Aus dem Leben einer Opernsängerin

Eine Hommage entsteht


Friedrich Hölderlin wäre dieses Jahr 250 Jahre alt geworden, genau wie Beethoven.

Über die Biographie Hölderlins habe ich in einem der vorangegangenen Beiträge berichtet.


Der Komponist Andreas F. Staffel und ich haben beschlossen trotz der Pandemie eine Hommage an Hölderlin zu gestalten mit Liedern, die alle auf Hölderlins Texten basieren.

Bei unseren Recherchen sind wir auf die Lieder Viktor Ullmanns und Benjamin Brittens getroffen, neben den Vertonungen von Andreas selber.

Gestern haben wir uns nun zu einer ersten Probe zusammengefunden. Im Zentrum standen die Lieder von Viktor Ullmann.

Es lohnt sich einen genaueren Blick auf Ullmanns Biographie zu werfen:

Er kam am 1.Januar 1898 in Teschen(Österreich-Ungarn) zur Welt als Kind von jüdischen Eltern, die aber schon vor seiner Geburt zum katholischen Glauben konvertiert waren. Sein Vater Maximilian Ullmann stand durch den neuen Glauben eine Laufbahn im Militär offen. Im ersten Weltkrieg wurde er Oberst.

Ab 1909 übersiedelte Viktor gemeinsam mit seiner Mutter nach Wie, wo er das Gymnasium besuchte. Früh zeigte sich seine musikalische Begabung. Er konnte sich dadurch Zugang zu den Werken von Schönberg verschaffen. Viktor war ein begnadeter, virtuoser Pianist, allerdings ohne Neigung und Ambition eine Solo-Laufbahn einzuschlagen. Dazu interessierte ihn das Komponieren viel zu sehr. Nach dem Abitur, der "Kriegsmatura" 1916 ging er erst zum Militär und wurde in Italien an die Front eingeteilt. Trotz des Krieges und des Dienstes versuchte er weiter zu komponieren. Sein phänomenales Musikgedächtnis ermöglichte es ihm viel später die Musik niederzuschreiben. Später wurde er für sein Jura Studium beurlaubt.

1918 wurde er in Schönbergs Kompositionsseminar aufgenommen, wo er auch seine erste Ehefrau kennenlernte. Er lernte beim Meister höchstpersönlich Formenlehre, Kontrapunkt und Orchestrierung.

Ein Jahr später brach er das Studium in Wien ab um nach Prag überzusiedeln und sich fortan ganz der Musik zu widmen. Einer der Beweggründe war sicher auch seine Frau, die aus Prag stammte. In der Zeit war Prag noch eine zweisprachige Metropole, die kulturell sehr viel zu bieten hatte. Der Schwager Schönbergs Alexander Zemlinsky wurde fortan sein Mentor. Zemlinsky war Direktor am Prager neuen deutschen Theater. Unter dessen Gilde war Viktor bis 1927 als Kapellmeister tätig.

Für seine Kompositionen wurde er bald schon mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Sein Klavierzyklus "Schönberg-Variationen" nach einem Thema von Schönberg, erregte 1929 in Genf bei der internationalen Gesellschaft für neue Musik aufsehen. Später orchestrierte er den Zyklus und erhielt dafür den Emil-Hertzka-Preis.

Von 1929 bis 1931 war Ullmann am Bühnenhaus in Zürich als Kapellmeister und Bühnenkomponist tätig. In der Zeit fand ein grosser Lebensumbruch für ihn statt. Er befasste sich intensiv mit Rudolf Steiners anthroposophischer Philosophie. Der sensible Künstler war sehr vielseitig und breitgefächert interessiert. Er studierte neben der Anthroposophie auch intensiv die Religionen des Altertums, die Kultur des Orients, historische Arbeiten und er besass eine grosse Literaturkenntnis. Die ganzen Studien haben viele Fragen in ihm geweckt und in der Lehre Steiners fand er viele Antworten. Seine erste, kinderlose Ehe wurde in dieser Zeit seiner geistigen Reifung und Umorientierung 1931 geschieden. Im September desselben Jahres heiratete er das zweite Mal. In diesem Jahr wurde er in die Anthroposophische Gesellschaft Tschechiens aufgenommen. Sein Lehrer Alois Haba, auch Anthroposoph, bürgte für ihn. Er wollte das Wissen teilen und übernahm in Stuttgart eine anthroposophische Buchhandlung. Leider musste er die Buchhandlung relativ schnell wieder schliessen, weil eine zu grosse Schuldenlast darauf lag, die er ohne Erfahrung auf dem Gebiet nicht tilgen konnte und so siedelte er ab 1933 ganz nach Prag über.

Inzwischen waren die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gekommen, was zur Konsequenz hatte, dass es für Ullmann schwierig wurde nach Prag zu ziehen und Wohnrecht zu bekommen. Die Tschechen waren auch gegenüber Ausländern, die schon länger in Tschechien gelebt hatten vorsichtig geworden. Ullmann fand infolgedessen keine feste Anstellung und arbeitete als freischaffender Künstler. In diesen Jahren schafft es Ullmann immer mehr seine ganz eigene musikalische Sprache zu entwickeln und zu finden. Er distanzierte sich deutlich von Schönberg und seinen Schülern, die mit der 12-Tonmusik neue Wege beschritten.

Er arbeitete beim Prager Rundfunk, als Journalist, Publizist, unterrichtete Schüler*innen und hielt in der Freimaurerloge, deren Mitglied er war, Vorträge.

1937 wuchsen ihm die berufliche und politische Situation gepaart mit familiären Problemen über den Kopf, so dass er einige Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbrachte. In dieser Zeit entstanden eine Sammlung von Anthroposophischen Gedichten, Zitaten und Aphorismen. Er fasste sie unter dem Titel "der fremde Passagier" zusammen.

Die Erbschaft durch den Tod seines Vaters im Jahr 1938 entspannte Ullmanns finanzielle Lage etwas, so dass er im eigen Verlag einige seiner Werke veröffentlichen konnte.

Unterdessen spitzte sich die politische Lage Europas immer mehr zu. Viktor Ullmann versuchte vergebens in der Schweiz Asyl zu bekommen. Die Ausreise nach Südafrika oder die Türkei scheiterte, weil die notwendigen Dokumente nicht rechtzeitig da waren. Dank Nicolas Winton, der "Kindertransporte" organisierte konnten zwei seiner Kinder rechtzeitig emigrieren und in Sicherheit gebracht werden. Es ist wenig verwunderlich, dass in dieser Zeit seine zweite Ehe zerbrach.

Er heiratete ein drittes Mal. Kurz darauf begannen die Deportationen der Juden.

Am 9. September 1942 folgte die Deportation in das Ghetto nach Theresienstadt.

Trotz Hunger und Widrigkeiten in Theresienstadt, bemühte sich Ullmann das Kulturleben aufrecht zu erhalten. Er organisierte Konzerte, trat als Pianist auf, begleitete Mitmusiker und berichtete als Journalist von den Kulturellen Ereignissen. Es war, wie wenn die aufgezwungene Enge dieser Welt in ihm einen Schaffensschub ausgelöst hätte. Mit aller Macht schien er sich gegen sein Schicksal mit Produktivität aufzulehnen und so ist es nicht verwunderlich, dass ein Grossteil seiner Werke in Theresienstadt entstanden sind. So unter anderem auch die Hölderlin-Vertonungen. Die ersten beiden Lieder entstanden 1943/44 und das Lied "Abendphantasie" ist eines seiner letzten Werke bevor er am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und kurz nach seiner Ankunft wahrscheinlich am 17. oder 18. Oktober durch Vergasung ermordet wurde. In allen drei Liedern scheint eine Vorahnung mitzuschwingen. Ein Bewusstsein, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing, der jederzeit reissen konnte. Es spiegelt sich in der Textbehandlung und den Harmonien wieder. Besonders bei der Abendphantasie. Sie sind eine Herausforderung für die Interpreten, sowohl für den Sänger als auch für den Pianisten.

Was bei Victor Ullmann fast paradox erscheint und dennoch interessant ist, ist die Tatsache, dass vor allem die Werke, die er in Theresienstadt geschrieben hat erhalten geblieben sind.

Kurz vor seiner Deportation ins Ghetto nach Theresienstadt hat er eine genaue Werkliste an einen heute unbekannten Freund/ Verbündeten geschickt. Diese ist mit den Opus Zahlen von 1-41 versehen und erhalten. Das gibt uns Hinterbliebenen einen Einblick in sein Schaffen und in die schockierende Tatsache, wie wenige seiner Werke aus dieser Zeit erhalten geblieben sind.

Bewundernswert ist auch, wie Ullmann an das Gute im Menschen glaubte und überzeugt war, dass selbst in den schwärzesten Zeiten das Gute und somit das Licht wieder die Oberhand gewinnen wird. In seiner aus einem Akt bestehenden Oper "Der Kaiser von Atlantis oder die Todverweigerung", die er im Ghetto geschrieben hat, ist dies besonders zu spüren. Das Libretto stammte aus der Feder von Peter Kien stammte, der mit dem gleichen Zug nach Auschwitz deportiert wurde und am selben Tag wie Ullmann ermordet wurde.

Mit der Parabel vom Spiel des Kaisers mit dem Tod um das Leben greift er den Zustand seiner Zeit auf. Das „Spiel“ zwischen dem Kaiser und dem Tod ist nichts weniger als die Vernichtung von allem menschlichen Leben. Es endet mit dem Tod des Kaisers und eröffnet somit eine neue Vision, ein neues Verständis von Leben und Tod. Mit dieser Oper hat Ullmann ein zeitloses Modell entworfen wie das Gute im Menschen jedes unmenschliche und tyrannische Regimes überwinden kann. Mit dem Verarbeiten seines Erlebten hat er eine Grundlage geschaffen bis in die heutige Zeit hinein.

Ich bin dankbar dafür, dass ich mit der Hommage an Hölderlin auch gleichzeitig die Erinnerung an den grossartigen, sensiblen Menschenfreund, Komponisten und Künstler Viktor Ullmann aufrecht erhalten kann. Niemand hat ein solches Schicksal verdient und es ist meines Erachtens wichtig, dass dies nicht in Vergessenheit gerät! Wenn ich einen kleinen Teil dazu beitragen kann ist das für mich sehr wertvoll.








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