Aus dem Leben einer Opernsängerin

Das Nabucco-Projekt


Nun ist es soweit:

Seit Dienstag arbeiten wir in der Agentur an Verdis "Nabucco".

Ausser uns Sänger*innen und dem Maestro Ivan Anguélov ist auch Magdalena Fuchsberger die Regisseurin und Aron Kitzig, der Filmkünstler an der Kamera anwesend. Alle sind top vorbereitet.

Ein ungewöhnliches Projekt in ungewöhnlichen Zeiten. Um sichtbar und präsent zu bleiben.

Die Proben mit der Begleitung von Tatsuma Takahashi am Klavier werden aufgenommen und gefilmt. Was nicht perfekt läuft, wird wiederholt. Trotzdem werden die Sängerinnen und Sänger nicht überstrapaziert, was sehr wichtig ist.

Gerade die Rolle des Nabucco, des Zaccarias und der Abigaille sind heftig und entsprechend anspruchsvoll. Aber auch die kleineren Partien dürfen nicht unterschätzt werden. Da kein Chor anwesend ist, singen alle, die nicht beteiligt sind an der jeweiligen Szene entsprechend den Chor mit. Jede Stimme ist solistisch besetzt. Es ist ein Ausbalancieren der Lautstärke. Wir dürfen nicht zu laut, aber auch nicht zu leise singen, so dass der gesamt Klang stimmt. Gar nicht so einfach bei Opernstimmen, die gewohnt sind grosse Räume zu füllen. Da kommt einiges an beeindruckender Lautstärke zusammen!

Auch die Probearbeit läuft ungewöhnlich und nicht wie sonst am Theater. (Dazu in meinem nächsten Beitrag mehr!)

Musikalisch werden nur Kleinigkeiten korrigiert. Manchmal sind es einige Übergänge von einer Fermate (gehaltenen Note) in einen neuen Teil, manchmal Einsätze oder dass die Harmonien und Intonationen genau zusammen passen, wenn mehrere Sänger*innen gemeinsam singen.

Es ist sehr spannend und interessant den Maestro bei seiner Arbeit zu beobachten. Er dirigiert so, dass er die Sänger*innen begleitet und das ist ein grossartiges Gefühl für einen/eine Sänger*in. Er ermöglicht uns dadurch noch besser zu singen und trägt uns durch das Stück. Er atmet aktiv mit, kennt und spürt jede Phrase von uns. Jedes Aggitato (schneller werden in einer Phrase) und Ritardando (langsamer werden in einer Phrase). Er spürt die Tempi die wir Sänger*innen brauchen um unsere Phrasen optimal singen zu können. Ein Genuss mit einem solchen Dirigenten arbeiten zu können und alles andere als selbstverständlich!

Ich hatte schon das zweifelhafte Vergnügen mit Dirigenten zu arbeiten, die nicht mit mir gemeinsam atmeten und auch nicht bewusst wussten, wo ich atme. Das führte dazu, dass ich innerhalb einer Phrase, wenn ich atmen musste, meine Atemmuskulatur nicht richtig loslassen konnte und mit der Atmung im schlechtesten Falle nach oben rutschte und dadurch waren dann meine Töne nicht mehr optimal gestützt, was sich fast immer im Klang bemerkbar macht. Und in dem Fall ist die Rückmeldung der Vorstellung dann oftmals: "Der/die Sänger*in war aber heute schlecht drauf" und nicht "Der Dirigent hat dem/der Sänger*in keine Zeit zum Atmen gelassen".

Es fällt in 99% der Fälle IMMER auf den/die Sänger*in zurück! Ganz selten auf die Szene oder den Dirigenten!

Das zu erkennen und bewusst zu korrigeren ist sehr anstrengend für mich als Sängerin. Singen ist klingender Atem. Damit das möglich ist muss in der Spannung auch eine Entspannung durch bewusstes Loslassen möglich sein. Das setzt entsprechendes Wissen bei den Dirigenten voraus. Die meisten Dirigenten haben in der Hochschule (wenn sie an einer studieren) Gesangsunterricht, meistens im Nebenfach. Es ist nicht leicht diesen Unterricht auf die späteren Berufsherausforderungen der Dirigenten abzustimmen. Vielen Gesangslehrern, die "nur" etwas vom Gesang verstehen, jedoch wenig bis nichts vom Dirigieren der Opern, der Chöre, vom lesen der Partituren etc. fehlt das dafür notwendige Wissen. Solche Allrounder von Gesangslehrern, die den jungen Dirigent*innen auch vermitteln können, wie Sänger*innen "funktionieren", sind sehr selten anzutreffen.

Ein/eine Dirigent*in sollte vom Singen soviel verstehen, dass sie/er mitatmet und dem/der Sänger*in die Zeit zum Atmen und Loslassen lässt. Der/die Dirigent*in sollte sängerisch so gut ausgebildet sein, dass er/sie in der gemeinsamen Arbeit Phrasen richtig vorsingen kann. Das zahlt sich vor allem in der Arbeit mit Chören aus.


Jeder von uns Sänger*innen wurde einem naturalistischen "Element" zugeordnet und im Garten und der Umgebung gefilmt. Wir nutzen dazu den wunderschönen und warmen Sommertag gestern. Im Haus wurde musikalisch probiert und die Mittagspause im gepflegten, grossen und prächtig blühenden Garten und auf der Terrasse genossen. Ein kleiner Snack bestehend aus verschiedenen Salaten und anderen köstlichen Dingen wurde liebevoll für uns vorbereitet. Danke dafür!


Ich habe es in den vergangenen Monaten sehr vermisst mit anderen Sängerinnen und Sängern gemeinsam zu singen. Es ist Balsam für meine Seele nun nach dieser langen Zeit mit anderen gemeinsam zu singen, ihren Stimmen zu lauschen und auch von ihnen zu lernen.

Die Gespräche in den Pausen sind sehr konstruktiv und interessant. Es ist bereichernd sich mit den Kolleg*innen auszutauschen. Einige kannte ich schon von früheren Produktionen. Andere habe ich neu kennengelernt. Es sind schöne und bereichernde Wieder- und Neubegegnungen, für die ich dankbar bin.

Gestern ging der Tag, der um 10.45Uhr begonnen hat und erst gegen 18Uhr endete, sehr schnell vorbei. Heute waren manche von uns Nachmittags beschäftigt.

Ich habe mich bei Freunden einquartiert, vor Allem um mir die Fahrerei zu ersparen. Es ist das erste Mal seit der Geburt meiner Tochter, dass ich für vier Tage nicht zu Hause bin, oder sie nicht bei mir habe.

Ich kann mich voll und ganz auf die Proben konzentrieren und alles in Ruhe in meiner Unterkunft noch einmal repetieren, ohne dabei in irgendeiner Form unterbrochen zu werden. Ein völlig neues Gefühl.

Ich glaube, dass gerade als Frau und Mutter es sehr wichtig ist, sich seine optimalem Bedingungen für seine Berufung oder/und seinen Beruf zu schaffen. Für uns Frauen, aber auch die Männer, ist es sehr wichtig ein Wort mit grosser Wirkung im Repertoire zu haben: "Nein".

Es ist meines Erachtens wichtig sich klar abgrenzen zu lernen, wenn es notwendig ist und auf seine Bedürfnisse zu hören. Ich denke, dass wenn wir alle mehr lernen auf unsere Bedürfnisse zu hören und diese in Absprache mit unserem Umfeld umzusetzen, ginge es uns allen besser. Jesper Juul brachte es sinngemäss auf den Punkt: "Beziehungen gehen nicht am "ja" zu einander und für einander kaputt, sondern weil wir zu oft "ja" sagen und zu wenig "nein"." Damit hat er recht.

Morgen ist bereits die konzertante Aufführung und am Freitag eventuell noch Filmkorrekturen. Ich freue mich sehr auf dieses Ereignis morgen. Ich freue mich den Maestro und meine Kolleg*innen bei der Arbeit zu beobachten und natürlich zusammen mit ihnen dieses tolle Stück zu musizieren.

Ich wünsche jetzt schon allen meinen Kolleg*innen ein herzliches "Toi toi toi", viel Freude und gutes Gelingen!




Bild: Eigene Quelle. Auf dem Bild: Tatsuma Takahashi, Magdalena Fuchsberger und Maestro Ivan Anguélov (v. l. n. r)

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