Aus dem Leben einer Opernsängerin

Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn



Am kommenden Wochenende werde ich die namenlose Frau in "La voix humaine" spielen und singen. Sie bemüht sich durch ein letztes Telefonat ihre verflossenen Liebe zurückzugewinnen, was sie trotz aller Versuche nicht schafft. Wir wissen nicht, ob sie am Ende Suizid begeht oder nicht. Das lassen Cocteau und Poulenc offen.

In "meiner" Version erlebt die Frau einen immer wieder kehrenden Albtraum:

Immer zur gleichen Zeit, das exakt gleiche Telefonat mit dem immer gleichen Ausgang. Ist sie darüber verrückt geworden? Auf jeden Fall! Warum ich mir da so sicher bin, möchte ich jetzt noch nicht verraten. Nur soviel vorneweg: Das arme Telefon überlebt es nicht!

Was mich aber viel mehr beschäftigt ist die psychische Verfassung dieser Frau: Sie ist verrückt, wahnsinnig geworden über ihren seelischen Schmerz.

Dieses Phänomen, der Frau, die Wahnsinnig wird oder im Affekt handelt, treffen wir in der Oper (vor allem der romantischen, ab etwa 1850) recht häufig an und diese Thematik hat viele Komponisten scheinbar inspiriert: Lucia di Lammermoor, die ihren auferzwungenen Verlobten in der Hochzeitsnacht im Wahn erdolcht, dann Tosca, die im Affekt ihren Widersacher Scarpia ermordet und zum Schluss sich selber, oder Gioconda, die Selbstmord begeht, als sie erkennt, dass sie alles verloren hat und ihrem Widersacher nur dann schaden kann, wenn er sie Tod bekommt aber nicht mehr lebendig, oder Senta, die sich ins Meer stürzt um dem Holländer sein Leben zurück zu geben und ihr Versprechen einhält oder Lady Mcbeth, die besessen ist. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Doch woher kommt diese Faszination der seelischen Abgründe? Was ist Wahnsinn, wie wird er definiert?

Blicken wir auf die Wortgeschichte zurück: Wir finden im Englischen das Wort "Waning" und im Lateinischen "Vanus". Beides bedeutet soviel wie Leer/Mangelhaft. Im 15.Jahrhundert wurde im Deutsch das Wort "Wahnwitzig" benutzt. Dieses ist auf das Althochdeutsche Wort "wanwizzi" zurückzuführen und "wan" bedeutet auch "leer". Das Althochdeutsche Wort "Wân", das soviel bedeutet wie Glaube, Hoffnung, Erwartung und "Wahn", also die falsche, eingebildete Hoffnung/Erwartung liegen sehr dicht beisammen und die Grenzen vom einen zum anderen sind fliessend.

Der Wahnsinn hatte zu verschiedenen Zeiten verschiedene Namen: Im Althochdeutsch finden wir: "unsinnigì", "sinnelōsĭ" und "tobunga". Im Mittelhochdeutsch vervielfältigen sich die Begriffe um den Wahnsinn zu definieren und zu beschreiben: "unsinnige", "tor", "narre", "tobesut" um nur einige zu nennen. Das Jiddische kennt den Begriff "Mishegas" für "milde" Verrücktheit und "Meshugger" für durchgeknallt.

Wie wir anhand dieses kurzen sprachlichen Exkurses feststellen können: Verrücktheit, Wahnsinn muss es in unserer Gesellschaft schon immer gegeben haben.

Ein Blick in die Mythologie bestätigt uns diese Vermutung: Herkules tötet im Wahnsinn seine Kinder, genauso Medea die ihre Kinder erdolcht, König Lykurg trennt sich ein Bein ab. Alle haben gemeinsam, dass ihre Realität im wahrsten Sinne des Wortes ver- rückt ist. Sie handeln im seelischen Ausnahmezustand. Doch auch in der Literatur begegen uns immer wieder wahnsinnig gewordene Menschen: Georg Heyms oder auch Hartmann von Aue und am wohl eindrücklichsten Gogol in seinem Buch "Aufzeichnung eines Wahnsinnigen", beschreiben in ihrer Literatur dem Wahnsinn verfallene Menschen. Auch Maler stellten in ihren Gemälden Wahnsinnige dar, oft mit verrenkten Gliedmassen, grimassenhaften Gesichtern, starren Blicken.

Seit jeher wurde versucht den Wahnsinn zu differenzieren: So galt in der Antike als auch im Mittelalter die Ekstase oder die Verzücktheit, die während Visionen oder Prophezeiungen empfangen wurden als verrückt, aber positiv verrückt. Viele uns bekannte Heilige erlebten "positiven"Wahnsinn. Man denke an die Visionen der Jean d`Arce.

In der neueren Zeit versuchten Denker wie Kant den Wahnsinn beziehungsweise Wahnwitz als partizipielle Störung der Vernunft zu definieren. Er stellt 1798 in seinem Werk "Anthropologie in pragmatischer Hinsicht" die Vernunft und Unvernunft sich gegenüber, wobei hier die Grenzen fliessend sind. Er versuchte die Menschen, die er als "verrückt" wahrnahm in verschiedene Krankheitsformen einzuteilen: Wahnwitz, Aberwitz und den Wahnsinn. Seine Definition des Wahnsinns, die ihn als "methodische Verrücktheit" mit „selbstgemachte Vorstellungen einer falsch dichtenden Einbildungskraft“(Quelle: Wikipedia) darstellt wird zur allgemein gültigen Definition des 18. und 19. Jahrhunderts.

Es gab vor der moderne Schulmedizin viele Menschen, die nicht der "Norm" entsprachen, sei es durch Geburt (jede Geburt war für die Mutter, als auch das Kind ein grosses Risiko, das oft tödlich endete oder mit Schäden einherging z.B. durch Sauerstoffmangel etc.) Das wurde unter "angeborenen Blödsinnigkeiten" abgetan oder als" Stumpf"- oder "Starrsinn" bezeichnet. Natürlich gab es damals auch schon Schlaganfälle, oder nach Unfällen Schädel-Hirn-Trauma, die dann unter die Kategorie "Wahnsinn" eingeteilt wurden, genauso wie Demenz oder Epilepsie. Bereits im 11. Jahrhundert wurde der Zusammenhang zwischen Hirnverletzungen und Wahnsinn beobachtet.

Der Wahnsinn kennt und kannte viele Gesichter: Zum Beispiel die Melancholie, die bereits in der Antike diagnostiziert wurde, doch erst in der Rennaissance-Zeit so richtig schick war, weil Melancholikern auch eine gewisse Genialität zugeordnet wurde, oder die Manie, also die Raserei oder die Hysterie, die heute zu Recht wie ein Schimpfwort daherkommt und ursprünglich den Frauen vorbehalten war, was eigentlich logisch ist, da der Ursprung des Wortes im Griechischen liegt und nichts anderes bedeutet als Gebärmutter. Die Ärzte gingen davon aus, dass das Leiden der Frauen in der Gebärmutter heimisch war. Durch die Sexualisierung der Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts wurden Zusammenhänge zwischen Wahnsinn und Sexualität hergestellt. So galten alle Frauen als triebhafte, minderwertige Wesen, die gefährlich waren, vor allem in der Pubertät, wenn sie menstruierten, während der Geburt oder wenn sie in die Menopause übertraten. Der Frau wurden nur kurze Zeiten der vollen Vernunft beziehungsweise der geistigen Gesundheit zugestanden; der Rest der Zeit galt sie als krank.

Die gut bürgerlichen Männer (also auch die behandelnden Ärzte), waren selbstverständlich zu jederzeit ganz bei Verstand und somit zivilisiert. Die Behandlungsmethoden um angeblich psychisch kranke Frauen, also hysterische Frauen, zu heilen waren brutal und übergriffig und gleichzeitig eines der schwärzesten Kapitel in der Geschichte der Psychotherapie: Viele Frauen wurden Genital verstümmelt und/oder ihnen wurde die Gebärmutter entfernt. Manche wurden auch mit der brutalen Elektroschock-Therapie behandelt oder mussten sich höchst zweifelhafter Hirnoperationen unterziehen. Alles sicher nicht gerade förderlich für eine Genesung der "Hysterie". Vielleicht versteht nun der eine oder andere Leser, warum sich die meisten Frauen heute nicht mehr als "hysterisch" bezeichnen lassen möchten und man dieses Wort besser aus seinem Wortschatz verbannen sollte und warum der Weg zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau so steinig und lang ist und bis heute anhält.

Von jeher tat sich die Gesellschaft schwer mit Menschen, die psychisch oder/und physisch nicht der "Norm" entsprachen. Es war sehr stark abhängig davon in welche Gesellschaftsschicht die "Wahnsinnigen" hingeboren wurden: In der wohlhabenden Gesellschaft wurden sie eher umsorgt, gepflegt und integriert, als in den ärmeren Gesellschaftsschichten. Dort wurden sie oftmals weggejagt. Im Mittelalter wurden sie oft in sogenannten Narrenkäfigen, die ausserhalb der Stadtmauern waren, weggesperrt oder in Tollhäuser untergebracht, von ihren Familien getrennt. Durch körperlicher Züchtigung sollte die Unvernunft ausgetrieben werden, was in den allermeisten Fällen logischerweise nicht gelang.

Im Zuge der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden die "Weggesperrten" besser und menschlicher behandelt. Sie wurden nun von den Ärzten als krank wahrgenommen. Als Menschen, die Heilung bedurften.

Je grössere Fortschritte die Forschung der Psyche und der damit einhergehenden Krankheiten machten, umso differenzierter wurden die Krankheitsbilder und entsprechenden Behandlungsmethoden. Heute werden oftmals Medikamente und Gesprächstherapien zur Behandlung des "Wahnsinns" eingesetzt. Nur wenn der Patient sich selber gefährdet wird er stationär in einer Psychiatrie behandelt.

Der Wahnsinn war und ist bis in die heutige Zeit faszinierend und wird in unzähligen Büchern, Bildern und Opern thematisiert und dargestellt. Man denke an Thomas Manns "Doktor Faustus", oder Franz Kafkas "Verwandlung" wo Gregor Samsa als Käfer aufwacht, oder das Gemälde "der Schrei" von Edvard Munch, der unter Phasen der Schizophrenie litt oder eben "La voix humaine" wo eine namenlose Frau verzweifelt und mit allen Mitteln entlang ihrer seelischen Abgründe um ihre Liebe kämpft. Der Leser beziehungsweise Zuschauer wird Zeuge des psychischen Ausnahmezustands. Auf der Bühne werden Emotionen gespielt die im realen Leben selten offengelegt werden, die aber alle in einer mehr oder weniger präsenten Form in uns existieren. Wie die Darsteller*innen es schaffen, ihre Bühnen- oder Filmfigur möglichst real erscheinen zu lassen ist sehr individuell. Vielen gelingt das ausfüllen der Figur über "method acting". Dabei stellt man sich die Fragen: Wer ist sie? Wo ist sie? Was tut sie dort? Was ist geschehen bevor sie dorthin kam?

Über diese vier simplen Fragen gelingt es vielen von uns in unserem Innern die entsprechenden Emotionen anzuzapfen, abzurufen und auf die Bühne zu bringen. Das braucht Mut, weil wir dabei unsere ganze Verletzlichkeit mit in die Rolle legen. Dabei ist es unglaublich wichtig, dass wir komplett vergessen, dass wir vor Publikum spielen/singen; es muss uns gelingen in einen Flow zu kommen in dem nur die Figur und die Handlung existieren, jenseits von Raum und Zeit. Nur dann wirken die Emotionen wie eben in dem Moment empfunden und dadurch authentisch. Es ist eine sehr bereichernde Arbeit aber auch unheimlich anstrengend. Es verlangt vom Darsteller alles ab und nach den Vorstellungen fühlt man sich oft leer. Je nach Rolle braucht es eine Weile, bis diese Leere wieder gefüllt ist.

Als Publikum wird man ungewollt zum Beobachter und Zeugen einer Entwicklung des Protagonisten vom "normalen" Zustand hin zum Wahnsinn.

Die menschliche Psyche hat schon immer fasziniert und ich glaube, dass es noch viel in ihr zu entdecken gibt und ich hoffe, dass noch viele Bühnenwerke und Bücher darüber geschrieben werden, die unsere Gesellschaft im positiven Sinne bereichern werden!

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