Aus dem Leben einer Opernsängerin

Üben, üben, üben


Januar. Die Pandemie hält Europa und grosse Teile der Welt weiterhin im Atem. Endlich ist eine Impfung da, doch das Chaos darum herum ist perfekt. Besser könnte es in keiner Inszenierung dargestellt werden, als im aktuellen Geschehen.

Wann wieder so etwas wie "Normalität" einkehrt weiss kein Mensch. Noch befinden wir uns alle mitten im Lockdown, mit Kindern, die betreut werden müssen, weil sie weder in die KiTa noch in die Schule gehen können und viele von uns sind parallel dazu mit Homeoffice oder einfach dem existenziellen Überleben beschäftigt.

Als Musiker ist es zur Zeit sehr schwer eine Perspektive zu sehen. Konzerte oder Aufführungen rücken in weite Ferne. Eine Reise zum Mond ist wahrscheinlicher als ein Vorsingen am Theater oder ein Vorspiel für ein Orchester.

Trotz all dieser eher düsteren Aussichten singe ich jeden Tag.

Die Stimme ist ein komplexes Instrument, das abhängig ist von so vielen unterschiedlichen Faktoren und Muskulaturen. Wie ein Sportler muss ich als Sängerin auch in Form bleiben.

Doch, wie wird überhaupt ein Ton erzeugt?

Machen wir eine kleine Exkursion in die Physiologie der Stimme:

Die Luft strömt durch die Luftröhre ein und aus. Am Ende der Luftröhre befindet sich unser Kehlkopf. Er ist mit dem Ringknorpel verwachsen. Wenn wir Essen schlucken, legt sich der Kehlkopfdeckel schützend über unsere Luftröhre, so dass wir uns in den meisten Fällen nicht verschlucken. Im oberen Bereich des Kehlkopfes befindet sich das Zungenbein mit dem einer unserer flexibelsten Muskeln, die Zunge verwachsen ist. Der Kehlkopf ist mit Knorpeln, Muskeln und Schleimhäuten ausgestattet. Den Schildknorpel können wir bei sehr schlanken Menschen erkennen. Vor Allem bei Männern als Adamsapfel. Bei ihnen bildet der Schildknorpel einen Winkel von ungefähr 90°, dadurch ist er besser erkennbar, bei Frauen und Kindern hat er einen flacheren Winkel von ungefähr 120°und ist dadurch schlechter zu sehen.


(Bild, Quelle: von Bergen, Heinrich(2000)"Unsere Stimme-Ihre Funktion und Pflege)


Die Stimmbänder, die sich aus den Muskeln des Externus und den eigentlichen Stimmbändern, dem Internus, zusammensetzen, bilden ein kompliziertes Muskelgeflecht, das mit einem zopfartigen Muster vergleichbar ist. Dieses Geflecht ermöglicht schnelle und komplizierte Bewegungsabläufe der Muskeln, wobei der Rand sich nie verformt und immer gleich bleibt. Dieser innerste Rand wird als Stimmlippen bezeichnet. Die Stimmlippen sind mit einem sehr widerstandsfähigen Gewebe bekleidet, das fast durchsichtig und ganz glatt ist, vergleichbar mit der Haut eines Delphins, die als Stimmlippenepithel bezeichnete wird. Sie haben kaum Gefässe und Nerven. Dank dieser Struktur bildet die Luft kaum Wirbel, wenn sie die Stimmlippen beziehungsweise die Stimmbänder passieren. Die "Lücke" zwischen den Stimmbändern wird als Glottis bezeichnet. Die Glottis kann sich in der Respirationsstellung befinden oder in der Phonationsstellung. Bei der Respirationsstellung ist die Glottis offen, bei der Phonationsstellung, wenn wir also sprechen oder singen schliesst sie sich.

Beim sprechenden oder, in meinem Fall, singenden Ausatmen wird unter dem Kehlkopf ein Unterdruck erzeugt, der die Stimmbänder in Bewegung setzt. Sie öffnen sich um sich wieder zu schliessen, so entsteht eine Wellenförmige Bewegung, eine Schwingung. Je nach Tonhöhe schwingen die Stimmbänder unterschiedlich schnell. Beim Kammerton "a" erfolgt dieses Öffnen und Schliessen 440 mal pro Sekunde. Von blossem Auge ist dieser Vorgang nicht erkennbar.

Damit die Stimmbänder sich überhaupt öffnen können müssen die Stellknorpel in die richtige Position gehen, damit die Muskeln ihre Arbeit aufnehmen können.



(Quelle: Prof.Wolfram Seidner: Die Sängerstimme, 3.erweiterte Auflage 1997)


Beim Singen bemühen wir uns um einen möglichst weichen Stimmeinsatz. Die Stimmbänder sollen sich sehr behutsam mit dem geringstmögliche Druck öffnen. Vielen hilft es vor dem Toneinsatz sich ein "h" zu denken. Diese Art des Stimmeinsatzes ist eine genauste Koordination von Luftdruck und Stimmlippenspannung. Die Stimmlippen schliessen sich nach dem Öffnen wieder, einerseits durch die angespannte Muskulatur, anderseits weil durch das passieren der Luft eine Sogwirkung entsteht, so dass sich die Stimmlippen gegenseitig anziehen und berühren. Auch das Absetzten des Klanges erfordert eine sehr genaue Koordination. Hier ist der weiche Stimmabsatz genauso erwünscht, wie der weiche Stimmansatz.

Doch der besterzeugte Ton nützt nichts, wenn er nicht an der richtigen Stelle, der Resonanz auftrifft. Jeder Mensch hat Resonanz. Die Hauptresonanz finden wir in den Schädelknochen und zwar in den verschiedenen Höhlen: Stirnhöhle, Siebbeinzellen, Keilbeinhöhle und der Kieferhöhle. Die Luft in diesen Räumen kommt zum Schwingen, wenn der Klang an der richtigen Stelle auftrifft und verstärkt unsere Töne, so dass wir diese als Opernsänger*innen ohne Mikrofon in grosse Räume transferieren können.


(Quelle: Prof.Wolfram Seidner: Die Sängerstimme, 3.erweiterte Auflage 1997)


Dabei spielt der harte Gaumen eine wichtige Rolle: Dort wo die Schädelknochen am Gaumen zusammengewachsen sind, sollte der klingende Luftstrom auftreffen. Im Mundraum ist diese Stelle spürbar: Wenn wir von den oberen Schneidezähnen mit der Zunge rückwärts tasten, findet sich eine Stelle, wo die Schleimhaut anders strukturiert ist. Das ist der "klingende Punkt". Beim klassischen Singen spielt der weiche Gaumen auch eine Rolle: Wenn wir diesen anheben, ähnlich wie beim Gähnen senkt sich der Kehlkopf. Dadurch können wir den inneren Raum, das Ansatzrohr vergrössern und der Klang wird runder. Neben der Kopfresonanz ist der Brustkorb als Resonanzraum auch wichtig.

Beim Senken des Kehlkopfes sind verschieden Muskeln beteiligt. Einige verlaufen bis zu unseren Schulterblättern. Kein Wunder, dass wir also ab und zu einen verspannten Nacken haben, wenn wir viel Gesungen und/oder Gesprochen haben!

Das unten folgende Bild zeigt sehr genau und für mich eindrücklich, warum wir sowohl beim Sprechen, also auch beim Singen auf einen lockeren Kiefer achten sollten: Halten wir den Kiefer fest kann der Kehlkopf und die entsprechende Muskulatur nicht frei arbeiten, was Auswirkung auf den Klang der Stimme hat und zusätzlich zu Verspannungen führen kann.


(Quelle: Prof.Wolfram Seidner: Die Sängerstimme, 3.erweiterte Auflage 1997)


Damit die Luft frei und trotzdem gezielt strömen kann, spielt die Atmung eine entscheidende Rolle. In meinem Blogbeitrag vom 30.7. 2020 habe ich ausführlich über die Atmung geschrieben.

Jeder Mensch hat eine ganz individuelle Klang-. und Stimmfarbe. Beim Sprechen benutzen wir übrigens gerade mal ein Drittel unseres Stimmumfangs.

Unsere Stimme verändert sich ein Leben lang. Als Baby können wir nur schreien, nicht sprechen, weil unser Kehlkopf noch hochgestellt ist. Im Verlauf des ersten Lebensjahres senkt sich der Kehlkopf nach unten und somit ist es dem Kleinkind erst jetzt physiologisch möglich das Sprechen zu erlernen. Je älter ein Kind wird umso kräftiger wird seine Stimme und gewinnt an Umfang. Diese Entwicklung setzt sich bis zur Mutation fort, die beide Geschlechter haben. Mädchen meistens etwas unauffälliger als Jungen. Während bei den Jungen die Mutation ihre Stimme rund eine Oktave tiefer werden lässt, hält es sich bei den Mädchen mit einer Absenkung von einer Terz bis zu einer Quinte in Grenzen.

Doch auch nach der Mutation entwickelt sich eine Stimme immer weiter und wird reifer.

Je besser trainiert eine Stimme ist umso weniger hört man ihr in den meisten Fällen das Alter an. Ausnahmen bestätigen die Regel. Mit zunehmendem Alter können Hormone unsere Elastizität der Muskulatur und auch die Versorgung der Schleimhäute beeinflussen, was zur Folge haben kann, dass der Klang der Stimme sich verändern kann. Dadurch klingen manche alte Stimmen fast brüchig, oder manche Frauenstimmen bekommen einen raueren, tieferen Klang, während bei manchen Männern die Kraft der Stimme abnimmt und die Stimme eher höher klingen kann.

Kein Instrument ist mit der Seele so gekoppelt wie unsere Stimme. Unsere psychische Verfassung hat enormen Einfluss auf unseren Stimmklang. Nicht umsonst gibt es in der deutschen Sprache unzählige Redewendungen wie "Stimmt etwas nicht?", "die Stimmung ist gekippt", "Es hat mir die Stimme verschlagen" um nur wenige aufzuzählen.

Ich erlebe das immer wieder im Gesangsunterricht, wenn Schüler*innen auf einmal in Tränen ausbrechen. Das Singen löst so manches los: Den seelischen Schmerz oder lange aufgestaute Emotionen, die wir manchmal sehr lange Jahre mit uns herum tragen. Meistens geht es ihnen nach der Stunde, wenn die Tränen raus sind besser. Ich habe es oft erlebt, dass die "Tränenstunden" wie eine Art Durchbruch für den Schüler, die Schülerin waren. Meistens entwickelt sich die Stimme ab dem Zeitpunkt schneller. Wahrscheinlich, weil alte psychische Dinge sich auflösen oder jetzt bearbeitet werden können. Gesangsunterricht bedeutet nicht nur Arbeit an der Stimme sondern auch an der Psyche. Entwickelt sich die Stimme macht meistens der Mensch auch eine psychische Entwicklung durch. Ich empfinde daher das Unterrichten und das Arbeiten an der Stimme meiner Schüler*innen als sehr grosse Verantwortung. Destruktive Kritik hat in meinem Unterricht keinen Platz. Mein Wunsch ist es, dass meine Schüler*innen beschwingt und glücklich den Unterricht verlassen.

Mit unserer Singstimme können wir alle Emotionen ausdrücken. Wir haben eine fast unerschöpfliche Palette an Klangfarben zur Verfügung, wenn wir uns trauen, diese zu bedienen. Eine Meisterin darin war Maria Callas. Sie hatte nicht unbedingt eine schöne Stimme, doch sie war in der Lage in ihrer Stimme alle Emotionen authentisch wieder zu geben und das macht sie bis heute legendär. Dazu braucht es den Mut auch "hässliche" Klänge zu zulassen. Nichts ist so langweilig, wie eine Stimme, die immer gleich schön klingt.

Es ist definitiv eine Lebensaufgabe seine Stimme immer wieder zum klingen zu bringen und jeden Tag aufs Neue alle Emotionen in ihr klingen zu lassen, neue Emotionen, Klangfarben zu suchen und zu kultivieren, seine Grenzen zu suchen und zu verschieben. Dabei ist die jeweilige Literatur, die ich am studieren bin natürlich hilfreich.

Auch wichtig beim Üben ist es für mich zu lernen, dass ich in jeder möglichen Gefühls- und Körperverfassung in der Lage bin zu singen und meine bestmögliche Leistung abzurufen. Ich erinnere mich gut, als meine Tochter sehr klein war und die Nächte unterbrochen und kurz waren, wie ich im Unterricht stand und sang. Ich war todmüde, der Körper fühlte sich wie abgekoppelt von der Seele an. Ich nenne diesen Zustand bis heute "Zombiemodus". Trotz dieses seltsamen Zustands klang meine Stimme und entwickelte sich weiter. Vor meiner Tochter wäre es für mich undenkbar gewesen in dem Zustand zu singen. Durch meine Tochter lernte ich mit der Müdigkeit und allen möglichen und unmöglichen Zuständen umzugehen und mich auf den Moment zu konzentrieren und zu singen.

Das war für mich eine sehr wichtige und wertvolle Lektion.

Selbst wenn ich mich an einem Tag nicht inspiriert fühle oder unmotiviert bin, stelle ich mich hin und singe. Ich nehme mir immer etwas vor, woran ich arbeiten möchte und versuche es umzusetzen. Danach fühle ich mich meistens viel besser und gehe beschwingter durch meinen Tag. Das Singen hilft mir bei mir selber zu bleiben. Es erdet mich und bringt mich psychisch immer wieder ins Gleichgewicht und das empfinde ich als sehr wertvoll.

Es gibt noch so viele schöne Musik zu entdecken, so viele schöne Rollen zu studieren und so viele Klangfarben, die ich noch ausgraben und kennen lernen möchte. Ein Tag von 24 Stunden ist eigentlich viel zu kurz für all diese Dinge, die ich gerne machen und entdecken möchte. Ein Leben reicht nicht aus um all die schöne Musik, die schönen Melodien dieser Welt kennen zu lernen unabhängig von Konzerten und Aufführungen. Alleine deswegen lohnt es sich für mich jeden Tag Musik zu machen und zu singen.

Auch wenn zur Zeit ein konkretes Ziel noch fern ist, kann ich jeden Tag an mir und meiner Stimme arbeiten und besser werden. Also heisst es für mich weiter üben, üben, üben...










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