Aus dem Leben einer Opernsängerin

Ewigkeitssonntag oder ein Ausflug in das musikalische Kirchenjahr


Selbst wenn ein Musiker nicht einer Konfession angehört, begleiten ihn die verschiedenen, an die Religion gebundenen Musikstücke und Aufführungen, vorausgesetzt es ist keine Pandemie vorherrschend, die uns das öffentliche Auftreten verbieten, über das Jahr.

Kommender Sonntag ist in der evangelischen Kirche der Totensonntag, oder der Ewigkeitssonntag, wie wir ihn in der Schweiz nennen.

An diesem Tag werden die Gräber der Angehörigen geschmückt und für den Winter zurecht gemacht. Meistens mit Tannengrün, einer Kerze, schönen, winterharten Gebinden.

Im Gottesdienst werden an dem Sonntag alle Namen der Menschen, die übers Jahr von uns gegangen sind nochmal verlesen. Oft sind auch die Angehörigen dieser Menschen im Gottesdienst anwesend. Dieser Sonntag ist gleichzeitig das Ende des Kirchenjahres.

Ob und wie der Totensonntag musikalisch begangen wird ist von Region zu Region und von Land zu Land unterschiedlich. Hier in Berlin werden am Totensonntag oft ein Requiem aufgeführt oder andere Musik, die sich mit dem Leben und seiner Vergänglichkeit befasst.

Die Einführung des Totensonntags in die evangelische Kirche ist auf König Friedrich Wilhelm III im Jahr 1816 zurückzuführen. Er hatte verschiedene Gründe diesen Tag in das Kirchenjahr einzuführen: Zum einen gab es viele Tote zu beklagen im Krieg gegen Napoleon und es gab im evangelischen Kirchenjahr noch keinen Tag, der den Toten gedachte. Zum anderen trauerte er immer noch um seine geliebte Frau Königin Luise, die 1810 gestorben war. So übernahm die evangelische Kirche diesen Tag.

Der Sonntag nach dem Ewigkeitssonntag ist der 1. Sonntag im neuen Kirchenjahr und gleichzeitig der 1. Advent, wo bei vielen von uns die 1. der vier Kerzen angezündet wird. Advent bedeutet "Die Zeit der Ankunft". In der dunkelsten Jahreszeit erwarten wir die Ankunft unseres Erlösers. Es gilt sich auf die Ankunft des Erlösers vorzubereiten. Wir alle kennen den Adventskalender mit seinen Türchen und Geschenken. Im Dezember finden sich viele wichtige, kirchlich gebundene Feiertage: 6.12. der Nikolaustag, der auf den Bischof Nikolaus von Myra im 3. Jahrhundert zurück geht, der gerne und ohne Berechnung schenkte. In der Schweiz werden an dem Tag "Grittibänz" (Teigmännchen) gebacken und Abends kommt der "Samichlaus" zu den Kindern und sagt ihnen, was sie bis nächstes Jahr besser machen sollen und bringt ihnen ein kleines Geschenk. An dem Tag werden sehr viele Süssigkeiten gegessen, Nüsse und Mandarinen. Hier in Berlin stellen viele sauber geputzte Schuhe vor die Tür, die dann auch mit einem Geschenk und allerlei anderer Sachen gefüllt sind. Dann folgen der 2., 3. und 4. Adventssonntag. Die Weihnachtszeit ist normalerweise die Hochzeit für uns Musiker. An allen Wochenenden im Dezember werden verschiedene Weihnachtsoratorien gespielt und gesungen. Eines der bekanntesten ist wohl das von Johann Sebastian Bach mit seinen Kantaten 1-6. Ein anders, sehr schönes Weihnachtsoratorium ist das "Oratoire de Noel" von Saint-Saens um nur 2 von einer Vielzahl zu nennen, die es gibt.

Dann folgt der Heilig Abend am 24.12. mit der Mitternachtsmesse, der 1. Weihnachtstag mit dem 25.12., der 2. Weihnachtsfeiertag mit dem 26.12. In den Christmessen wird traditionellerweise viel gesungen und sehr feierliche Musik dargebracht.

Gleichzeitig beginnt mit der Sonnwende am 21.12. in manchen Regionen die Zeit der Rauhnächte, wobei in den allermeisten Regionen die erste der 12 Rauhnächten in der Nacht zum 25.12. also zum 1. Weihnachtstag statt findet. Diese sind freilich nicht kirchlich gebunden sondern in die Vorchristliche Zeit einzuordnen. Auch diese Tage sind Tage der Einkehr und Besinnung; wahrscheinlich wurden die Raunächte in vielen Regionen einfach in die Religion und deren Bräuche eingebunden. Mit dem 6.1. dem Tag der 3 Könige endet die Weihnachtszeit und auch die Raunächte enden mit dem Tag und die Epiphaniaszeit (Erscheinungsfest) beginnt. Die Kinder in Spanien bekommen übrigens meistens erst am 6.1. die Weihnachtsgeschenke, schliesslich beschenkten die 3 Könige das neugeborene Kind an dem Tag erst.

Im Februar beginnt die Vorpassionszeit und mit dem Aschermittwoch fängt die Fastenzeit an, eine Zeit des Verzichts. In früheren Zeiten eigentlich ganz logisch: In dieser Zeit gingen die meisten Vorräte zur neige, die Menschen mussten sich die restlichen Nahrungsmittel gut einteilen, bis sie wieder frische Lebensmittel ernten konnten. In der heutigen Zeit verzichten viele in der Zeit auf Alkohol oder Süsses. Es ist eine Zeit des Jubels, des Nachdenkens, der Vergebung. Mit dem umjubelten Einzug am Palmsonntag nach Jerusalem ist Jesus` Schicksal besiegelt. Innerhalb einer Woche folgt auf den höchstenJubel und Erfolg, der Verrat und der tiefste Fall hin zum Tod am Kreuze, der eigentlich nur Schwerverbrechern zustand.

Jesus hat in der Zeit vor seiner Kreuzigung am Karfreitag vor Ostern, im Wissen um seinen bevorstehenden Tod, um den Verrat durch seinen Jünger, das Abendmahl eingeführt (Gründonnerstag). Es soll den Gläubigen ins Bewusstsein rufen, dass wir zueinander und zu Jesus gehören, egal was war und egal was kommen mag. In dieser Zeit werden traditionell verschiedene Passionen aufgeführt: Zum Beispiel von J.S. Bach Johannes- oder Matthäuspassion oder von Pergolesi das "Stabat Mater". Die Fastenzeit endet mit dem Ostersonntag, an dem an die Auferstehung von Jesus gedacht wird. Nur durch die Auferstehung Jesu von den Toten können uns unsere Sünden vergeben werden und dies ist der signifikante Unterschied vom Christentum zu anderen Religionen: Die Vergebung.

Nach seinem Tod und seiner Auferstehung ist Jesus noch 40 Tage auf der Erde, bevor er an Himmelfahrt zurück zu Gott kehrt. Die Jünger fühlen sich alleine gelassen, doch dann geschieht das Wunder: An Pfingsten kommt der heilige Geist über die Jünger und sie beginnen in allen Sprachen dieser Welt das Wort Jesu zu verkünden. Mit Pfingsten endet die Österliche Freudenzeit.

Von der Österlichen Freudenzeit bis zum Ende des Kirchenjahres dauert die Zeit des Trinitatisfest. Es wird der Dreieinigkeit Gottes gedacht: Gott, Jesus und des heiligen Geists. In dieser Zeit gibt es wenige festliche Höhepunkte: Kirchweihe, Erntedankfest und der Reformationstag.

Spannender sieht es in der Katholischen Kirche aus zum Beispiel mit dem 2.Juli der Visitation Marias oder dem 15. August mit Mariä Himmelfahrt.

Klar, auch das beruht auf den gegebenen Umständen, dass die Menschen im Sommer bis und mit Herbst alle Hände voll zu tun hatten, die Ernte sicher zu stellen, das Vieh zu versorgen und im Mittelalter dem jeweiligen Vogt den 10ten abzugeben...da hatte man nicht noch Zeit um Feste zu feiern! Betet und arbeitet war die Devise, etwas vereinfacht ausgedrückt.

Zum Reformationsfest werden auch öfter Konzerte in Kirchen gespielt, Mendelssohn "Elias" oder "Paulus", oder Bruckner "Te Deum" und ähnliche Werke kommen an dem Tag zum tragen.

Und nun schliesst sich an diesem Sonntag wieder ein Kreis mit dem Totensonntag.

Der "heilige" Kreislauf bettet sich ein in unser Jahr, in die Jahreszeiten.

So wie unser Leben in vielerlei Hinsicht aus Kreisläufen besteht, von der Geburt, über die Kindheit, Jugend, zum Erwachsen sein hin zum alt werden und schliesslich zum Sterben, so finden wir den Kreislauf in der Natur wieder und in vielen Dingen, die uns und unser tägliches Dasein umgeben. Unser Dasein ist gebunden an einen scheinbar ewigen Kreislauf der Vergänglichkeit, gebunden an die Zeit, die uns gegeben ist in unserem Leben. Jeder Tag ist auf seine Art neu, einzigartig und ein Kreislauf in sich. Diese vielen Kreisläufe aneinander gebunden ergeben für jeden von uns einen individuellen Ablauf und prägt uns und unsere Biographie. Der Totensonntag führt mir meine, unsere Vergänglichkeit vor Augen. Wir sind eigentlich nur ein Wimpernschlag in der Ewigkeit und trotzdem ist jedes Leben auf seine Art einzigartig, hat jede Zeit, egal wie schwer und düster sie ist auch etwas, woran jeder einzelne von uns wachsen kann, ein schwacher Lichtstrahl, der uns das Kommen besserer Zeiten verspricht.

Wie letzte Wochen schon angekündigt werde ich diesen Sonntag ein Streaming-Konzert singen: Von Richard Strauss 4 letzte Lieder und Hindemith Marienleben. Wir werden mit "Frühling" und "September" starten, dann das Marienleben musizieren und mit "Beim Schlafengehen" und "im Abendrot" enden. Mein letztes, gesungenes Wort ist "Tod". Was könnte besser zum Totensonntag und vor Allem in diese ungewöhnliche Zeit passen?

Hier der Link zum Konzert, es beginnt um 17.00Uhr. Ich würde mich SEHR freuen, wenn der eine oder die andere reinhört.

https://www.youtube.com/watch?v=m4eK6x25cdM&feature=youtu.be








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