Aus dem Leben einer Opernsängerin

Eine Hommage an Hölderlin oder das letzte Konzert vor dem nächsten Lockdown


Heute Abend gestalten Andreas Staffel und ich eine Hommage an Hölderlin. Wie in den letzten Blogbeiträgen beschrieben spielen und singen wir Werke von Victor Ullmann, Benjamin Britten und Andreas Staffel.

Es wird das letzte live Konzert sein für lange Zeit .

Trotz aller ausgeklügelten Hygienekonzepten, die von Experten bewilligt und von Veranstaltern penibel umgesetzt wurden, müssen alle Kulturstätten wieder schliessen, erst mal bis Ende November.

Warum dürfen wir durch einen Autosalon oder Einzelhandelsläden spazieren nicht aber durch eine Galerie, ein Museum oder still mit Maske im Konzertsaal, Theater oder Opernhaus sitzen? Das wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben.

Genauso, wie es zu solchen drastischen Beschlüssen kommen kann ohne Augenmass. Es wird nicht geschaut wo die Ansteckungen erfolgen und entsprechende Massnahmen ergriffen, nein, es wird einfach pauschal dicht gemacht.

Im Kulturbereich hat sich bis zum heutigen Tag nachweislich niemand mit Corona infiziert. Niemand.

Es fühlt sich an wie ein unbegründeter Schlag ins Gesicht. Alle Bemühungen, alle Hygienekonzepte, alle Investitionen umsonst.

Und nach wie vor ist es leider eine traurige Tatsache, dass die rund 1,5 Millionen Soloselbständigen der Kulturbranche in den allermeisten Ländern keine adäquate Unterstützung erhalten bis zum heutigen Tag.

Wir sind gerne bereit unsere Mitmenschen vor einer Ansteckung mit Covid-19 zu schützen und haben dies mit all den Massnahmen und Hygienekonzepten mehr als gezeigt. Doch wir sind auch Menschen mit Familien, die ihre Steuer bezahlen, ein Teil unserer Gesellschaft sind und die in der jetzigen Situation Schutz und Hilfe brauchen.

Unsere Existenzen sind ernsthaft bedroht! Es ist wirklich Alarmstufe Rot!

Ich frage mich unter diesen Gesichtspunkten ernsthaft, was von unserer Kultur und unserer Gesellschaft übrig bleiben wird, wenn die Pandemie irgendwann vorbei ist.

Ich frage mich, wieviele Existenzen durch den jetzigen Entscheid der Bundesregierung nun vor dem Aus stehen, bei wie vielen Menschen diese Krise und diese begründeten existentiellen Ängste ernsthafte psychische Probleme auslösen werden bis hin zum Suizid. Wird unsere Bundesregierung dafür auch gerade stehen?

Es ist mir sehr wohl bewusst, dass unsere Bundesregierung vor schweren Entscheidungen steht, was diese Pandemie betrifft und trotzdem darf es in meinen Augen nicht sein, dass unzählige Menschen einfach so durch alle Hilfspakete und Raster plumpsen.

Es darf nicht sein, dass mit einer Abrissbirne auf unsere Kultur und Gesellschaft eingedroschen wird.

Kunst ist Gesellschaftsrelevant! Kultur ist Systemrelevant!

In der Kunst- und Kulturbranche ist es nicht 5 vor 12. Es ist bereits Highnoon!

Wir müssen handeln, sonst bleibt von unserer reichen und diversen Kulturlandschaft, die sich über Jahrhunderte entwickelt, etabliert hat und einmalig ist, nur noch Schutt und Asche übrig.

Die Politik beruft sich gerne auf Deutschland als Land der Denker, Dichter und auch der Künstler. Warum spüren wir in der jetzigen Pandemie nichts davon? Warum ist Kultur und Kunst in unserem Land so selbstverständlich, dass es offensichtlich nur als Vergnügung oder besseres Hobby abgetan wird? Und das obwohl wir Soloselbständigen der Kulturbranche bis zum Pandemiebeginn zusammen einen Jahresumsatz von ca. 130 MILLIARDEN(!) Euro erwirtschaftet haben. Das ist ein grosser Beitrag zu unserer Wirtschaft! Wie kann man dies ignorieren?

Nichts desto trotz oder gerade deswegen werden wir wirklich bis zum letzten möglichen Tag auftreten und Konzerte machen!

Heute Abend zum Beispiel im Studio Orpheo in der Jablonskistrasse Berlin.


Zum heutigen Abend möchte ich Andreas Staffel selber hier zu Worte kommen lassen, der vier wunderbare Hölderlingedichte vertont hat, die heute Abend uraufgeführt werden:

Andreas Staffel:


"Über meine "Vier Diotimalieder":

Meine Beschäftigung mit Hölderlin begann etwa mit 16 Jahren. Zu jener Zeit schenkte mir

meine damalige Klavierlehrerin eine alte Ausgabe des Buches Hyperion. Vom ersten Moment an hat mich dessen bildgewaltige und eigentümlich melodische Sprache in ihren Bann gezogen. Seither habe ich viele seiner Gedichte gelesen, und einige kommen mir immer wieder zu Bewusstsein, wie etwa das berühmte:

"Hälfte des Lebens", "Mein Eigentum", "An die Parzen" oder auch die späten "Turmgedichte".


Musikalisch inspirierend empfand ich Ende der achtziger Jahre die Kammermusik 58 von Hans Werner Henze "In lieblicher Bläue", sowie die LaSalle Aufnahme von Luigi Nono´s Streichquartett: "Fragmente-Stille", "An Diotima", (eine Langspielplatte, die ich damals so häufig gehört habe, bis die berühmten Pausen von Kratzern überlagert wurden) außerdem auch die Hölderlinlieder von Rihm und den Scardanellizyklus von Holliger.

Um nur einige Werke, die sich auf Texte des großen schwäbischen Dichters beziehen, zu nennen.

Meine erste von drei Kompositionen nach Hölderlintexten, neben meinem Sextett Mitte-Schnitte(2017) und dem Chorwerk: „Hold the Line“ (2020), sind jene vier Diotimalieder, entstanden 1997. Sie wurden im selben Jahr in der Düsseldorfer Musikhochschule uraufgeführt. Anfang dieses (Hölderlin) Jahres habe ich diese

Komposition für Sopran mit Klavier bzw. Akkordeonbegleitung überarbeitet.

An diesem Freitag wird nun die komplette Neufassung von Yvonne Friedli und mir uraufgeführt.

Die, im Versmaß des Hexameters geschriebene Liebeselegie, "Menons Klagen um Diotima" entstand zwischen 1798 und 1800. Der Name Menon nimmt Bezug auf den gleichnamigen platonischen Dialog. Ich habe die erste, von insgesamt neun Strophen vertont. Hölderlin beschreibt hier die rastlose Unruhe und den Schmerz nach der Trennung von seiner Diotima Susette Gontard. Aus einem anfänglichen Terzmotiv entstehen immer größere Terz-verzweigungen, die die wachsende Verzweiflung symbolisieren. Die Gesangsstimme wechselt zwischen kantablen Linien, Rezitation, Sprechgesang und melodischem Flüstern. Das Gedichtfragment „Wenn aus der Ferne“ entstand 1802 als Reaktion auf die Nachricht vom Tode seiner Geliebten. Hierin wird in schwankenden Tremolo- Figuren, die Hoffnung auf die Begegnung in einer besseren Welt zum Ausdruck gebracht. "Diotima", zwischen 1796 und 1798 in der Form des elegischen Distichon geschrieben, ist die hymnische Beschwörung der als gottgleich empfundenen Frauengestalt. In meiner Vertonung findet ein stetiger Wechselgesang zwischen der Sängerin und dem Pianisten statt.

Ein, ebenfalls in dieser Zeit entstandenes gleichnamiges Gedicht ist Basis für das vierte Lied. Hierin wird eine Atmosphäre der Hoffnung und des Aufbruchs beschrieben. Aus den einzelnen Silben der ersten Strophe habe ich eine sehr schnelle Vokalise gestaltet. Der Gesangs-und Klavierpart findet überwiegend im hohen Register statt, und endet abrupt „auf dem höchsten Gipfel“. "

Berlin, 26.10.2020, Andreas F. Staffel


Menon´s Klagen um Diotima


Täglich geh' ich heraus, und such' ein Anderes immer, Habe längst sie befragt alle die Pfade des Lands; Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch' ich, Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab, Ruh' erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder, Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht; Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm, Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel umher. Nicht die Wärme des Lichts, und nicht die Kühle der Nacht hilft, Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst. Und wie ihm vergebens die Erd' ihr fröhliches Heilkraut Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephire stillt, So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?

Wenn aus der Ferne


Wenn aus der Ferne, da wir geschieden sind,

Ich dir noch kennbar bin, die Vergangenheit,

O du Theilhaber meiner Leiden!

Einiges Gute bezeichnen dir kann,

So sage, wie erwartet die Freundin dich?

Diotima

Komm und besänftige mir, die du einst Elemente versöhntest, Wonne der himmlischen Muse, das Chaos der Zeit, Ordne den tobenden Kampf mit Friedenstönen des Himmels, Bis in der sterblichen Brust sich das Entzweite vereint, Bis der Menschen alte Natur, die ruhige, große, Aus der gärenden Zeit mächtig und heiter sich hebt. Kehr in die dürftigen Herzen des Volks, lebendige Schönheit! Kehr an den gastlichen Tisch, kehr in die Tempel zurück! Denn Diotima lebt, wie die zarten Blüten im Winter, Reich an eigenem Geist, sucht sie die Sonne doch auch. Aber die Sonne des Geists, die schönere Welt, ist hinunter Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur.

Diotima (Mittlere Fassung)

Lange tot und tiefverschlossen,

Grüßt mein Herz die schöne Welt;

Seine Zweige blühn und sprossen,

Neu von Lebenskraft geschwellt;

O! ich kehre noch ins Leben,

Wie heraus in Luft und Licht

Meiner Blumen selig Streben

Aus der dürren Hülse bricht."


In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Kraft, Durchhaltevermögen für den erneuten Lockdown.

Anbei noch eine Videobotschaft von mir, gerne zum teilen und weiterleiten!






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