Aus dem Leben einer Opernsängerin



September


Der Garten trauert, kühl sinkt in die Blumen der Regen. Der Sommer schauert still seinem Ende entgegen.

Golden tropft Blatt um Blatt nieder vom hohen Akazienbaum. Sommer lächelt erstaunt und matt in den sterbenden Gartentraum.

Lange noch bei den Rosen bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh. Langsam tut er die großen müdgewordnen Augen zu.

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Dieses Gedicht schrieb Hermann Hesse (1877*-1962) am 23. September 1927. Wahrscheinlich hat er das Gedicht im Tessin, Schweiz, verfasst, wo er ab 1919 bis zu seinem Lebensende wohnte und arbeitete.

Es ist eine wunderschöne Naturbeschreibung, die den Spätsommer beschreibt. Der Sommer wird dabei personifiziert und gleichzeitig, wird der Zustand des Gartens mit den noch blühenden Rosen beschrieben. Die Rosen sind tatsächlich die Blumen, die trotz ihrer edlen Zartheit am längsten im Garten blühen, manchmal bis spät in den November hinein. Erst wenn die Temperatur wirklich länger unter den Gefrierpunkt sinkt, verwelken die Rosen endgültig.

Richard Strauss (1864*-1949) hat dieses wunderbare Gedicht am 20.September 1948 in Montreux, Schweiz vertont. Es ist eines der vier letzten Lieder von Richard Strauss.

Die vier letzten Lieder, die wir heute als Zyklus begreifen, waren von Richard Strauss nicht als Zyklus gedacht. Sie waren viel mehr die Auseinandersetzung mit dem Herbst des Lebens, dem nahenden Tod und dem eben erst vergangenen Schrecken des 2. Weltkriegs. Richard Strauss war mit seiner Frau nach dem Ende des 2. Weltkrieges immer wieder in der Schweiz, auch für Kuraufenthalte, da er gesundheitlich angeschlagen war. Er und Hermann Hesse haben sich zufällig in einem Hotel in der Schweiz kennen gelernt. Während Strauss Hesses Literatur und Gedichte sehr schätzte, war die Begeisterung Hesses gegenüber der Musik von Strauss mässig. Über die Vertonung seiner Gedichte soll er gesagt haben:„Wie alle Strauss-Musik: Virtuos, raffiniert, voll handwerklicher Schönheit, aber ohne Zentrum, nur Selbstzweck.“(Quelle: Wikipedia)

Ist dem wirklich so? Es liegt wohl sehr stark in den Augen des Betrachters beziehungsweise in den Ohren des Zuhörers und nicht zuletzt in den Händen der Interpreten.

Die vier letzten Lieder sind sowohl für Klavier- als auch Orchesterbegleitung konzipiert. Das Orchester besteht aus einem grossen romantischen Orchester. Es ist ein grosser symphonischer Klangteppich in den sich die Singstimme einfügt. Wie ein Instrument, einfach mit Text.

Die vier letzten Lieder beginnen mit dem Gedicht "Frühling", dann "September", " Beim schlafen gehen", (alle drei Gedichte stammen von Hermann Hesse) und nur das letzte Lied " Im Abendrot" ist die Vertonung eines Gedichtes von Joseph von Eichendorff.

Durch alle vier Lieder zieht die Endlichkeit des Daseins wie ein roter Faden, deswegen möchte ich kurz auf die Gedichte und die Vertonung eingehen. Natürlich nicht als Literatur- oder Musikwissenschaftlerin sondern als Sängerin und Interpretin:


Frühling


In dämmrigen Grüften träumte ich lang von deinen Bäumen und blauen Lüften, von deinem Duft und Vogelsang.

Nun liegst du erschlossen in Gleiß und Zier, von Licht übergossen wie ein Wunder vor mir.

Du kennest mich wieder, du lockest mich zart, es zittert durch all meine Glieder deine selige Gegenwart!


Das lyrische "ich" träumt in dunklen Grüften vom kommen des Frühlings. Es sehnt sich nach dem neuen Licht, der helle der Zeit, dem Langen der Tage. Die Grüfte könnten auch hier in Bezug auf das Leben von Richard Strauss als Herbst des Lebens gesehen werden, oder auch auf Hermann Hesse bezogen, eine schwarze Lebensphase/Depression. Hesse hatte in seiner Pubertät durchaus depressive Verstimmungen, wo er suizidale Gedanken äusserte. Wenn uns Dunkelheit umgibt sehnen wir uns nach der Dämmerung des Tages, nach dem Licht des Lebens, der fröhlichen Helligkeit des Seins.


Beim Schlafengehen


Nun hat der Tag mich müd gemacht,

Soll mein sehnliches Verlangen

Freundlich die gestirnte Nacht

Wie ein müdes Kind empfangen.


Hände, laßt von allem Tun

Stirn, vergiß du alles Denken,

Alle meine Sinne nun

Wollen sich in Schlummer senken.


Und die Seele unbewacht

Will in freien Flügen schweben,

Um im Zauberkreis der Nacht

Tief und tausendfach zu leben.


Auf den ersten Blick handelt es sich um ein Abendgedicht. Doch durch das grossartige Violinsolo, das mit der zweiten Hälfte des Liedes einsetzt ab "Und die Seele unbewacht(...)" verdeutlicht uns, dass das Gedicht auch als Lebensabend gesehen werden kann. Nach einem vollendeten, langen, hoffentlich erfüllten Leben, wenn die Seele heimkehren kann, wo das auch immer sein mag.


Den Abschluss der vier letzten Lieder bildet die Vertonung von Joseph von Eichendorffs Gedicht


Im Abendrot:


Wir sind durch Not und Freude

Gegangen Hand in Hand;

Vom Wandern ruhen wir beide

Nun überm stillen Land


Rings sich die Täler neigen

Es dunkelt schon die Luft

Zwei Lerchen nur noch steigen

Nachträumend in den Duft


Tritt her und lass sie schwirren

Bald ist es Schlafenszeit

Dass wir uns nicht verirren

In dieser Einsamkeit


O weiter, stiller Friede!

So tief im Abendrot

Wie sind wir wandermüde--

Ist dies etwa der Tod?


Auch in diesem Lied schwingt ein Abschied mit, einerseits vom Tag, anderseits aber auch eine Todesahnung. Das Leben und der Abschied des Tages wird durch die Lerchen dargestellt, die im Orchester durch trillernde Flöten aufzuschwirren scheinen, bevor sie für diesen Tag mit dem erlöschen des letzten Lichts, dem Abendrot, sich endgültig das letzte mal nach unten in ihr Nest sinken lassen zum schlafen und ruhen. Ähnlich wie Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen, die in uns manchmal wie Fotografien vor dem inneren Auge hochsteigen um wieder in die tiefe unseres Unterbewusstseins abzutauchen.

Die Dämmerung und das Abendrot sind Symbol eines Übergangs: Vom Tag in die Nacht, vom Leben in den Tod. Welchen Tod Eichendorff wohl meint? Er versieht die letzte Phrase mit einem Fragezeichen und lässt die Antwort offen. Richard Strauss klärt die Antwort in seinem Orchesternachspiel auf seine Art auf. Er scheint in seinen späten Werken Antwort auf viele seiner Fragen gefunden zu haben.

Die Orchestrierung der Lieder unterstützt und verstärkt die Aussagen der Gedichte und gibt den Worten durch die Harmonien einen tieferen Sinn. Es ist, wie wenn wir durch die Musik zwischen den Zeilen der Gedichte lesen könnten und uns die Harmonien und die Farben der Instrumente einen Raum öffnen, der uns sonst nur schwer zugänglich ist.

Die Meinungen über die vier letzten Lieder gehen weit auseinander von "genial", "wunderschön" zu "harmonischem Geklingel", "Kitsch" bis hin zu dem, wie sich Hesse darüber geäussert hat.

Ich persönlich mag die vier letzten Lieder sehr gerne und habe sie seit meinem Studium im Repertoire. Da ich bei der grossartigen Sopranistin und Pädagogin Julia Varady Unterricht hatte und sie oft bei sich zu Hause in der Lindenstrasse unterrichtete, passierte es nicht selten, dass ihr Ehemann, kein geringerer als Dietrich Fischer-Dieskau den Raum betrat, wenn ihn eine Stimme oder ein Stück interessierte. Bei mir war es fast immer der Fall, dass er dazu kam. Dieser gross gewachsene, schlanke Mann mit seinen hellwachen, braunen Augen, hatte eine unglaubliche Präsenz, war sehr gebildet und immer bestens informiert über das Geschehen in der Welt, Literatur und Kunst . Er setzte sich dann im grosse Raum in einiger Entfernung hin und liess sich die Noten geben, sagte das eine oder andere zur Interpretation und Stilistik, machte selber Eintragungen in die Noten und wenn er genug hatte, oder der Unterricht vorbei war, verliess er so lautlos wie er gekommen war den Raum wieder. Mit ihm und Julia Varady habe ich die vier letzten Lieder als erstes erarbeitet. Er befand damals, dass es noch etwas früh sei, aber ich fühlte schon in der Zeit, dass meine Stimme dorthin wachsen würde und ich sollte recht behalten.

Diese vier Lieder erzählen vom Kreislauf des Lebens. Vom Aufblühen, vom kommenden Herbst, vom Abschied, dem entschweben der Seele. In unseren Breitengraden erleben wir diesen Kreislauf durch die Jahreszeiten immer wieder im Kleinen. Nun steht wieder ein Herbst vor der Tür. Die Ernte ist fast ganz eingebracht. Die ersten Blätter verfärben sich in bunte Farben. Die Tage sind spürbar kürzer. Der erste Nebelmorgen begrüsst uns mit seinem fahlen Licht. Die Natur scheint sich auf ihre Ruhe vorzubereiten. Wir haben das Bedürfnis uns in unsere Wohnungen und Häuser zurück zu ziehen, es uns gemütlich zu machen. Die Geborgenheit zu geniessen. Uns auch vom Erlebten des Vorangegangenen auszuruhen. Unser Schlafbedürfnis wird nun bei vielen von uns grösser. Vielen fällt das Aufstehen in den frühen Morgenstunden schwerer. Trotz aller modernen Errungenschaften wie Licht, Taglichtlampen und vielem mehr ist unsere innere Jahresuhr immer noch weitgehend auf die alte Zeit gerichtet, bevor es all die praktischen Erfindungen gab, die unsere Tage verlängern, wenn die Sonne längst untergegangen ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass vor der Industrialisierung Kerzen und Öllampen sehr wertvoll waren und nicht einfach stundenlang abgebrannt werden konnten bei den einfachen Menschen. So blieb ihnen nichts anderes übrig als sich nach dem Tageslicht zu richten und dem Rhythmus ihrer Tiere anzupassen.

Das Leben, welches im Frühling und Sommer draussen statt gefunden hat, verlagert sich wieder nach innen. Mit dem nach innen verlagern beginnt in normalen Jahren wieder das Kulturleben aufzublühen mit Konzerten, Vernissagen, Museumsbesuchen, Theatervorstellungen, Kinobesuchen und vielem mehr. Zum Glück auch dieses Jahr, wenn auch etwas anders als sonst. Für uns Kunstschaffende eine Zeit in der wir zu Hochform auflaufen. Manchmal nicht einfach, weil gleichzeitig auch die ersten Erkältungen Hochkonjunktur haben. Und Singen mit Husten und Schnupfen geht meistens zwar schon, ist aber alles andere als angenehm, aber das ist eine andere Geschichte. ;)

Ich wünsche uns allen einen gesunden Herbst! Einen erfolgreichen Herbst, der uns allen neue Perspektiven, neue Hoffnung bringt. Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie auch Zeit finden, sich zurück zu ziehen und die Geborgenheit dieser Jahreszeit zu geniessen. Ich wünsche Ihnen schöne und bereichernde Begegnungen.

Und wer weiss? Vielleicht können Sie ja zum einen oder anderen meiner Konzerte und Projekte kommen? Die Termine finden Sie wie immer auf meiner Homepage! Ich würde mich SEHR freuen.

Allen einen schönen, Licht durchflutete Herbst auf allen Ebenen und bis nächsten Donnerstag!





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