Komponistinnen Teil 5- Louise Reichhardt (11.4.1779-17.11.1826)

Aktualisiert: Apr 9




Schloss Charlottenburg, Berlin. Bild: Eigene Quelle

Kindheit


Nachdem wir letzte Woche dem Bayreuther Adel und Wilhelmine von Preussen einen Besuch abgestattet haben, führt uns unsere heutige Reise zu einer bürgerlichen Frau: Louise Reichhardt.

Sie wurde in Berlin geboren und war die Tochter vom preussischen Hofkapellmeister, Komponisten und Musikwissenschaftler Johann Friedrich Reichhardt.

Louise musste früh mit Schicksalsschlägen umgehen lernen und im Verlaufe ihres Lebens weitere einstecken.

Bereits mit 4 Jahren verlor sie ihre Mutter. Der Vater heiratete erneut. Seine angetraute, die Witwe, Johanna Hensler brachte ihrerseits drei Kinder mit und weitere fünf Kinder wurden geboren. Louise war die Älteste der Kinderschar und wurde sehr früh in die Haushaltspflichten und die Kindererziehung mit eingebunden.

Trotzdem gehörte sie zu den wenigen privilegierten, bürgerlichen Mädchen ihrer Zeit, denen eine Ausbildung ermöglicht wurde. Der Vater förderte seine Tochter vor allem musikalisch. Sie hatte keinen regelmässigen Unterricht, da ihr Vater viel auf Reisen war. Doch Louise hatte die Begabung sich weitgehend autodidaktisch weiterzubilden. So erlernte sie Harfe, Gitarre, Klavier und Gesang. Zeitgenössischen Berichten zufolge hatte sie eine sehr schöne, warme Singstimme mit grossem Umfang.


Das Kästnersche Gut oder Begegnungen mit grossen Zeitgenossen


1794 zog die Familie von Berlin in die nähe von Halle auf das "Kästnersche Gut".

Das Hause Reichhardt war sehr gastfreundlich und bewirtete die Besucher, auch wenn sie selber kaum das Geld dafür aufbringen konnten. Die Mädchen mussten mit den wenigen Bediensteten morgens um 5 Uhr aufstehen und die Hausarbeiten mitmachen. Putzen der Gaststube, der Fremdenzimmer etc.

Die Gastfreundlichkeit sprach sich schnell herum und so wurde das Gut bald ein wichtiger Treffpunkt der Intellektuellen, Dichter und Künstler. Alles, was Rang und Namen hatte ging im Gut ein und aus.

Louise hatte die Möglichkeit sich mit Dichtern wie Wilhelm und Jacob Grimm, Novalis, Clemens Brentano oder Achim von Arnim aber auch Goethe oder Friedrich Schlegel zu unterhalten und auszutauschen.

Louise war durch die Pocken, welche sie als kleines Kind hatte und die Narben in ihrem Gesicht hinterlassen hatten, entstellt. Sie war nicht wirklich schön und dennoch weckte ihre gesamt Erscheinung, ihre Ausstrahlung und ihr Wissen grosses Interesse bei den Menschen und auch bei den Männern. Sie musste eine sehr charmante Frau gewesen sein, mit einer liebevollen und trotzdem konsequenten Art. In der Geschwisterschar fiel sie positiv auf und stach heraus.

Trotz ihrer musikalischen Begabung und ihrer schönen Singstimme verwehrte ihr der Vater öffentliche Auftritte. Sie durfte nur im Rahmen der Kirche und an privaten Anlässen ihr Können darbieten.


Schicksalsschläge


Louise war zweimal verlobt. Doch beide Verlobten starben auf unglückliche Weise. Ihr erster Verlobter auf einer Bergwanderung in der Schweiz und ihr zweiter Verlobter auf einer Bildungsreise in Italien. Wie sie die Kraft aufbrachte an der Doppelhochzeit ihrer Schwestern anwesend zu sein, an dem Tag, an dem sie ihren zweiten Verlobten eigentlich hätte heiraten sollen, ist erstaunlich.

Nach diesen zwei schweren Schicksalsschlägen blieb Louise unverheiratet. Wahrscheinlich beförderten diese schmerzhaften Erfahrungen, dass Louise ihr Leben ganz der Musik widmen wollte.

1806 wurde das elterliche Gut von Napoleons Truppen geplündert.

Louise beschloss gemeinsam mit ihren Schwestern die Familie mit Handarbeiten und Musikunterricht aus der Armut zu holen. Bereits 1807 gründete Louise einen Chor mit dem sie Musik von Händel und Bach aufführte. Ihr Wunsch nach Eigenständigkeit in der Musik wuchs zunehmend. 1809 durfte Louise mit der Genehmigung des Vaters, dem es zu Beginn gar nicht gefiel, nach Hamburg ziehen um als Gesangs- und Musiklehrerin dort zu leben.


Gründung der Musikschule und des Chorvereins


Eine ledige Frau zog damals nicht einfach in eine Stadt und mietete eine Wohnung. Das liess die Gesellschaft damals nicht zu. So musste Louise ihr Netzwerk nutzen um in Hamburg unterzukommen und Fuss zu fassen. Sie wohnte zunächst beim Bankier Jerome Sillem und später bei dessen Mutter Marie-Louise Sillem. In diesem grossen Stadthaus, Grosse Reichenstrasse 28, fanden im grosszügigen Salon regelmässig Hauskonzerte statt, an denen Louise mitwirkte und neue Kontakte knüpfen konnte.

1814 gründete Louise eine Musikschule ausschliesslich für Frauen und Mädchen, an der sie selber bis zu ihrem Lebensende unterrichtete. Zunächst Gesang, später auch Klavier.

Des weitern betätigte sie sich auch als Übersetzerin von vielen Texten, komponierte eine Vielzahl von Liedern und Chorwerken. In den Chorwerken kommt ihr Bemühen zu tragen, wahre Kirchenmusik zu komponieren, aus ihrer eigenen tiefen Religiosität heraus , nach italienischem Vorbild.

Zusammen mit dem Pianisten und Komponisten Johann Heinrich Clasing gründete sie den Chorverein 1816 und die Singakademie 1818 in Hamburg. Gemeinsam führten sie Werke von Händel, Bach und Mozart auf, deren Einstudierung Louise übernahm. Louises Schülerinnen wirkten bei den Aufführungen mit. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Louise die Aufführungen auch selber dirigierte.

Die Konzerte brachten eine ordentliche Summe Geld ein, doch Louise dachte nicht daran diese Summe zu behalten. Sie behielt nur soviel, wie sie für ihr bescheidenes Leben brauchte und den Rest investierte sie in weitere Projekte und spendete es an Bedürftige.

Ihre Wirtin, Marie-Louise Sillem, vermachte Louise in Weiser Voraussicht eine Monatliche Rente.

Als die Konkurrenz immer größtes wurde und sich die Gesundheit Louises zunehmend verschlechterte ermöglichte diese Rente ihr einen würdigen Lebensabend. Sie starb hochangesehen und verehrt von ihren Mitmenschen im Alter von 47 Jahren.


Verdienst und Musikhistorischebedeutung


Louise ist eine der ersten Frauen, die ihren ganz eigenen Weg ging und von ihrem Beruf lebte und sich für die musikalische Bildung anderer Frauen engagierte. In der bürgerlichen Gesellschaft der 19. Jahrhunderts war dies sehr ungewöhnlich. Frauen, die einen Beruf ausübten waren Exotinnen, schon gar als Musikerinnen.

Louises grösster Verdienst liegt sicherlich in der Professionalisierung der musikalischen Ausbildung und der Wiederentdeckung der Werke von Händel und Bach.

Sie war eine angesehene Musikpädagogin, aber auch eine sehr geschätzte Komponistin.

Sie ging aus der Reihe der Berliner Liederschule hervor und ist die letzte Komponistin, die diesen Stil pflegte, ehe sich Komponistinnen wie Clara Schumann oder Fanny Hensel einer völlig neuen Tonsprache widmeten.

Zu ihren Lebzeiten und auch einige Jahre nach ihrem Tod, waren ihre Werke sehr geschätzt und angesehen.

Ihre Kompositionen wurden im späteren 19. und 20. Jahrhundert sehr ambivalent aufgefasst und gerieten in fast Vergessenheit. Erst als die Musikwissenschaft ab 1980 sich vermehrt dem Werdegang der Frauen widmete und diesen bis dahin fast nicht beachteten Zweig der Musikgeschichte zu erforschen begann, wurden Louises Lieder und Werke wiederentdeckt und ihr Schaffen entsprechend gewürdigt.

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