Aus dem Leben einer Opernsängerin

Reisen und ankommen im Alltagsleben


Foto: Eigene Quelle


Vor einer Woche sind wir im Emmental bei wunderschönem Spätsommer Wetter aufgebrochen. Um 9.00Uhr fuhren wir los. Bis Freiburg im Breisgau brauchten wir genau zwei Stunden. Von dort aus fuhren wir weiter Richtung Norden, immer die A5 hoch. Bis Karlsruhe kannte ich die Strecke recht gut. Was danach kam, war für mich mit Auto Neuland. Je nördlicher wir kamen umso mehr graue und dunkelgraue Wolken und teilweise Regen begleiteten uns. Die Temperatur wurde merklich kühler. Wir fuhren an Frankfurt am Main vorbei, ein Stück den mächtigen Rhein entlang.

Gegen 17Uhr erreichten wir Kassel. Es war gerade Rushhour. Um die paar Kilometer bis zur Lindenmühle zu fahren brauchten wir eine halbe Stunde. Wir fuhren teils trostlos wirkende Strassen entlang.

Wir mussten sehr unvermittelt links abbiegen auf einen ganz einfachen, schmalen Weg, der uns zur Lindenmühle führte. Zwischen alten, knorrigen Weiden stand dieses mächtige, alte Gebäude mit seinen verschiedenen, inzwischen ausgebauten Gebäuden dazu. Auf den saftigen, grünen Wiesen grasten Pferde.

Unser Gastgeber empfing uns sehr herzlich. Die Wohnräume, die wir kennenlernten waren mit viel Liebe und geschickt ausgebaut, gemütlich eingerichtet worden und luden zum Bleiben ein. Über die letzten 30 Jahre hat unser Gastgeber dieses alte, historische aber auch zerfallene Gebäude wieder aufgebaut. Ich sah ein Foto von 1990: Das alte Mühlengebäude war halbwegs intakt, aber dort wo der heutige Wohnraum ist, waren früher zwei alte, miteinander verbundenenScheunen. Das Dach war teilweise eingestürzt. Es wirkte, wie wenn mehr kaputt war als ganz...Fast unvorstellbar, das wieder aufbauen zu können. Heute knapp 30 Jahre später findet sich hier ein kleines Paradies mit verschiedenen Wohnungen, manche davon vermietet. Für mich ist es fast unvorstellbar, wie man einen solch langen Atem haben kann bei einer Baustelle. Ich bewundere das sehr! Werner hatte eine Vision, die er Stück für Stück und Jahr für Jahr umsetzte. Und das neben seinem beruflichen Pensum als Musik- und Geschichtslehrer wohlgemerkt.

Neben dem Schulbetrieb, seinem Langzeitprojekt der Mühle, spielte er in vielen verschiedenen Formationen Musik als Schlagzeuger. Er organisierte eine Konzertreihe auf der Mühle, die regen Zulauf hatte. Gründete ein erfolgreiches Jugendorchester aus den Schülern seiner Klassen und tourte mit den jungen Menschen durch die Landen. Er schaffte Musikerlebnisse, die bei den jungen Menschen haften blieben. Wenn er von all seinen Projekten, Reisen, Erlebnissen berichtet, leuchten seine Augen und der Zuhörer spürt, wie sehr er für die Dinge, die er anpackte brennt und brannte. Sein Beruf war gleichzeitig seine Berufung. Er hat eine ganz natürliche, liebevolle Autorität, die kaum jemand in Frage zu stellen wagt. Solche Lehrer gibt es nicht sehr häufig und wird es in Zukunft wohl noch weniger geben. In Berlin gibt es über die letzten Jahre durch den grossen Lehrermangel immer mehr sogenannte Quereinsteiger.

Einerseits finde ich es schön, dass Menschen, die Interesse an diesem Beruf haben, schneller von ihrem alten Beruf umsteigen können und schon eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen. Anderseits befürchte ich, dass viele dieser Menschen dem enormen Druck, der gerade in Berlin mit sehr grossen Klassen und oft schwierigen Kindern vorhanden ist, auf lange Sicht nicht standhalten können. Meines Erachtens hat es durchaus seinen Sinn, warum man Pädagogik, Psychologie, Didaktik lernen und studieren und ein Referendariat und verschiedene Parktika machen sollte, egal ob als junger oder älterer Mensch. Der Lehrermangel in Berlin ist das Resultat von vielen verschiedenen Faktoren. Einer davon ist. dass viele Lehrer das Rentenalter erreichen. Ein anderer ist, dass Junge, gut ausgebildete Lehrkräfte häufig von anderen Bundesländern mit einer wesentlich besseren Bezahlung und besseren Bedingungen abgeworben werden und sei es "nur" ins Land Brandenburg. Berlin hat den Lehrermangel, der sich anbahnt offensichtlich sehr spät erkannt und noch später darauf reagiert. Die Quereinsteiger sollen es nun richten. Ich wünsche allen, die diesen mutigen Weg als Quereinsteiger gehen die Leidenschaft, den langen Atem, die Kraft und das Feuer, das sie brauchen um die jungen Menschen wieder für das jeweilige Fach zu begeistern! So dass sie nicht nur einen Beruf ausüben, sondern einer Berufung folgen können!

Am nächsten, verregneten und kühlen Morgen zeigte uns Werner die historische Mühle. Das Mühlrad läuft Wasserbetrieben und erzeugt heute einen Grossteil des Stroms der Mühle, den seine Bewohner brauchen. Mehl wird nicht mehr gemahlen, obwohl noch die Mühlsteine und die komplette Anlage intakt ist und gestartet werden könnte. Wir besichtigten den Mühlenkeller, den 1. und 2. Stock. Die restlichen Stockwerke sind heute Wohnungen.

Da viele der grossen Gerätschaften nicht aus der Mühle heraus transportiert werden konnten, blieben sie drin. So sammelt sich in den Stockwerken die Geschichte der Mühle von 1850 bis zur heutigen Zeit. Spannend! Ein lebendes Museum.

Am Nachmittag wurde das Wetter etwas besser, so dass wir nach Kassel fahren konnten. Dort lernten wir die Innenstadt kennen. Es ist eine sehr heterogene Nachkriegs-Architektur. Manches gelungen, anderes eher nicht. Trotzdem hat die Stadt mit der Tram befahrenen Fussgängerzone Flair. Die Menschen sind freundlich. Die Kluft zwischen Arm und Reich scheint grösser zu sein als anderswo. Da gehen Luis Vuitton Handtaschen neben kinderreichen Familien im einfachsten Schrottkinderwagen friedlich nebeneinander spazieren. Ohne grössere Notiz voneinander zu nehmen oder dem sonst oftmals üblichen Neidfaktor. Es ist eben so.

Wir schauten auch das Naturkundemueseum an, das zur Zeit eine Ausstellung über Tierkinder zeigt. Jalia war begeistert.

Mit den vielen Eindrücken reich beladen fiel es uns leicht am nächsten Tag die restliche Reise in Angriff zu nehmen. Ausser, dass nicht enden wollende Baustellen vor uns lagen und ein sehr langer Stau war, verlief die Fahrt sehr friedlich.

In Berlin angekommen, fanden wir sehr schnell, fast zu schnell, in den Alltag zurück.

Seit Montag geht Jalia wieder in die KiTa. Ich nutze die Kinderfreie Zeit zum Proben, Büroarbeiten erledigen, alles zu machen, was mit Kind nicht praktisch ist.

Am Dienstag war das erste Mal seit einem halben Jahr wieder Stimmbildung in der Kantorei. Natürlich unter Corona-Auflagen. Das halbstündige Einsingen fand im Garten der Kirche unter freiem Himmel statt. Die Einzelstimmbildung ist statt 20 Minuten pro Person nun erweitert auf eine halbe Stunde und findet bei offenen Fenstern statt. Das bedeutet für mich: Warm anziehen. Im Spätsommer, wenn es noch von den Temperaturen angenehm ist, mag es angehen, aber im Winter um die 0 Grad wird's wohl lustig...

Trotzdem war es schön wieder hier zu sein und mit den Menschen zu arbeiten. Ein Stück Normalität, das langsam zurück kommt.

Gestern nun habe ich mit Byron gearbeitet am Programm "Gebete in der Oper". Auch das eine spannende und bereichernde Arbeit.

Morgen werde ich zu einer Probe ausserhalb Berlins fahren um die Lieder von H.Erwin.E. Walter zu perfektionieren. Sie kommen nächste Woche in Amberg zum klingen. Darüber werde ich im nächsten Blog ausführlich schreiben. Das erste, richtige Konzert seit dem Lockdown! Das gibt mir Hoffnung und Zuversicht, in diesen für uns alle schwierigen und Pandemie geprägten Zeiten.

Wir müssen lernen mit dieser, aber wahrscheinlich in Zukunft durchaus weiteren Pandemien umzugehen. Es nützt nichts diese "nur" zu bekämpfen, sie zu leugnen oder sich davor zu fürchten.

Wir sollten einen sinnvollen Konsens finden damit zu leben, so dass alle unserer Gesellschaft eine Möglichkeit haben ihren Lebensunterhalt trotz Pandemie zu bestreiten. Ein tolerantes Miteinander wäre für mich wünschenswert. Das fehlt mir zur Zeit immer mehr, wenn ich in unsere Gesellschaft blicke.

Es ist problematisch unsere Gesellschaft in "systemrelevant" und "nichtsystemrelevant" zu teilen. Meines Erachtens führt das zu einer noch grösseren Spaltung der Gesellschaft, als sie ohnehin schon vorhanden ist. Nicht umsonst finden zur Zeit sehr viele Demonstrationen und Kundgebungen statt. Offensichtlich fühlen sich viele Menschen unwohl, müssen ihrem Frust endlich freien Lauf lassen und wollen sich Gehör verschaffen. Es brodelt und manche dieser "Blasen" gelangen an die Oberfläche, auf den verschiedenen Demonstrationen, oder im Netz über die verschiedenen Socialmediakanälen. Sei es bei Facebook, Instagram, YouTube und wie sie alle heissen. Das ist nicht ungefährlich für uns als Gesellschaft.

Es ist sicher wichtig, sich in unserer Gesellschaft ein Gehör zu verschaffen. Doch der Ton macht die Musik. Wer immer nur schreit und selber nicht mehr zuhört/zuhören will oder nur das hören will, was in sein Weltbild passt, muss sich nicht wundern, wenn man ihm auch nicht mehr zuhören möchte. Mit solchen Menschen ist es sehr schwer und fast aussichtslos eine sinnvolle Diskussionsbasis oder einen Dialog zu finden. Trotzdem darf gerade das nicht verloren gehen! Es wäre hilfreich sich gegenseitig wieder mehr zu zuhören und auch zu akzeptieren, wenn jemand nicht unsere Meinung teilt, ohne ihn von unserer Meinung überzeugen zu wollen. Auf lange Sicht glaube ich, dass sich das fürs Miteinander auszahlt, so dass wir nicht nur als Wirtschaft irgendwie über die Pandemie kommen, sondern vor allem als Gesellschaft, die sich durch gegenseitige Toleranz, Emphatie und Humanität auszeichnet.







18 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen