Aus dem Leben einer Opernsängerin

Benjamin Britten


Benjamin Britten ist uns durch seine Werke mit der Oper "Peter Grimes", "The turn of Screw" und im Oratorienbereich mit dem "War Requiem" bekannt. Er gilt zu Recht als einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.


Edward Benjamin Britten kam am 22.November 1913 in Lowestoft, Suffolk, GB als jüngstes von vier Kindern zur Welt. Sein Vater war Zahnarzt und seine Mutter eine Amateurpianistin, die Hauskonzerte organisierte. Sie hatte gute Kontakte zu Künstlern, Musikern und zur örtlichen Highsociety.

Mit drei Monaten erkrankte der kleine Benjamin ernsthaft an einer Lungenentzündung. Wie durch ein Wunder überlebte er und erholte sich davon. Als Folge der schweren Krankheit blieb sein Herz schwach. Das hielt Benjamin nicht davon ab gerne Tennis zu spielen oder andere Sportarten auszuprobieren.

Früh zeigte sich das musikalische Talent des Jungen. Er erhielt den ersten Klavierunterricht sehr früh. Manche Quellen behaupten bereits mit 2 Jahren, andere mit 5 Jahren. Seine erste Lehrerin war seine Mutter. Später mit Eintritt in die Schule bekam er Unterricht von Ethel Astle und ergänzend Violaunterricht bei Audrey Alston.

Während seiner Grundschulzeit musste Benjamin häufiger die brutalen, körperlichen Bestrafungen seiner Mitschüler mitansehen, die in der damaligen Zeit leider recht üblich waren, was ihn sehr schockierte und beschäftigte. Vielleicht mit ein Grund, weshalb er später ein überzeugter Pazifist wurde.

1924 hörte der Junge eine Symphonie "the Sea" von Frank Bridge. Er war tief beeindruckt und von dem Moment an entschlossen, selber Komponist zu werden. Eine glückliche Fügung wollte es, dass seine Lehrerin Bridge persönlich kannte und den Kontakt zwischen Benjamin und Bridge herstellte. Bridge war tief beeindruckt vom musikalischen Talent des Jungen, so dass er ihn unter seine Fittiche nahm. Benjamin reiste nun regelmässig nach London um von Bridge zu lernen. Bridge machte ihn auch mit einer Vielzahl von zeitgenössische Komponisten bekannt.

Je länger die Schulzeit dauerte umso weniger mochte Benjamin hingehen, obwohl er ein guter Schüler war. Besonders hasste er den Musikunterricht. Er war regelrecht erleichtert, als er zum Studium an das Royal College of Music gehen durfte, das er aber bereits 1933 wieder verliess. Auch während des Studiums besuchte er weiter den Unterricht bei Bridge.

Bridge unterstütze seinen Zögling und förderte ihn. So verschaffte er Britten einen Kompositionsauftrag beim BBC für den Film "The King`s Stamp". Gleichzeitig komponierte Britten freischaffend zahlreiche Werke für Film, Theater, Orchester und Radio.

1937 war ein schicksalshaftes Jahr für den jungen Komponisten. Seine Mutter, zu der er eine sehr enge Bindung hatte, starb. Gleichzeitig schien ihn der Tod seiner Mutter auch zu befreien. Erst nach ihrem Tod begann er Liebesbeziehungen zu anderen aufzubauen.

Im selben Jahr lernte er den Tenor Peter Pears kennen. Pears inspirierte Britten zu zahlreichen Liedern und Werken. Auch die Tenorpartien in seinen Opern und im Warrequiem sind Pears auf den Leib bzw. seine Tenorstimme geschrieben.

Zu Beginn soll es nur eine rein platonisch musikalische Partnerschaft gewesen sein. Erst später wurde Peter Pears offiziell sein Lebensgefährte.

Dazu muss man einen Blick auf das damalige Zeitgeschehen und etwas in die Vergangenheit werfen:

1937 brodelte es in Europa gewaltig. 1939 brach der 2. Weltkrieg aus. Wie wir heute wissen, wurden Homosexuelle unter den Nazis verfolgt und ermordet. Alleine 10000- 15000 Männer wurden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung umgebracht und die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen. In ganz Europa wurde die Homosexualität als problematisch angesehen und strafrechtlich verfolgt.

Lange gab es gar keinen offiziellen Begriff dafür. Der Begriff "Homosexualität" wurde erst 1868 in der Form geprägt vom Österreich-Ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (1824-1882). Es ist ein Hybridbegriff aus dem Griechischen "homos" also "gleich" und "sexus" übersetzt "Geschlecht". Der Begriff lässt sich mehrfach interpretieren, was nicht nur vorteilhaft ist, weil viele dabei gleich an die sexuelle Handlung denken, statt nur an die der Gleichgeschlechtlichkeit.

Bis der Begriff "Homosexuallität" sich in unserem Sprachgebrauch und unserer Kultur durchsetzte, sprachen viele von "Freundschaft". Wobei "Freundschaft" ein sehr dehnbarer Begriff war. Das Wort "Bettgenosse" kommt nicht von ungefähr. Freundschaft und Liebe gingen nahtlos ineinander über und war von der Gesellschaft akzeptiert.

Anders sah es bei er Rechtslage aus:

Bis zum Hochmittelalter galt Homosexuelle Handlung als Sünde, wurde aber nicht strafrechtlich verfolgt. Das änderte sich leider im Spätmittelalter: Die Homosexuellen wurden genauso wie die angeblichen Hexen, verfolgt und auf dem Scheiterhaufen wegen ihrer "widernatürlichen Unzucht" hingerichtet.

Mit der französischen Revolution sollte sich das Blatt vielerorts wenden. Die Strafe wurde entweder ganz abgeschafft oder die Todesstrafe in eine Zuchthausstrafe umgewandelt, also abgemildert. In Deutschland trat 1871 §175 in Kraft, der zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich ausgelegt wurde. Nach dem 2. Weltkrieg schaffte die DDR 1988 die Strafverfolgung ganz ab, nachdem sie den Paragraphen mehrfach überarbeitet hatte. Und wie war es in der Bundesrepublik?

Erst 1994 wurde im Zuge der Rechtsangleichung mit der DDR durch die Wiedervereinigung der Artikel gekippt.

Erst 2002 wurden die während jener Zeit verurteilte Homosexuelle vom Bundestag symbolisch rehabilitiert. Wobei zu sagen ist, dass in der Bundesrepublik seit Ende der 50er Jahr eine einvernehmliche, gleichgeschlechtliche Beziehung bereits akzeptiert und nicht mehr rechtlich verfolgt wurde.

In Österreich trat der Artikeln §209 des ÖstGB erst 2002 ausser Kraft. In der Schweiz wurde bereits 1942 die Homosexualität entkriminalisiert!

In England, dem Heimatland unseres Komponisten, wurde die gleichgeschlechtliche Partnerschaft ab 1967 nicht mehr strafrechtlich verfolgt und vor dem Gesetz akzeptiert, nach einem 10 Jahre dauernden, harten Kampf mit den Gerichten.

Trotzdem stiessen Homosexuelle immer wieder auf Diskriminierung, Kontroversen und Schwierigkeiten in der Akzeptanz ihrer sexuellen Orientierung. Sei es von Psychologen, die überzeugt waren, dass sich Homosexualität therapieren lässt bis hin zu religiösen Kreisen, die bis zum heutigen Tag eine Sünde darin sehen.

Und wir dürfen nicht vergessen, dass es nach wie vor Länder auf dieser Welt gibt, wo Homosexualität unter Strafe oder sogar Todesstrafe steht!

In einigen Ländern Europas verschlechtert sich das Klima für Quermenschen zunehmend und sie sind nicht mehr geschützt vor Diskriminierung und Verfolgungen, Beispiel Polen. Viele gehen auf die Strasse und protestieren zu Recht für mehr Gerechtigkeit und ein Ende der Diskriminierung.

Es ist ein Armutszeugnis, dass im 21. Jahrhundert immer noch Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert und im schlimmsten Falle bestraft werden!

Unter diesem kurzen Exkurs in die Geschichte der Gleichgeschlechtlichenbeziehungen ist es wahrscheinlich verständlicher, dass Benjamin Britten und Peter Pears sich erst später zu ihrer Partnerschaft bekannten. 1939 vor Ausbruch des 2. Weltkriegs emigrierte der überzeugte Pazifist Britten gemeinsam mit Pears in die USA.

Er kehrte 1942 mit Pears zurück und musste sich als Dienstverweigerer vor Gericht verantworten.

Dies schadete seiner Karriere als Komponist und Musiker zum Glück nicht. Im Gegenteil:

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs kam seine Karriere als Komponist richtig in Fahrt.

Die Oper "Peter Grimes" wurde 1945 mit grossem Erfolg in London aufgeführt.

Im selben Jahr reiste er nach Deutschland und gab Konzerte für die KZ-Überlebenden. Was er sah erschütterte ihn so sehr, dass er lange Zeit nicht darüber reden wollte und konnte.

In der Zeit ab 1945 entstanden sehr viele, auch heute noch populäre und bekannte Werke:

"The rape of Lucretia"(1946), "Albert Hering"(1947), "Billy Bud"(1951), "Gloriana" unter anderem.

In den 60er Jahren nahm seine Schaffensenergie etwas ab und es entstanden weniger Werke. In der Zeit schuf er unter anderem das "War Requiem" (1961).

Zu seinen letzen Werken gehören: "Death in Venice"(1973) "A Time there was" (1974), "Third string Quartett"(1975) und "Phaedra"(1975).

Für seine Werke wurde er im Verlauf seines Lebens mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Am 4.Dezember 1976 starb er mit 63 Jahren an Herzversagen in seinem Haus in Aldeburgh. Er wurde auf dem dortigen Friedhof beigesetzt. 1986 wurde sein Lebensgefährte Peter Pears auch dort beerdigt, wie sie es sich zu Lebzeiten gewünscht haben.

Sein Schaffen umfasst zahlreiche Lieder und Liedzyklen. Für mich ein wunderschöner Zyklus, den ich gerne singe ist "On this Island"(1937) nach Texten von W.H. Auden, einem bekannten Lyriker, der zufälligerweise auf dieselbe Schule ging, wie Britten, aber zeitversetzt, also nicht zur gleichen Zeit. Unübertroffen sind für mich seine Irischen Volksliedbearbeitungen: "Salley Gardens", "last Rose" "Avenging and bright" um nur wenige zu nennen.

Und nun entdecke ich auch im Rahmen der Hölderlinhommage seine 6 Hölderlinfragmente, die er 1958 vertont hat. Es ist interessant zu sehen, wie er mit der Sprache und den Gedichten umgeht und sie in Musik setzt. Er macht das durchaus mit einem Augenzwinkern. Das gibt den Liedern eine leichte, schöne Atmosphäre und lässt sie Bildhaft und lebendig werden. Natürlich merke ich als Deutsch sprechende Person, dass ein Muttersprachler manche Wörter anders betont, manche Akzente anders gesetzt hätte, aber das mindert das gesamt Ergebnis dieser Kompositionen keineswegs.

Für mich ist es schön in seinen Liedern in seine Zeit und in die Atmosphäre, die er geschaffen hat einzutauchen. Die Klavierbegleitung ist oft fast orchestral anmutend, so dass ich in meinem inneren Ohr die verschiedenen Instrumente klingen höre.

Britten war nicht nur Komponist, sondern auch ein sehr guter Pianist (er und Peter Pears haben zusammen unzählige Liederabende gestaltet) und Dirigent! Seine Werke sind zurecht bis heute bekannt und beliebt und werden es hoffentlich noch sehr lange bleiben!


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