Aus dem Leben einer Opernsängerin

Die klassische Musik in unserer Gesellschaft


Ende des zweiten Weltkrieges 1945 lag ein grosser Teil Europas in Schutt und Asche. Der grosse Verlierer Deutschland lag wortwörtlich am Boden und wurde unter den Siegern Russland, USA, Grossbritannien und Frankreich aufgeteilt. Erst 1948 wurde die Bundesrepublik Deutschland mit 12 Bundesländern und 1949 die Deutsche Demokratische Republik (DDR) gegründet. Städte wie Dresden, Hamburg aber auch Berlin waren zu Grossteilen zerstört. Die Trümmerfrauen begannen die Ruinen aufzuräumen. Die beiden Länder wurden Stück für Stück wieder aufgebaut. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass im Krieg vor allem der Wohnraum zerstört wurde, nicht aber die wirtschaftlichen Produktionsstätten. Die waren ungefähr zu 80-85% erhalten geblieben. Auch die Strassen und das Schienennetz waren nicht sehr stark beschädigt worden. Die zerstörten Brücken liessen sich relativ schnell wieder aufbauen. Diese beiden Hauptvoraussetzungen ermöglichten, neben dem Willen und Fleiss der Bevölkerung, ein beeindruckendes und schnelles Wirtschaftswachstum, das bis heute als Wirtschaftswunder bezeichnet wird. Es brachte Geld in den Staat, in die Gesellschaft, Kultur und in die Familien. Dadurch kam es, dass bereits Anfang der 1950er Jahre eine Arbeiterfamilie mehr Realeinkommen zur Verfügung hatte als vor dem Krieg. In der Zeit wurden auch die Theater und Opernhäuser wieder aufgebaut und bespielt.

Die Klassische Musik und die Oper waren ein sehr wichtiger gesellschaftlicher Bestandteil. Klassische Musik gehörte zur guten Bildung dazu. Familien, die etwas auf sich hielten ermöglichten es ihrem Nachwuchs ein Instrument zu lernen, Konzerte und Opern zu besuchen. In der Schule und bei gesellschaftlichen Anlässen wurde viel mehr miteinander gesungen und Musik gemacht.

Diese Zeit brachte grosse Stars hervor, die bis heute unvergessen sind: Maria Callas, Luciano Pavarotti, Elisabeth Schwarzkopf, Dietrich Fischer-Dieskau, Lisa Della Casa, Mirella Freni, Renata Tebaldi, Dame Joan Sutherland, Birgitt Nilson um nur einige wenige zu nennen. Die Opernstars dieser Zeit hatten eine Fangemeinde und Bekanntheit, wie die Rock- oder Fussbalstars heute. Gleichzeitig zur wirtschaftlichen Entwicklung entstand in dieser Zeit ein neues Medium: Das Fernsehen. Die Opernstars wurden zu den neuen Talkshows eingeladen und gaben Interviews in den wenigen Radiosendern der Länder. Im Fernsehen wurden ganze Opernabende mit Arien, Duetten, Quartetten aufgenommen und gesendet. Es gab Fernseh- und Radiosendungen zu den verschiedenen Stilistiken in den unterschiedlichen Epochen. Ein sehr informatives und gutes Beispiel aus dieser Zeit ist eine Sendung mit Dame Joan Sutherland und Birgitt Nilson: https://www.youtube.com/watch?v=f-Zp36tqYe0

Die Sänger*innen wurden mit sehr grossem Respekt vor ihrer Person und Kunst behandelt. Jede dieser Künstler*innen war auf ihre Art unverwechselbar. Man erkannte ihre Stimmen sofort nach den ersten Tönen im Radio oder Fernsehen.

In einem meiner letzten Blog-Beiträge habe ich festgestellt, dass wir Kunstschaffenden offensichtlich eine ziemlich schlechte Lobby haben. Woran liegt das?

Solist beinhaltet das Wort "Solo" übersetzt "alleine". Ja, wir sind als Solisten wirklich alleine. Alleine für uns, unsere Stimme, unseren Körper, unser Vorankommen verantwortlich. Wir sind nicht wirklich eine Mannschaft, wie zum Beispiel im Fussball. Obwohl ein über Jahre gewachsenes Ensemble an einem Opernhaus oder Theater einer Fussballmannschaft nicht unähnlich sein kann vom Zusammenhalt her. Leider sind solche Ensembles eine Seltenheit. Alleine dadurch, dass die meisten Verträge, die mit Solist*innen geschlossen werden, befristet sind für ein Jahr, vielleicht zwei Jahre, wenn die Solisten sehr viel Glück haben, fünf Jahre, ist das mit dem Zusammenwachsen eines Ensembles schwieriger. Ein Solist ist erst nach 14 Jahren an einem Theater unkündbar. Meistens werden sie vor Ablauf der 14 Jahre gekündigt, egal wie gut sie ihre Arbeit machen. Oder beim Wechsel der Intendanz. Heute ist es fast üblich, dass das Ensemble "ausgetauscht" wird. Die neue Intendanz bringt sein Wunschensemble mit und das alte Ensemble kann bis auf wenige Ausnahmen gehen. In welchem Krankenhaus ist es üblich, wenn die Chefetage wechselt, dass alle "alteingesessenen" Ärtz*innen und Krankenpfleger*innen gehen müssen bis auf wenige Ausnahmen und der neue Krankenhauschef sein Personal mitbringt? Mir wäre keins Bekannt.

Die Solisten stehen gefühlt immer am Abgrund und können jederzeit ohne stichhaltige Begründung nicht verlängert werden. Pflichtgemäss wird vom Arbeitgeber ein "Nichtverlängerungsgespräch" angeboten wo der Nichtverlängerte Position beziehen kann und von der Leitungsebene auch angehört werden muss, wenn er oder sie es wahrnimmt. Selten ändert ein solches Gespräch etwas an der Nichtverlängerung. Oftmals fühlen sich die Nichtverlängerten nach dem Nichtverlängerungsgespräch als Künstler in Frage gestellt und nicht selten gedemütigt. Ein schwieriges Kapitel, besonders für die Nichtverlängerten.

Eine Nichtverlängerung kommt einer Kündigung gleich, ist aber Rechtlich gesehen keine Kündigung. Ich zitiere aus dem Lexikon vom Bühnenverein Deutschland: (http://www.buehnenverein.de/de/faqs/lexikon.html):


"Ein Arbeitsvertrag am Theater, sofern es sich um einen Nomalvertrag Bühne (NV Bühne) handelt und der in der Regel immer ein befristeter Vertrag ist, kann nicht einfach gekündigt werden. Der richtige Begriff für die „Kündigung“ des befristeten Vertrages ist die „Nichtverlängerung“. Sie ist deshalb keine Kündigung, weil sie das vereinbarte Ende des befristeten Vertrags lediglich bestätigt."


So kann es einer Frau am Theater passieren, dass sie in der Schwangerschaft nicht verlängert wird. Was in einem "normalen" Job undenkbar ist (gut, da folgt die Kündigung oft nach dem Mutterschaftsurlaub, was auch nicht sehr viel besser ist), ist am Theater Realität.

So geschieht es immer wieder, dass eine Frau nach Ablauf der Spielzeit ohne Arbeit und mit Baby auf der Strasse steht.

Dass unter solchen Umständen gute und starke Lobyarbeit erschwert wird (ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt) versteht sich von selbst. Es gibt zum Glück eine Gewerkschaft für Deutsche Bühnenangehörige. Es lohnt sich Mitglied zu werden. Selbst wenn die Solist*innen nicht mehr fest an einem Theater arbeiten können sie Mitglied bleiben und bei Unklarheiten z.B. Gastspielverträge betreffend oder Rechtsstreitigkeiten sich bei der GDBA Hilfe holen und das meistens kostenlos. Hier der Link zu dieser sehr nützlichen Gewerkschaft: https://www.buehnengenossenschaft.de

So verwundert es also nicht wirklich, dass wir Kunstschaffenden in der Corona-Krise zu wenig gute Lobby haben und entsprechend behandelt werden. (Siehe letzter Blogbeitrag, Senatsbestimmungen vom 23.6.2020 in Berlin) Die GDBA macht sehr viel und sehr gut, aber sie kann nicht alles machen! Es werden nun Stimmen laut, dass eine Gewerkschaft nach dem Vorbild der Piloten "Vereinigung Cockpit" gegründet werden sollte für Theaterschaffende und Solist*innen, damit wir Kunstschaffenden wieder lauter und sichtbarer würden und mehr Macht hätten. Das wäre sicher sinnvoll.

Doch wie könnten wir noch sichtbarer und präsenter werden in der Gesellschaft?

Neulich hat mein Mann eine Dokumentation über die drei Tenöre José Carreras, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti gesehen. Die drei haben 1990 nicht nur den Zuschauerrekord gebrochen sondern auch die CD Charts erobert. Der erste Auftritt war im Rahmen der Fussballweltmeisterschaft am 7.Juli 1990 gemeinsam mit dem Dirigenten Zubin Mehta und rund 200 Orchestermusiker*innen. Alle drei Tenöre waren oder sind grosse Fussbalfans. Was war also naheliegender als ihr Superstarpotential zusammen zu schliessen und gemeinsam ein Konzert zu singen im Rahmen der WM 1990? Der Erfolg liess die Skeptiker sehr schnell verstummen.

Theoretisch liesse sich die Idee der drei Tenöre aufgreifen:

Fast jede grössere Stadt hier in Deutschland hat ein Theater und einen mehr oder weniger erfolgreichen Fussballclub. Warum nicht in wichtigen Endspielen, möglichst mit Fernsehübertragung, die Pause nutzen und musikalische Werbung machen für die nächste bervorstehende Première am jeweiligen Theater?

Eine halbe Stunde liesse sich zum Beispiel mit zwei Arien und einem Duett wunderbar unterhaltsam ausfüllen. Wenn von den paar tausend Zuschauern, die im Stadion anwesend sind alleine ein paar hundert feststellen, dass Oper und Klassischemusik ja gar nicht so spiessig ist, wie er oder sie immer geglaubt haben, oder vielleicht sogar feststellen, dass es ganz erhabene, spannende Musik ist, wäre viel gewonnen. Wenn von den Zuschauern nach so einem Spiel einige die Oper besuchen würden, wäre noch viel mehr gewonnen. Alleine dadurch, dass die klassische Musik auf diese Art und Weise wieder an gesellschaftlicher Präsenz gewinnen könnte, wäre wertvoll. Es müssten natürlich einige Spiele dieser Art mit "Pausenmusik" stattfinden, damit ein Gewöhnungseffekt in der Gesellschaft eintreten könnte.

Fussball muss klassische Musik nicht ausschliessen und klassische Musik nicht den Fussball.

Wäre doch schön, wenn das, was bei den Römern schon bekannt war unter "Brot und Spiele" mit solchen Initiativen quasi als "Kunst und Spiele" wieder zum Leben erweckt werden könnte.

Ein weiterer Beitrag wäre, dass der Stellenwert der Musik bereits in der frühsten Kindheit gefördert würde und damit ein natürlicher Bestandteil unserer Gesellschaft werden könnte.

Da sehr junge Kinder unvoreingenommen sind wäre es für sie wertvoll klassische Musik früh kennen zu lernen, unabhängig vom Elternhaus. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von sehr schönen Musikbüchern mit CD wie "Peter und der Wolf", "Eine kleine Nachtmusik" und vielen andere, die man ohne weiteres in der KiTa behandeln und besprechen könnte. Kinder müssten schon im KiTa-Alter spielerisch an verschiedene Instrumente herangeführt werden. Spätestens ab der 1. Klasse wäre es sinnvoll jedes Kind ein Instrument im Rahmen des Schulunterrichts lernen zu lassen bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit. Gerne mit Leihinstrumenten, die zur Verfügung gestellt würden. Notenlesen müsste so selbstverständlich zur Allgemeinbildung gehören wie das ABC oder 1 mal 1.

Was die Kinder als Erwachsene mit dem genossenen Bildungsangebot machen, soll ihnen überlassen sein. Ich meinerseits habe eine sehr gute Allgemeinbildung erfahren, aber seit meinem Abitur nie wieder eine mathematische Kurvendiskussion benötigt...für das Kopfrechnen bin ich im Alltag allerdings dankbar. So könnte es mit der musikalischen Bildung auch sein:

Dass die musikalische Allgemeinbildung uns hilft, den jeweiligen Komponisten zu kennen, die Instrumentale Besetzung zu verstehen, so dass wir ein Cello nicht mit einem Kontrabass verwechseln, eine Posaune nicht für eine Trompete halten und uns nicht wundern, was der Mensch da vorne mit dem komischen, dünnen Stöckchen rumfuchtelt und offenbar das Orchester so erschreckt, dass es auf einmal ganz laut oder ganz leise spielt und dann wieder langsam oder ganz schnell... und uns nicht fragen, wer denn nun am Ende, wenn das Publikum applaudiert, gewonnen hat, dieser Mensch mit dem Stöckchen oder das Orchester?! So, dass durch diese Vorkenntnisse ein Konzert- oder Opernbesuch zu einem entspannten Genuss werden kann für jede Bürgerin und jeden Bürger unserer Gesellschaft.

Sind die Kinder grösser wird es schwieriger sie für Dinge zu begeistern, die ihnen fremd sind.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Kinder und Jugendliche, die regelmässig ein Instrument spielen und/oder singen dadurch Aggressionen abbauen und sich besser konzentrieren können. Durch das Singen und Musizieren wird das vegetative Nervensystem gestärkt und Endorphine (Glückshormone) ausgeschüttet, die uns entspannen und glücklich machen. Es wäre gleichzeitig eine Präventionsmassnahme gegen die zunehmende Aggression bei Kindern und Jugendlichen. Musik spricht unsere Seele an und weckt unsere Emotionen und lernt uns diese auszudrücken.

Unsere Gesellschaft beschäftigt sich mit sehr vielen Formen der "Selbstoptimierung" und des Achtsamkeitstrainings. Singen ist Achtsamkeitstraining pur! Alleine das Erlernen der Sängeratmung erfordert eine grosse körperliche Aufmerksamkeit. Das Nachfühlen der einzelnen Muskelvorgängen und das finden der Resonanz benötigt grosse Konzentration. Beim Singen werden wir gezwungen nach Innen zu schauen. Wer an seiner Stimme anfängt zu arbeiten, arbeitet auch an sich selber. Nicht umsonst gibt es das alte Sprichwort "STIMMT etwas nicht?" Da ist die Stimme und STIMMUNG von uns uns und unserer Seele mit einbezogen. Kein Instrument der Welt ist so sehr mit unserer Seele verbunden wie unsere Sprach- und Singstimme. Nicht umsonst sagt man auch "Mir hat es die STIMME verschlagen". Umso wichtiger wäre es für ein friedlicheres Miteinander innerhalb unserer Gesellschaft, unsere Stimmen wieder mehr zu erheben und zu nutzen: Beim gemeinsamen Singen zu verschiedenen Festen, in der Familie, in der KiTa, in der Schule, beim Fussballspiel, bei verschiedensten Konzerten (nicht nur klassischer Art) und an vielen anderen Orten.












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