Aus dem Leben einer Opernsängerin

Aktualisiert: Feb 21

Komponistinnen

Teil 1 Hildegard von Bingen


Komponisten gibt es schon seit Musik niedergeschrieben wird, doch wie sieht es aus mit Komponistinnen?

Sie sind in der Geschichte eher eine Rarität. Erst ab der Renaissance finden sich vor allem in Italien, ausgehend vom Augustiner Kloster San Vito in Ferrara Komponistinnen, deren Namen bis heute in Fachkreisen ein Begriff sind: Vittoria Raffaela Aleotti oder Francesca Caccini. Später finden wir mehr Komponistinnen wie Anna Amalia Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach oder Anna Amalia Prinzessin von Preussen. Je näher die Zeit der heutigen rückt, je mehr Rechte insgesamt zum Beispiel auf Bildung oder auch einen Beruf sich Frauen über die Jahrhunderte erkämpft haben umso mehr Komponistinnen gibt es. Heute haben wir vergleichsweise viele zeitgenössische Komponistinnen, ich würde zu behaupten wagen fast so viele wie Komponisten.

Doch was war vor der Renaissance?

Ich fand nur einen Namen, der sich bis heute gehalten hat, aber nicht unbedingt im Zusammenhang mit der Musik: Hildegard von Bingen (1098-1179).

Sie ist heute vielen als Mystikerin des Mittelalters im Gedächtnis. Manche ihrer Schriften über die Theologie, oder auch die Natur und Heilkunde sind bis heute erhalten geblieben.

Hildegard von Bingen war eine Universalgelehrte ihrer Zeit. Sie gab durch ihre Schriften viele Denkimpulse und ihre Sichtweise war sehr eng mit ihrem Leben im Kloster und dem Glauben verbunden.

Als 10. Kind geboren, wurde sie von ihren Eltern ins Kloster gegeben als Oblatin, (10. Teil, der an die Kirche abgegeben wurde). Ihr war es bestimmt für die Kirche zu leben. So trat sie mit 8 Jahren ins Kloster ein, wo sie auch ausgebildet wurde. Durch ihr grosses Charisma und Geschick stieg sie in der Hierarchie schnell auf. Sie durfte als eine der ersten Nonnen überhaupt öffentlich predigen. Durch ihren gelebten Glauben und ihre Lebensweise wurde sie schon zu ihren Lebzeiten in der Bevölkerung als Heilige wahrgenommen.

Hildegard hatte schon als Kind Visionen. (Manche der heutigen Wissenschaftler gehen nach Hildegards eigenen Visionsbeschreibungen davon aus, dass sie wahrscheinlich unter sehr starker Migräne mit Aura gelitten haben könnte, was das gleissende Licht ihrer Visionen erklären könnte. Es ist einer von vielen Erklärungsversuchen.) Ab 1141 wurden die Visionen zunehmend und drängender, so dass sie ihre Visionen, ihre theologischen wie anthroposophischen Ansichten begann in Latein nieder zuschreiben. Da sie selber die lateinische Grammatik nicht beherrschte arbeitete sie mit Propst Volmar von Disibodenberg und ihrer Vertrauten, der Nonne Richardis von

Stade zusammen. Ihr Sekretär Wibert von Gembloux korrigierte ihre jeweiligen Texte. Daraus entstanden ihre drei Hauptwerke: Scivias (Wisse die Wege), Liber vitae meritorum (Buch der Lebensverdienste) und Liber divinorum operum (Buch der göttlichen Werke).

Bei einer Synode 1147 wurde ihr erlaubt ihre Visionen zu veröffentlichen, was gleichzeitig ihre politische Bedeutung stärkte. 1147 gründete Hildegard von Bingen das Kloster Rupertsberg.

Hildegard war politisch geschickt und wusste wie man Netzwerke spannte. Auch scheute sie keine Konflikte.1152 bestätigte der Erzbischof Heinrich die Überschreibung der inzwischen umfangreich gewordenen Klostergüter zu Gunsten von Hildegard von Bingen.

Das Ruperstsbergerkloster hatte keine Nachwuchsprobleme. Im Gegenteil: Da der Zuwachs so stark war, erwarb Hildegard 1164 ein Tochterkloster bei Eibingen. In dieses durften auch Nichtadlige eintreten.

Neben ihren Tätigkeiten im Kloster, in der Politik befasste sich Hildegard auch mit Naturwissenschaften, Heilkunde und Heilpflanzen. Ihr grösster Verdienst auf diesem Gebiet ist es, dass sie die Heilpflanzen aus dem Griechischen mit der Volksmedizin zusammenbrachte. Dazu nutzte sie die deutschen Pflanzennamen.

Hildegard ging immer von der Einheit und Ganzheit aus. Heilung kann der Kranke durch die Zuwendung zum Glauben, dem Werke guter Taten und einer massvollen Lebensordnung erlangen. Sie vertritt die Meinung, dass Leib, Seele und die Sinne sehr eng miteinander verknüpft sind und in einem Gleichgewicht gehalten werden müssten.

Wie ihre oben erwähnten Schriften ist auch die Musik von Hildegard von Bingen eng mit ihrem Leben im Kloster zu begreifen.

Musik erklang in den Messen, in der Liturgie. Sie prägte den Lebensrhythmus der Mönche und Nonnen. Die Liturgie wurde gesungen; dort hatten sie Anteil am ewigen Lobgesang. Das Leben im Kloster war einzig und alleine auf das Dienen Gottes ausgerichtet. Das beantworten seiner Liebe.

Hildegard hat zwei wichtige Schriften mit Gesängen hinterlassen: Den Kodex 9 noch zu ihren Lebzeiten auf dem Kloster Rupertsberg und der Riesenkodex, der kurz nach Hildegards Tod veröffentlicht wurde.

Viele ihrer Werke sind in Neumenschrift verfasst. Einige Werke wurden ohne Neumennotation überliefert. In ihren musikalischen Werken setzt sich Hildegard von Bingen mit Themen wie die Menschwerdung vom Sohn Gottes oder Gott der sich in Liebe zu seinen Geschöpfen neigt auseinander. Ein Zentrales Motiv bleibt jedoch Jesus Christus der Erlöser. Der Heilige Geist ist in Hildegards Denken derjenige, der alles belebt und bewegt, der in allem ist. Auch Maria, die Mutter Gottes hat einen wichtigen Platz.

In ihrem musikalischen Schaffen kommt der ganze "Hofstaat des Himmels" vor. So hat sie zwei Gesänge über Engel, zwei über Propheten und Patriarchaten, zwei über Apostel und zwei über Märtyrer, zwei über Bekenner und drei über Jungfrauen verfasst. Damals hatten die reinen Jungfrauen ein sehr hohes gesellschaftliches Ansehen.

In ihrem Werk Scivicas beschreibt sie in ihrer Schlussvision verschlüsselt, welche Aufgabe der Musik zukommt. Sie nimmt dabei auch Bezug auf den Psalm 150. Dort wird beschrieben wie und mit welchem Instrument man Gott loben soll und dass der Mensch mit seiner Stimme in den Lobpreis einstimmen soll, als Anteil des ewigen Lobes.

Hildegard von Bingen geht davon aus, dass durch das Singen der Mensch sich von dem Irdischen Dasein ein wenig loslöst und sich in andere Sphären begibt; die Himmelsphäre deutet sich an. Sie ging davon aus, dass der singende Mensch seinen inneren, seelischen Zustand widerspiegelt. Der Gesang war also in ihren Augen und aus heutiger Sicht wie eine Art Meditation, wo wir uns vom Alltäglichen loslösen und in einen anderen Zustand gehen können.

Wohl hat Hildegard von Bingen ihre Musik in der Neumennotation verfasst. Doch die Gesänge gehen weit über die Gewohnheiten des 12. Jahrhunderts hinaus mit durchschnittlich 1 1/2 Oktaven Umfang und im Extremfall sogar 2 1/2 Oktaven ( O vos Angelis). Ihre Werke fordern den Sängerinnen ein Höchstmass an Perfektion und Können sowohl technisch als auch musikalisch ab. Das steht im Widerspruch zu ihrer Aussage, dass sie nicht wirklich musikalisch gebildet sei und ihr teils die Grundlagen zu Kompositionen fehlen würden. Diese Aussage lässt sich nur durch das Antike Lehrideal erklären, wo alles seine Ordnung und Struktur hat. So gesehen hat Hildegards Musik, die für ihre Zeit sehr individuell ist, sicher nicht ganz dem strukturierten Ideal entsprochen. Doch gerade das Intuitive, das wir heraushören können, macht die Musik spannend.

Bei Hildegard von Bingens Musik geht es nicht um die perfekte Komposition. Sie sagte einmal: Symphonialis est Anima. Die Seele ist symphonisch. Ihr Leben war Gott und dem Leben in der Klostergemeinschaft gewidmet, geprägt durch Askese, Politik, Wissenschaft, Gesellschaft. Ihre Seele vereinte viele Komponenten. Sie suchte die Ganzheit, die Einheit.

In ihrer Zeit, mit ihren Möglichkeiten.

Bis heute sind viele ihrer Werke uns erhalten geblieben und geben uns so einen Einblick in ihr bemerkenswertes Leben, ihr Denken und Dasein, das für die damalige Zeit mit der Länge von 82 Jahren sehr lange währte. Es ist gleichzeitig ein Spiegel ihrer Zeit, ihrer Gesellschaft, und der sie umgebenden Gesellschaftsstruktur.

Mir ist bewusst, dass ich mit einem Blogbeitrag Hildegard von Bingen nicht wirklich gerecht werden kann und trotzdem ist es der Versuch sie als Musikerin und Komponistin zu würdigen.

Im Internet finden sich zahlreiche Musikbeispiele von Hildegard von Bingens Musik. Hier habe ich eines angefügt, dass meiner Meinung nach sehr viel Authenzität hat:

(Quelle: YouTube)






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