Aus dem Leben einer Opernsängerin

Die Musikschule der Region Burgdorf


Die Musikschule Burgdorf. Bild: Eigene Quelle


Schon als sehr kleines Kind hat mich die Musik magisch angezogen. Mit 4 Jahren lernte ich Blockflöte spielen und Noten zu lesen.

Schon bald zog mich meine Neugier weiter zu anderen Instrumenten, besonders zum Klavier. Mit knapp 6 Jahren durfte ich dieses Instrument anfangen zu lernen. Meinen Unterricht erhielt ich in der Musikschule Burgdorf. Sie sollte über viele Jahre mein zweites Zuhause werden.

Ich lernte erst Jazzklavier spielen bei Marc Lehmann, der ein überaus einfühlsamer und geduldiger Pädagoge war, der es verstand mir das Instrument und die Musik nahe zu bringen und mir auch das Improvisieren beibrachte. Meine kleinen Hände konnten zu Beginn keine Oktave fassen.

Die Musikschule der Region Burgdorf befindet sich bis zum heutigen Tag im ehemaligen Waisenhaus, welches von Pestalozzi gegründet wurde. Inzwischen ist die Musikschule modernisiert worden und die Räume sind heller und freundlicher als in meiner Kindheit.

Ich weiss nicht wann die Musikschule Burgdorf ins Leben gerufen wurde. Ich weiss nur, dass Edi Erismann viele Jahre der Musikschulleiter war. Er war Fagottist, spielte in verschiedenen Orchestern und unterrichtete. Selber aus der Praxis stammend wusste er, welche Pädagog*innen die Musikschule der Region Burgdorf brauchte um den Schüler*innen die Musik nahe zu bringen. Es gelang ihm fast alles praxisnahe, engagierte Musiklehrer und Musiklehrerinnen an die Musikschule Burgdorf zu berufen und dort auch über viele Jahre zu halten, meistens bis sie in Rente gingen.

Unter ihnen der Cellist David Gattiker, der unter anderem mit der Berner Kultband Patent Ochsner (www.patentochsner.ch) die CD "Stella Nera" einspielte, dann den Pianisten und Dirigenten Andres Joho, Res Ramseier als Klarinettist, die Sopranistin Ursula Trinca als Gesangslehrin und viele mehr. Alles Musiker*innen die aus der Praxis stammten und selber aktiv auf der Bühne standen.

Edi Erismann war immer in der Musikschule, egal wann ich da war. Er besuchte spontan den Instrumentalunterricht seiner Kolleg*innen und war zu fast allen Vorspielstunden in der Aula zugegen. Er beobachtete die Entwicklung vieler Musikschüler*innen mit Sorgfalt und Liebe. Mich konnte er von meinem 6. bis zu meinem 19. Lebensjahr beobachten.

An der Musikschule in Burgdorf lernte ich alles, was ich brauchte bis zu meiner Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin.

Meine Gesangslehrerin Ursula Trinca arbeitete sehr genau. Sowohl darstellerisch, musikalisch und technisch äusserst sorgfältig, wie ich es erst viele Jahre später wiederfand in der Arbeit mit Joachim Vogt oder Christiane Libor.

Von Andres Joho lernte ich klassisch Klavier spielen, Theorie und Gehörbildung. Die beiden Fächer konnte ich nicht offiziell an der Musikschule belegen; es gab sie einfach nicht. Eine 2. Klavierstunde wurde dafür genutzt. Andres brachte mir auch bei, wie ich eine Partitur entziffern kann und wie ein Dirigent dirigiert. Ich lernte durch ihn das Begleiten von Opernstücken und Liedern, das Korrepetieren. So dirigierte ich das Rezitativ aus der Zauberflöte von Tamino "Die Weisheitslehre dieser Knaben, schrumm schrumm, sei ewig mir ins Herz gegraben, schrumm schrumm..." oder Orffs "Carmina Burana", natürlich mit Klavier. Es machte mir grossen Spass und lehrte mich auch den notwendigen Respekt vor den Dirigenten und ihrer Arbeit.

Das lesen der Partitur stellt sich in meiner heutigen Arbeit als sehr wertvoll heraus. Gerade bei Wagner nehme ich gerne die Partitur zum Einstudieren, damit ich mir eine genauere Vorstellung vom Klang machen und mich stimmlich darauf einstellen kann. Nicht nur bei Wagner ist es ein Unterschied, ob ein Forte von Blechbläsern begleitet wird oder nur von Streichern oder vom gesamten Orchesterapparat.

Die Theorie hilft mir bei harmonisch komplizierteren Werken wie zum Beispiel "Marienleben" von Hindemith oder Richard Strauss "Vier letzte Lieder". Bei Werken dieser Art ist es mir wichtig zu wissen welche Harmonien mich begleiten. Wenn ich zum Beispiel ein "B" singe muss ich es je nach Harmonie höher oder tiefer intonieren, auch wenn ich den Ton wiederhole. Ein "B" ist nie ein "B". Gesang ist ein Instrument, das ähnlich wie die Geige, absolut intoniert werden sollte. Die Harmonie des Begleitinstruments ist dabei wichtig und hilfreich.

Meine Eltern sind keine Musiker und auch in meiner Verwandtschaft gibt es niemanden, der diesen Beruf ausübt. In meinem Dorf gab es einen herausragenden Berufsmusiker, Branimir Slokar, ein gebürtiger Slowene und der war ein ziemlicher Exot in den Augen der Dorfbewohner. Die Emmenaler pflegen zwar eine grosse Musikliebe, aber nicht unbedingt zur klassischen Musik. Ihre Musik ist tief in der Geschichte und dem Brauchtum des Emmentals und der Schweiz verankert (www.emmentaler-brauchtum.ch) Die traditionellen Instrumente sind dabei das "Örgeli" eine Handorgel, dem Akkordeon ähnlich ohne Tastatur, dann natürlich das Alphorn, die Violine, die Zither und der Gesang, der als Jodel bezeichnet wird und eine ganz eigene Kunstform des Singens ist. Musiziert wurde und wird meistens zu festlichen Anlässen. Kirchenfeiern, speziellen Feiersonntagen, Familienfeiern jeglicher Art und Sportanlässen wie zum Beispiel Schwingfesten (Schwingen ist eine sehr urige Sportart der Schweiz, eine Art Ringen im Sägemehlkreis), Hornusserfesten, (Hornussen ist auch eine ganz eigene Sportart; dabei wird von einer Abschussrampe eine runde Plastikscheibe (Nouss) mit einer Fischerrutenähnlichen Vorrichtung über ein Feld geschossen. Auf dem Feld stehen eine Mannschaft mit einer Art Holzbretter(Schindel). Sie versuchen den fliegenden Nouss so früh es geht im Flug zu treffen und können so Punkte gewinnen. Es spielen immer zwei Mannschaften gegeneinander. Ähnlich wie beim Baseball.) auf Viehmärkten oder sonstigen Festmärkten.

Es bieten sich dabei die verschiedensten Ensemble-Kombinationen an: Jodeln und Örgeli, Jodeln im Chor, nur Frauenchor oder Männerchor oder gemischt. Nur Örgeli oder verschiedene Örgeli zusammen, oder Jodeln kombiniert mit Örgeli, Geige und Bassgeige usw. Oftmals richteten sich die Ensembles nach den Instrumentalkenntnissen der Familien und Dorfbewohner, die sich zum musizieren zusammenfanden.

Bei festlichen Anlässen ist neben der Musik die Tracht sehr wichtig. Es gibt in jeder Region verschiedene und unterschiedliche Trachten. Die wichtigsten sind die Werktagstracht und die Festtagstracht. Diese zu nähen ist bis heute eine grosse Kunst und wird von Generation zu Generation weitergegeben und in Trachtenvereinen gepflegt. Neben dem Nähen der Trachten werden auch Volksgesänge und Tänze einstudiert und aufgeführt und so weitergegeben, dass dieses Volksbrauchtum nicht verloren geht. Das Emmental hat viele alte Bräuche und eine reiche Geschichte. Einer der berühmtesten Söhne des Emmentals ist Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf (1797*-1854), der Pfarrer in Lützelflüh war und viele Geschichten geschrieben hat. Unter anderem "Die schwarze Spinne". Er sagt in seiner Schrift "Armennot" über die Emmentaler:

«Seinem Lande ähnlich ist der Emmentaler. Weit ist sein Gesichtskreis nicht, aber das Nächste sieht er klug und scharf an; rasch ergreift er das Neue nicht… aber was er einmal ergriffen, das hält er fest mit wunderbarer zäher Kraft. Viel spricht er nicht, Lärm treibt er nicht; aber wo er einmal Hand anlegt, da lässt er nicht ab, bis alles in der Ordnung ist, und wenn er einmal losbricht, so wahre man seine Glieder!»

So pflegen die Emmentaler nicht nur ihre alten Bauernhäuser, manche Baujahr 1700 und älter, sondern auch ihre Bräuche und schaffen es Tradition, Brauchtum und heutige Zeit in den Alltag mit einzubinden und zu vereinen. Es ist nachvollziehbar, dass sich die Leute in dieser traditionellen Umgebung auch heute noch wundern, dass das klassische Singen mein Beruf ist und ich davon leben kann.

Ich betrat mit meinem, für Emmentaler-Verhältnisse, exotischen Berufswunsch Neuland für mich und meine Umgebung.

Umso wichtiger waren meine Musiklehrer als Bezugspersonen. Ich hatte sehr grosses Glück mit ihnen, dass sie mein Talent erkannten und förderten und mich auch gegen den einen oder anderen Widerstand auf meinem Weg und in meinem Berufswunsch bestärkten. Bis heute pflege ich einen freundschaftlichen Kontakt zu Ursula und Andres und ich bin ihnen dankbar, dass sie mich durch meine Zeit als Teenager begleitet haben.

Lernen steht und fällt mit den Lehrenden. Ein geschickter Pädagoge schafft es die intrinsische Motivation seines Schülers zu erhalten und zu stärken. Andres und Ursula gehören zu dieser Art der Pädagogen. Sie öffneten mir die Türe in die Welt der Musik. Wenn sie nicht gewesen wären, wäre ich nicht die Musikerin, die ich heute bin und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Mit Andres habe ich schon einige Konzerte gemeinsam gestaltet. Das ist für mich immer eine grosse Freude und Bereicherung. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Lehrer zu einem ebenbürtigen Begleiter wird. Wir haben unter anderem gemeinsam Lieder für eine CD eingespielt und die Hommage an Lisa della Casa gestaltet. Mit Ursula telefoniere ich ab und zu und wir unterhalten uns über alles mögliche, Gesang, unterrichten, Musik und vieles mehr. Immer wenn ich in der Schweiz bin treffe ich die beiden und sei es "nur" auf einen Café.

Die Musikschule der Region Burgdorf hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Sie wurde liebevoll renoviert und modernisiert. Das Unterrichtsspektrum hat sich erweitert:

Heute bietet die Musikschule die Fächer Theorie und Korrepetiton offiziell als Unterrichtsfächer an und es kommen nicht nur junge Musikschüler*innen zum Unterricht sondern auch viele Erwachsene jeden Alters.

Und beim Unterrichtsfach Gesang finde ich neben Klassisch, Musical, Pop und Rock auch Jodeln. Hier schafft es die Musikschule der Region Burgdorf ebenfalls eine Brücke zu bauen zwischen Traditionellem und Klassischem.(https://musikschuleburgdorf.ch) Das eine schliesst das andere nicht aus, sondern kann eine wertvolle Ergänzung sein und zur Identität unserer Gesellschaft, Kultur und Region beitragen. Ich finde es schön und bereichernd, dass ich bis zu meinem Studienbeginn im Emmental gelebt habe. Die Natur und auch die Menschen haben mich auf positive Weise geprägt, geerdet und geben mir meine eigene Sicht auf die Musik und Literatur, mit der ich mich heute auseinandersetzte, dafür bin ich dankbar.





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