Aus dem Leben einer Opernsängerin

In Zeiten von Covid-19


Unser neuer alter Alltag Teil 3


Seit Anfang Mai beginnt sich die Situation in unserer Umgebung etwas zu normalisieren.

Nachbarn, deren neues Lieblingswort "Abstand" war, werden wieder zugänglicher. Es werden immer mehr Lockerungen bekannt gegeben, wenn auch nicht alle davon für mich nachvollziehbar sind.

Fussball darf wieder stattfinden mit den entsprechenden Tests, Konzerte und Oper hingegen nicht...Tja, wir Musiker sind ganz offensichtlich keine Fussballer, weder vom Gehalt, noch von der Lobby her.


Endlich dürfen sich auch wieder zwei Familien treffen. Wir sehen nach langer Zeit unsere Freunde wieder. Mit meiner Freundin und deren Tochter, die gleichaltrig ist wie Jali machen wir einen wunderschönen Ausflug auf den Kienberg und an einem anderen Tag in die Gärten der Welt. Es fühlt sich an wie Urlaub. Den Kindern tut das gemeinsame Spielen richtig gut und uns beiden Frauen die Gespräche.



Es bedeutet mir sehr viel mit einem meiner Pianisten wieder an meinem Opern-Repertoire arbeiten zu können.

Es ist wertvoll für mich in dieser Zeit die Symbiose von Gedicht und Musik in Form des Marienlebens von Rilke/Hindemith für mich zu erarbeiten. Ich kann abtauchen in diese tiefgründige, komplexe Welt von Rilkes Gedichten, die durch Hindemiths Melodieführung noch mehr zum tragen kommen. Die Sensibilität des Komponisten und mit welcher fast überirdischen Empathie er sich in die hochempfindsamen Gedichte Rilkes eingearbeitet haben muss beeindruckt mich zu tiefsten, zollt mir sehr grossen Respekt und Hochachtung. Das Singen bringt mich immer wieder zu mir selber zurück und ist Balsam für meine Seele, in jeder bis jetzt dagewesene Situation, die mein Leben mir geboten hat. Es gibt mir jedes Mal wieder eine Perspektive, für die ich sehr dankbar bin.


Und dann ist es soweit: Der 25.05.2020 ist da.

Jali darf das erste Mal seit dem 17.3.2020 wieder in die KiTa gehen. Sie ist so aufgeregt, dass sie alleine um 6.15 Uhr aufwacht, was sonst NIE der Fall ist. Sie, die sonst am liebsten bis 8.00-8.30Uhr schläft.

Auf dem Weg zur KiTa erzählt sie mir, dass sie etwas Angst hat...das kann ich gut nachvollziehen. Die Angst ist zum Glück unbegründet. Um 12.00 Uhr hole ich ein glückliches, zufriedenes Kind ab. An den Nachmittagen kann sie nun endlich wieder mit den Nachbarskindern spielen, was sie sehr geniesst und die Nachbarskinder auch. Es tut gut wieder gemeinsames Kinderlachen zu hören.

Das, für uns, frühe Aufstehen um 6.30Uhr ist für uns alle etwas eine Umstellung. Nun ist die erste Woche geschafft und wir sind dankbar und glücklich, dass wir wieder 4 Stunden am Stück konzentriert arbeiten können und Jali gut betreut wissen.

Unser Alltag scheint langsam zurück zu kehren. Auch wenn viele Dinge nach wie vor ungewiss sind und immer noch Angst vor Covid-19 da ist, vor einer möglichen 2. Welle, den wirtschaftlichen Folgen der 1. Welle und vieles mehr.

Der Mensch kann sich sehr schnell auf neue Situationen einrichten. Viele, mit denen ich gesprochen habe, stellen fest, dass der Ausstieg aus dem "Hamsterrad" ihnen gut getan hat. Die Entschleunigung entfaltet bei vielen von uns jetzt erst ihre Wirkung. Auch bei mir stelle ich in manchen Bereichen eine Umstellung fest. Mich zieht es nicht mehr so sehr in die Geschäfte, ich überlege meistens zwei mal ob ich etwas wirklich benötige. Oft bestelle ich es jetzt online, wenn ich eine Ladenkette betreten müsste. Mir ist natürlich bewusst, dass der steigende Onlinehandel die Situation der kleinen Geschäfte, die am meisten mit den Folgen zu kämpfen haben, noch schwieriger macht, deswegen versuche ich auch hier Kompromisse zu finden und kaufe gezielt bei kleinen, eigenständigen Geschäften ein, wenn ich etwas brauche. Ich versuche mehr auf Nachhaltigkeit zu achten. Gönne mir nun ab und zu einen Espresso in einem kleinen Café. Dieses kleine Stück "Normalität" tut mir gut.


Ich versuche bewusster Pausen zu machen und diese vor Allem nicht online zu verbringen, sondern draussen im Garten, in der Natur oder beim nichts tun- auch wichtig! Nur dann kann ich Musse für neue Dinge und Ideen entwickeln, ältere Sachen perfektionieren. Oftmals über die Arien nachdenken, die ich Vormittags geübt habe und mit denen ich noch nicht ganz zufrieden bin, das Singen und die Musik in mir nachklingen lassen.

Wie Recht hatte meine erste Gesangslehrerin Ursula, als sie sagte "Das Singen ist ein Beruf, den Du nicht einfach in die Ecke stellen kannst, wie eine Aktentasche, wenn Du nach Hause kommst. Du wirst und musst immer dran bleiben!" Damals als Teenager habe ich nicht ganz verstanden, was sie meinte. Heute ist es mir klar. Das Singen ist meine Berufung und nicht "nur" mein Beruf. Eine Berufung ist eine Leidenschaft, selbstverständlich nicht nur auf das Singen bezogen. Einer Leidenschaft räume ich einen sehr grossen Stellenwert ein und sie erfüllt mich und das nicht nur von 9.00-17.00Uhr. Sie ist eine Bereicherung und manchmal auch eine Belastung. Für mich fühlt es sich auf eine Art wie eine Beziehung zu einer anderen Person an. An Beziehungen arbeiten wir auch, manchmal bewusst, manchmal unterbewusst. Auf jeden Fall ist es immer ein neues ausbalancieren und dieses ausbalancieren macht die Berufung/Leidenschaft manchmal anstrengend, aber auch wertvoll.

Ich bin dankbar dafür, dass ich meine Berufung leben kann und es mir damit möglich ist Menschen zu berühren.


Mich erfüllt durchaus, auch in diesen noch ungewissen Zeiten, immer wieder eine Zuversicht. Ich glaube daran, dass ich wieder auf der Bühne stehen werde, Opern und Konzerte singen kann vor Publikum, die Frage ist WANN?

Je länger es dauert bis Theater jeder Art, Festivals, Opern ihren "normalen" Betrieb wieder aufnehmen können, umso schwieriger wird es für die einzelnen Betriebe sich auch finanziell halten zu können und jedes Haus, Festival, Theater, das diese Zeit nicht übersteht und geschlossen werden muss ist unwiederbringlich weg und damit zahlreiche Arbeitsplätze. Das bedeutet langfristig eine Verarmung der reichen Kulturlandschaft, die Deutschland bis dahin ausgezeichnet hat und zu etwas Einmaligem in der Welt gemacht hat.

Die Schliessung der Kulturstätten bedeutet für die ortsansässigen Gastronomen und Hoteliers, die es in der jetzigen Zeit auch sehr schwer haben, weniger Gäste, weniger Umsatz, dadurch bedingt eventuell sogar selber Insolvenz. Die Orte verarmen dann nicht nur kulturell, sondern in jeder anderen Hinsicht zusehends. Es zieht also langfristig gesehen einiges mehr nach sich, als "nur" das Schliessen eines Theaters/Festivals/Opernhauses und das fände ich mehr als Schade.

Ich glaube auch, dass Festivals wieder werden stattfinden können.

Kultur und kulturelle Ereignisse, wie Theater, Opern, Festivals, Konzerte (damit meine ich alle, also auch Rock, Pop, Schlager und was es an Musikrichtungen noch gibt; der Leser/die Leserin möge mir verzeihen, wenn ich jetzt nicht alle aufzählen kann! ;) ) sind ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft und werden auch über eine Pandemie hinaus weiter bestehen.

Viele Künstler haben einen langen Atem, das hat die Vergangenheit immer wieder gezeigt. Den langen Atem werden wir in dieser Zeit bitter benötigen. Bis der "normale" Betrieb der Opern wieder einsetzt mit den dazugehörigen Vorsingen wird es dauern.

Wahrscheinlich werden die nächsten ein bis zwei Jahren sehr schwierig werden generell und besonders für uns Freischaffende KünstlerInnen. Es werden noch weniger Vorsingen stattfinden als sonst schon, das bedeutet für viele Freischaffende (mit Ausnahme der Tenöre, die Glücklichen sind immer gesucht ;) ), dass es lange dauern wird, bis wir wieder Chancen in Form von Vorsingen bekommen und Stückverträge erhalten. Viele Produktionen, die jetzt stattfinden sollten, werden um ein Jahr verschoben, also auf die Saison 20/21, das bedeutet, dass alle Freiberuflichen, die nicht an diesen Projekten beteiligt sind, erst mal bis auf weiteres aussen vor bleiben, also mindestens bis in die Saison 21/22, weil keine neuen Produktionen mit Neubesetzungen im Raum stehen. Für uns hat die Pandemie noch ungefähr 2 Jahre Auswirkungen; was das für uns finanziell und auch karrieretechnisch bedeutet, kann sich jeder selber denken. Das ist bitter für uns.

Ich wünsche uns allen Geduld, Zuversicht und Durchhaltevermögen, die so wie ich, ihrer Berufung folgen wollen und müssen, sei es in der Kultur, in der Gastronomie, in Hotel- und Pensionsbetrieben und in vielen anderen Sparten, die unsere Gesellschaft reicher machen.


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