Aus dem Leben einer Opernsängerin

Nabucco- neue Gefilde in ungewöhnlichen Zeiten


Meine Agentur hat mich vor zwei oder drei Wochen gefragt, ob ich Lust hätte bei ihrem "Nabucco-Projekt" mit zu machen, als Anna mit der Option Abigaille mit zu lernen. Ich habe gerne zugesagt, weil es mir näher liegt aktiv etwas zu machen, als passiv die Hände in den Schoss zu legen und den Kopf hängen zu lassen in diesen für uns Kunstschaffenden wirklich schweren Zeiten.

Am 23. Juni kam der letzte Senatsbeschluss in Berlin heraus, der das Chorsingen in geschlossenen Räumen bis auf weiteres untersagt. Zwei meiner Herbstkonzerte mit Chor werden dadurch, Glück im Unglück, verschoben und nicht komplett abgesagt. Ob das 3. grosse Konzert stattfinden wird, steht in den Sternen. Alles worauf ich im 2. Halbjahr gehofft habe löst sich in Luft auf...das ist bitter und ärgerlich zugleich.

Ab August soll der Schulbetrieb hier in Berlin wieder normal aufgenommen werden ohne spezielle Hygiene- oder Abstandsregeln. Er beinhaltet auch Chorsingen und das, aufgrund der meist kleineren Räume und grösseren Schülerzahl, ungefähr 2 Meter Abstand zwischen den einzelnen Leuten.

Alle anderen Profi-und Laienchöre, darunter der mehrfache Grammypreisträger Rundfunkchor Berlin, der Riaskammerchor, die ganzen Opernchöre und die restlichen ungefähr 800 Laienchöre, die dem Chorverband Berlin angeschlossen sind sollen NICHT proben dürfen?! Das ist ein Berufsverbot!

Der Chorverband Berlin ist einer der grössten Vereine den Berlin hat mit den zahlreichsten Mitgliedern. Viele Menschen sehnen sich nach Chorproben und dem gemeinsamen Singen zurück. Viele Chorleiter werden nun notgedrungenermassen kreativ. Proben finden Openair und/oder als Singegottesdienst im Freien statt. Im Sommer mag das ja angehen, wenn es nicht gerade ein Gewitter gibt. Aber was machen wir alle, wenn es kühler wird und der Senat weiterhin nicht auf die verschiedensten Vorschläge mit Hygienekonzept etc. des Chorverbands reagiert oder eingeht?

Was bleibt dann von den zahlreichen Chören, Kantoreien, die von ihren jeweiligen LeiterInnen über viele Jahre liebevoll aufgebaut wurden noch übrig? Welchen Stellenwert hat unsere Kultur, das Erbe unserer Urahnen noch? Es wird uns allen so wenig Perspektive gegeben in dieser Zeit.

Sind die Politiker in NRW oder in Bayern zu fahrlässig mit ihrer Bevölkerung, dass die Chöre dort bereits wieder offiziell proben dürfen? Oder ist Berlin zu vorsichtig?


Jedes Konzert, das nun weggebrochen ist, versuche ich zu ersetzten mit einem oder mehreren Kammermusikkonzerten. Publikum darf nämlich kommen, es darf einfach kein Chor singen oder ein grösseres Orchester auf der Bühne spielen.

Ich habe Glück, dass ich entsprechende Mitstreiter habe, die genauso wie ich auch sichtbar bleiben und für die Kultur und unseren Berufszweig kämpfen wollen.

So werde ich ab September viele verschiedene bunte Programme machen:

Einen Hölderlin-Abend mit Werken von Benjamin Britten, Victor Ullmann und einer Uraufführung von Andreas Staffel. Immerhin würde Hölderlin dieses Jahr seinen 200. Geburtstag feiern. Dann Hindemiths Marienleben in Kombination mit noch ein paar anderen Liedern (die Ergänzung suchen wir noch) und ein schönes Programm, das den Gebeten in der Oper und im Oratorium gewidmet ist mit Werken von Puccini, Bizet, Verdi, Frank und Fauré. Dieses Programm lässt sich in jeder Kirche aufführen.

Gleichzeitig probe ich mit einer befreundeten Kontrabassistin an einem Kammermusikabend für Sopran, Kontrabass und Klavier. So entstehen eine Vielzahl von Konzertmöglichkeiten und Konzerten, die in der jetzigen Zeit machbar sind. Die Kammermusik eröffnet mir ein neues Feld und sensibilisiert mich neu für die Klänge. Jede Probe wird so zum Erlebnis. Dafür bin ich dankbar. Es verlangt uns allen viel Kreativität und Effort ab, diese Programme auf die Beine zu stellen und zu realisieren, aber es ist wichtig! Für uns als Musiker, für die Kultur!

Das Nabucco-Projekt gehört auch dazu. Ich finde es richtig, dass meine Agentur dieses ins Leben gerufen hat! Wir müssen sichtbar bleiben, besonders wir freiberuflichen Kunstschaffenden! Die Politik darf nicht vergessen, dass ein ganzer Berufszweig von hochqualifizierten Menschen weiterhin unverschuldet in der Luft hängt. Immer mehr weder mit einer finanzieller Hilfe, die in irgendeiner Form in Aussicht gestellt wird, noch mit einer möglichen Perspektive. Wir können nicht warten bis eine Impfung auf dem Markt ist, das kann Jahre dauern! Bis dahin ist die Kultur verhungert, finanziell ausgeschöpft, tot. Unwiderruflich.


Nun sitze ich also über den beiden Partien: Anna und Abigaille.

Nabucco ist Giuseppe Verdis (*1813-1901) 3. Oper die er für die Mailänder Scala geschrieben hat und ein recht frühes Werk. 1842 konnte er damit einen glänzenden Erfolg feiern und den Misserfolg seiner Oper "Oberto" im Jahre 1840 hinter sich lassen. Sowieso war das Jahr 1840 für Verdi sehr tragisch: Er verlor seine beiden Kinder und seine Frau. Er hat trotz dieser schweren Schicksalsschlägen und des vernichtenden Misserfolgs an der Scala nicht ans Aufgeben gedacht, sondern sich hingesetzt und gearbeitet, komponiert, weitergemacht.


Ich werde bei Nabuco in die Zeit um 587 vor Christus zurückversetzt:

Die Babylonier belagern Jerusalem. Im Tempel Salomons erwarten die Hebräer den Angriff jeden Moment und flehen ihren Gott Jehova um Gnade an. Zacharias der Hohepriester der Hebräer und Bruder von Anna, beruhigt das Volk und teilt ihnen mit, dass er die Tochter Nabuccos, als Geisel hat. Er vertraut Fenena Ismaele, einem jungen Krieger an, der von Fenena einst aus babylonischer Gefangenschaft befreit wurde. Seither lieben sich die beiden.

Unterdessen bricht die vermeintliche Schwester Fenenas, Abigaille, an der Spitze des babylonischen Heeres, alle als Hebräer verkleidet, in den Tempel ein. Auch sie liebt Imsaele. Zaccaria droht, Fenena zu töten. Sein Plan wird jedoch von Ismaele durchkreuzt, der Fenena ihrem Vater Nabucco zurück gibt und somit sein Volk, die Hebräer verrät.

Nabuccos Rache kennt keine Gnade. Er lässt die Hebräer gefangen nehmen und den Tempel zerstören. Die Hebräer verfluchen Ismaele.


In Babylon findet Abigaille heraus, dass sie nicht die Tochter Nabuccos ist sondern die Tochter einer Sklavin und somit keinen Anspruch auf den babylonischen Thron hat. Um an die Macht zu kommen muss sie Fenena, der Nabucco die Macht übertragen hat und welche die Hebräer befreit hat, töten.


Fenena wurde von Zaccaria zum jüdischen Glauben bekehrt und hat dadurch Ismaele vom Fluch seines Volkes befreit. Das Gerücht, dass Nabucco gefallen sei verbreitet sich. Abigaille will den Thron haben, doch Fenena weigert sich, diesen an sie abzutreten. Da kommt unerwartet Nabucco nimmt die Krone wieder an sich und will sich nicht nur zum König, sondern zum Gott der Juden erheben. Sofort straft ein Blitzstrahl den Frevler, bei dem sich erste Anzeichen des Wahnsinns bemerkbar machen.


Abigaille erpresst das königliche Siegel von Nabucco mit dem das Todesurteil Fenenas und der Hebräer gefällt ist. Als Nabucco erkennt, dass auch Fenena sterben soll, droht er Abigailles wahre Abstammung zu offenbaren. Doch Abigaille vernichtet vor den Augen Nabuccos die Urkunde und lässt ihn gefangen nehmen.


Der halbwahnsinnige Nabucco wird von Abigaille gefangen gehalten. Als er erkennen muss, dass man Fenena bereits zur Hinrichtung führt, wendet er sich in seiner Verzweiflung an den Gott der Hebräer. Nach und nach klart sein Verstand auf. Seine Verbündeten kommen und befreien ihn aus der Gefangenschaft. Im letzten Moment befreit Nabucco Fenena, bekennt sich zum Gott der Juden und schenkt den Hebräern die Freiheit. Das Götzenbild Bals will er zerstören lassen. Abigaille die aus Verzweiflung über ihr unverzeihliches Verbrechen Gift genommen hat bittet sterbend alle um Vergebung und wendet sich auch dem Gott der Juden zu.


Wenn ich mir eine Partie erarbeite, stelle ich mir die W-Fragen:

Wer ist sie? Woher ist sie? Wohin geht sie? Wie beeinflusst sie die Handlung?

Anna und Abigaille könnten nicht gegensätzlicher sein von den Charakteren her.

Anna ist die Schwester von Zaccaria, dem hebräischen Priester, eine Jüdin. Sie repräsentiert den weiblichen Part des Volkes Israel. Oft singt sie in den grossen Ensembles dieselbe Melodie wie Abigaille mit einem anderen Text. Ansonsten hält sich Anna eher im Hintergrund bei ihrem Volk fällt nicht besonders auf.

Abigaille ist die vermeintliche Tochter Nabuccos, stammt aber eigentlich von einer Sklavin ab, ist also nicht königlicher Herkunft, wurde aber so erzogen. Sie ist machthungrig, ehrgeizig und tief verletzt, weil ihre Liebe zu Ismaele nicht erwidert wird. Ihre Wut und Rache schreckt vor nichts zurück. Abigailles Emotionen zeigen sich in halsbrecherischen Koloraturen und in extremen Tonsprüngen über 2 Oktaven. Ihre Zerrissenheit und Einsamkeit zeigt sich in den grossen Ensembles, wo sie alleine gegen den Rest der Welt singt, sei es was die Melodieführung anbelangt oder den Text. Abigaille ist eine sehr dramatische Partie und trotzdem hat sie etwas verletzliches, einsames, das es herauszuarbeiten gilt.

Die original Sprache ist Italienisch. Für mich ist es wichtig jedes Wort zu verstehen. Das hilft mir beim auswendiglernen und ich kann dadurch besser die Gewichtung verstehen, die der Komponist den Worten gab.

Ich untersuche die Musik und den Text sehr genau: Wo möchte der Komponist ein Piano haben, wo ein Forte? Wo Portato? Wo Staccato? Welche Instrumente begleiten mich? Die Instrumente geben mir sehr genaue Auskunft über die emotionale Atmosphäre im Stück. Oft ziehe ich auch die Partitur zu Rate. Bei Verdi nicht unbedingt notwendig, da bei ihm die Orchestrierung noch unkomplizierter ist als zum Beispiel bei seinem Zeitgenossen Richard Wagner(*1813-1870).

Erst wenn ich eine eigene Einstellung zu der Partie und dem Werk habe, höre ich mir eine oder mehrere Aufnahmen an. Aufnahmen können hilfreich sein für mich zum Auswendig lernen, vor allem, wenn es schnell gehen muss. So wie vor wenigen Jahren bei "Rigoletto", wo ich die Gilda innerhalb von drei Tagen auswendig lernte und nach zwei weiteren Tagen bei der Première mit Szene auf der Bühne stand und sang.

Da ich sehr schnell über mein Gehör lerne, muss ich aufpassen, dass ich nicht Dinge technischer Art kopiere, die für mich nicht gut sind. Das kann sehr schnell gehen und diese Marotten wieder weg zu bekommen geht dann meistens nicht ganz so schnell. :)


Der Gefangenenchor "Va pensiero..." aus Nabucco zeigt eine einfache, aber eindrückliche Melodieführung, die Verdi zum Erfolg verholfen hat und die für seine späteren historisch- politischen Werke wegweisend sein sollte. Das zeitgenössische italienische Publikum konnte sich mit der Unterdrückung der Gefangenen Hebräern identifizieren und eine Verbindung zu der eigenen politischen Situation herstellen. Dadurch erhielt Nabucco eine nicht zu unterschätzende Aktualität und Brisanz für die italienische Bevölkerung. Das Politische wird dadurch noch herausgehoben, dass die Liebesgeschichte von Ismaele und Fenena in den Hintergrund rückt, nicht wie ursprünglich vom Librettisten vorgesehen und der Hauptspot auf die Beziehung von Nabucco, seiner Ziehtochter Abigaille und seinem hebräischen Gegenpart Zaccaria richtet.


Für mich hat das erarbeiten einer Partie, oder wie hier zwei Partien, sehr viele verschiedene Aspekte: Geschichtliche, hier biblische, literarische, sprachliche (in dem Fall: Italienisch), philosophische und nicht zuletzt psychologische. Ich befasse mich während des Studiums immer mit der Biographie des Komponisten und seinem geschichtlichen Umfeld. Was hat den Komponisten geprägt? Wenn es, wie hier, eine biblische Geschichte ist lese ich nicht selten in der Bibel die betreffenden Stellen genau durch.

Musik hat etwas universelles. Es ist nicht immer leicht für mich all diesen Komponenten gerecht zu werden. Es ist für mich eine grosse und bereichernde Herausforderung, der ich jeden Tag aufs neue begegne und an der ich arbeite. Besonders in solchen Zeiten wie jetzt!












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