wirklich erfüllendes Erlebnis!

Wann die CD dann erscheinen wird, wissen wir noch nicht genau. Immerhin hat Moritz Pandemiebedingt rund 30 CD Produktionen in der Warteschleife, die es gilt zu veröffentlichen...es kann also etwas dauern.









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