Eine etwas andere Adventszeit

Aktualisiert: Apr 10



Es ist ein gewöhnlicher Werktagsnachmittag. Ich nutze die Zeit ein Paket zur nahegelegenen Paketstation am Bahnhof zu bringen und verbinde dies mit einem Spaziergang. Der Tag ist grau und verhangen. Die Passanten huschen an mir vorbei. Viele sind soeben aus der S-Bahn oder aus dem Bus ausgestiegen und tragen noch ihre Maske. Die Gesichter werden dadurch anonymer und die Menschen dahinter erinnern mich an die grauen Herren von Michael Endes "Momo", wie wenn sie mit der grauen Umgebung eins würden. Es wirkt alles sehr trostlos an diesem Tag. Das Paket soll in meine Heimat geschickt werden, da es mir in diesem Jahr nicht möglich ist Pandemie bedingt selber hinzufahren. Die Schweiz gilt als Risikogebiet. Meine Reise wäre mit Covid-Tests und Quarantäne verbunden, alles nicht optimal und kostspielig.

Als ich bei der Paketstation ankomme ist ein Paketbote eilig damit beschäftig Pakete aus seinem Lieferwagen vor den Automaten zu stapeln. Ohne einen Gruss blafft er mich an: "Sie können jetzt mit ihrem Paket nicht vor. Entweder sie gehen oder müssen halt warten". Ich bin einen kurzen Moment perplex. "Wie wär`s erst mal mit einem "guten Tag" und etwas Freundlichkeit?" entgegne ich. "Diese Zeit ist für uns alle nervig und schwierig. Mir ist nicht entgangen, dass sie mehr als genug zu tun haben. Ich habe Verständnis für ihre Situation, aber etwas mehr Freundlichkeit würde echt nicht schaden!"

Der Paketmann guckt ganz verdutzt. "Ich wollte sie nicht anblaffen" meint er etwas zerknirscht. "Kam leider genauso rüber." antwortete ich ihm. "Das tut mir leid," sagt er.

"Können sie mir bitte sagen, ob ich das Paket auch anderswo abgeben kann?" frage ich ihn. "Ja, das können sie." antwortet er und nennt mir den Ort. "Danke", sage ich und wende mich zum Gehen. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!" sagt er freundlich. "Danke, das wünsche ich Ihnen auch. Und denken Sie daran, etwas Freundlichkeit tut gut!" sage ich und gehe.

Ich glaube, so schnell wird dieser Paketmann in seiner Hektik niemanden mehr anblaffen.

Es ist eine alltägliche Situation die sich im Vorweihnachtsstress unter diesen besonderen Umständen sicher öfter zuträgt. Bei vielen von uns liegen die Nerven blanker als sonst. Dadurch, dass viele nicht zu ihren Lieben reisen können, werden viel mehr Pakete verschickt als sonst. Viele bestellen mehr über das Internet, da sie, so wie ich auch, wenig Lust haben in den gut gefüllten, wenn nicht überfüllten Geschäften einkaufen zu gehen. Von wegen 10 Quadratmeter pro Person...das ist wirklich in vielen Läden eine müde Theorie.

Die Paketboten arbeiten unter enormem Zeitdruck und oftmals für bescheidenen Lohn. Es ist sicher anstrengend, die ganzen Pakete an die Empfänger zu bringen. Immer klingeln, meistens ist niemand da, Zettel ausfüllen, beim genervten Nachbarn das Paket abgeben, oder eben im oben beschriebenen Fall, das Paket in die Paketstation einlesen. Es ist verständlich, dass er dann nicht warten will, bis ich mein Paket noch schnell, oder meistens, da ungeübt, nicht schnell vor seinen ganzen Paketen einlese.

Trotzdem finde ich, dass der Ton die Musik macht, gerade jetzt. Noch vor wenigen Monaten, wäre ich wohl kommentarlos und beleidigt abgezogen. Doch wenn ich in den letzten Monaten etwas gelernt habe, war es für mich und meine Rechte einzustehen und dazu gehört für mich auch das Recht auf Freundlichkeit, Respekt, Begegnungen auf Augenhöhe. Ich bin dazu übergegangen die Dinge zu benennen. Anfangs brauchte ich dazu viel Mut. Doch nach einigen positiven Erfahrungen und Reaktionen war mir klar, dass das der richtige Weg ist für mich. Es geht nicht darum meine Mitmenschen "zu zu texten" oder den Moralapostel zu spielen, nichts liegt mir ferner. Es geht mir darum mich und meine Gefühle, Reaktionen klar zu positionieren und meinem Gegenüber mit zu teilen, was er oder sie in mir auslöst. Häufig sind sich das Menschen gar nicht bewusst. Manchmal kommt der Ton einer Aussage schärfer rüber, als wir wollen. Es ist nicht leicht immer den richtigen Ton zu treffen und den richtigen Klang zu gestalten.

Viele von uns sind müde von diesem anstrengenden Jahr, das uns alle in irgendeiner From an unsere Grenzen und darüber hinaus bringt. Es macht müde ständig mit neuen, schlechten Nachrichten konfrontiert zu werden. Es macht müde zu beobachten, wie sich die Gesellschaft über diese Pandemie immer mehr spaltet. Es macht müde ständig neue Bestimmungen zu befolgen, die sich von Woche zu Woche, gefühlt von Tag zu Tag ändern. Viele von uns sind ständig konfrontiert mit der Angst einer möglichen Ansteckung. Andere arbeiten direkt an der Front tagtäglich mit Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankt sind und deren Leben an einem seidenen Faden hängt. So wie eine KiTa Mutter, die sich im Gruppenchat ernsthaft dafür aussprach, dass die Erzieherinnen in der KiTa Maske zu tragen hätten. Ich meinte darauf hin, dass ich nicht der Meinung sei. Es müssten zum einen altersgerechte Kompromisse gemacht werden und zum anderen würde überall immer ein Restrisiko einer Ansteckung bleiben, selbst mit FFP2 Maske. Was ich leider vergass hinzuschreiben war, dass Kinder bis 5 Jahre auf unsere Mimik angewiesen sind, beim Sprechen lernen, aber auch bei unseren Reaktionen auf das, was sie machen. Sie müssen lernen, wie jeder einzelne von uns mimisch reagiert, das geht mit Maske nicht. Eine andere Mutter schaltete sich ein und stärkte mir den Rücken. Wir beide betonten, dass niemand ein Interesse daran hat, irgendwen zu gefährden oder ein unnötiges Risiko einzugehen und dass wir durchaus Verständnis für ihre Situation hätten. Das Resultat war, dass die Mutter den Gruppenchat verlies und das trotz einer sehr sachlichen Darlegung unserer Sicht. Wir haben die Mutter weder angegriffen, noch waren wir in irgendeiner Weise unfreundlich oder beleidigend.

Alleine diese beiden Beispiele zeigen wie angespannt die Situation bei jedem einzelnen von uns ist. Auf der einen Seite jene, die jeden Tag der Situation und deren Folge gnadenlos ausgesetzt sind, denen auch junge Menschen ohne Vorerkrankung unter den Händen wegsterben und dann die anderen, die nach wie vor alles leugnen auf Querdenker-Demos gehen, ohne Maske, ohne Schutz und symbolisch die Arbeit der anderen mit Füssen treten. Irgendwo dazwischen sind die Gastronomen, Veranstalter, Soloselbständigen, die um ihre Existenz berechtigterweise bangen. Was unser aller Nenner ist und bleibt, die Frage: Wann ist alles vorbei? Wann kehrt eine gewisse "Normalität" zurück? Wann können wir wieder Dinge wie Konzerte, Reisen, Feste längerfristig planen?

Die Feiertage lassen sich dieses Jahr auch nicht wie sonst planen, da alles auf einen harten Lockdown hindeutet. Die Zahlen sind trotz "Lockdown-light" immer noch genauso hoch wie vorher. Offenbar fanden die Hauptansteckungen anderswo statt, als in den seit November gesperrten Bereichen. Nie wurden Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten so deutlich wie in den letzten Monaten. Ich glaube auch, dass sich noch nie so viele Menschen so alleine und auch alleingelassen fühlten.

Was bedeutet uns diese Adventszeit? Ich beobachte, dass viele Menschen sich zurück ziehen in ihre Wohnungen, früher weihnachtlich schmücken als sonst. Es ist eine Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit da, die das Weihnachtsgefühl etwas füllen soll. Neulich habe ich mit meiner Tochter und einer Freundin und deren Tochter einen langen Spaziergang durch Berlins Mitte gemacht vom Alexanderplatz bis zum Hauptbahnhof.

Der Alexanderplatz war leer, kaum Menschen waren unterwegs. Auch das Nikolaiviertel war leer. Die Weihnachtsbeleuchtung trotz des düsteren Tages aus. Der Gendarmenmarkt war leer, ohne Beleuchtung oder Weihnachtsbaum. In der Friedrichstraße wurden erst ein paar Holzhäuschen aufgebaut. Eine Art Ersatzweihnachtsmarkt? Unter den Linden funktionierte die Weihnachtsbeleuchtung noch nicht. Am Brandenburgertor dann endlich ein schön geschmückter Weihnachtsbaum mit sehr blassen Lichtern. Als wir am Bundestag vorbeigingen entdeckten wir einen sehr schönen, grossen Weihnachtsbaum mit heller Beleuchtung. Und der Hauptbahnhof war wirklich schön, weihnachtlich Geschmückt. Ein kleiner Lichtblick und Trost auf diesem Spaziergang durch die Stadt auf der Suche nach Weihnachten.



Alles ist dieses Jahr anders als sonst. Trotzdem ist es mir wichtig Weihnachtspost zu schreiben, die Geschenke rechtzeitig zu verschicken und mit meiner Tochter Weihnachtsplätzchen zu backen. Mir ist es wichtig meinen Mitmenschen mit Freundlichkeit und Verständnis zu begegnen. Ihnen zu zuhören. Auch jenen, die teilweise von sehr absurden Theorien überzeugt sind. In den letzten Monaten haben viele von uns verlernt dem anderen zu zuhören. Nachrichten genau zu lesen. Sicher, jeder kann oder will nur das in sein Weltbild aufnehmen, an Nachrichten, Informationen, das bei ihm reinpasst.

Ich habe kapituliert andere von meiner Meinung überzeugen zu wollen. Es ist in diesen Zeiten nutzlos. Stattdessen versuche ich anderen mit Liebe und Menschlichkeit zu begegnen.

Adventszeit bedeutet "die Zeit der Ankunft". Es ist die Zeit, wo wir auf die Ankunft unseres Erlösers warten, der an Weihnachten, als unschuldiges, schutzloses Kind zu uns gekommen ist, um für unsere Sünden geradezustehen.

Selbst wenn Jesus nur eine Legende sein sollte, können wir doch viel von ihm und seiner Einstellung lernen, speziell in diesen Zeiten: Vom bedingungslosen Geben, vom Zuhören, vom Handeln in Liebe, von seiner Liebe zu seinen Mitmenschen. Er hat alle gleichbehandelt: Arme, Reiche, Mann, Frau. Er hat keinen Unterschied zwischen den Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Alten gemacht. Er hat alle als wertvoll und liebenswert empfunden. Unabhängig von Religion, Volkszugehörigkeit, politischer Einstellung oder gesellschaftlichem Status. Er hat allen, die ihn gesucht haben, gegeben, was sie brauchten und sie gesegnet. Selbst verachteten Menschen wie dem Zöllner oder der Prostituierten hat er seine Ehre erwiesen und sie angenommen wie sie waren, ohne sie ändern zu wollen. Er hat das Gute in ihren Herzen, in ihrer Seele erkannt und dadurch, dass Jesus dies erkannte, waren die Menschen ihm gegenüber fähig, es selber in sich zu erkennen, so dass das Gute in ihnen wachsen konnte. Wie das Samenkorn, das in die Erde gesteckt wird.

Was brauchen wir in dieser Zeit? Ich glaube mehr gegenseitiges Verständnis, gegenseitige Liebe, Respekt, Toleranz, so dass diese Adventszeit für uns alle trotz der Widrigkeiten eine Zeit der Liebe werden kann.

In dem Sinne wünsche ich Euch allen von Herzen einen schönen 3. Advent!


P.S. Diesen Samstag werde ich zusammen mit Christoph D. Ostendorf ein paar schöne Weihnachtslieder aufnehmen. Wir werden diese dann für Euch alle, als Weihnachtsgeschenk und musikalischen Gruss veröffentlichen.


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