Aus dem Leben einer Opernsängerin

Reisen einst und jetzt






Normalerweise sind wir Sänger*innen ein reiselustiges Völkchen, das von Auftritt zu Auftritt reist. Allerdings haben wir meistens kaum Zeit, zwischen den Proben und Auftritten uns die Städte oder die Gegend genauer anzuschauen, das ist manchmal etwas schade.

In Zeiten von Corona sind Reisen eher selten geworden. Vorsingen finden noch nicht statt, die Konzerte laufen ganz l a n g s a m in verschiedenen Formen wieder an. Zum Glück!

So starteten wir unsere erste grössere Reise als Familie dieses Jahr am Montag um 4.30Uhr. Mit dem Auto fuhren wir los in Richtung Schweiz. Für Jalia war es die erste lange Reise dieser Art mit dem Auto. Klar, als Baby ist sie schon die Strecke gefahren, vor allem schlafend. Nicht aber als Kleinkind, das einen Bewegungsdrang hat und keine Lust stundenlang im Autositz still zu sitzen.

Bis jetzt sind wir mit dem Zug gefahren, wenn immer möglich im Familien- oder Kleinkindabteil. Doch 9 Stunden in der Deutschen Bahn mit Maske in diesen Zeiten ist eher unangenehm. Für mich als Sängerin kommt noch dazu, dass ich entweder gefriergetrocknet werde, wenn die Klimaanlage funktioniert oder sauniert, wenn sie, was öfter vorkommt, nicht funktioniert. Beides ist suboptimal für meine Stimme und das Risiko einer Erkältung relativ gross. Also sind wir dieses Mal mit dem Auto gefahren.

In diesen frühen Stunden sind selbst die Strassen Berlins fast leer. Berlin ist wirklich eine Stadt die niemals schläft. Wenn ich manchmal sehr früh unterwegs bin und mir Menschen begegne, frage ich mich oft, sind diese Menschen noch wach oder schon wieder?

Über die A100 fahren wir auf die A115 und schliesslich auf die A9 Richtung Leipzig.

Jalia schläft nach einer Weile wieder ein. So fahren wir bis Bayreuth, wo wir unsere erste grössere Pause machen und Frühstücken. Es ist um 9.00Uhr.

Nach einer guten Stunde fahren wir weiter auf der A9 bis Nürnberg und dann auf die A6, biegen dann auf die A81 ab in Richtung Stuttgart und kommen schliesslich mit den entsprechenden Pausen gegen 15Uhr in Rottweil an. Da mein Mann und ich uns abgewechselt haben beim Fahren und Jalia beschäftigt war mit iPad, Büchern und Spielsachen, war die Fahrt sehr angenehm und relativ kurzweilig.



Rottweil ist die älteste Stadt Baden-Württembergs. Die Altstadt ist wunderschön mit den gut erhaltenen Fachwerkhäusern, dem schwarzen Tor und den vielen Kirchtürmen. Die Läden sind sehr gepflegt und die Menschen freundlich. Fichtenbedeckte Hügel umgeben das Städtchen. Die Neckar fliesst durch das Tal und hat die Landschaft geprägt. Rottweil ist Angelpunkt zwischen dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb.

Neben den alten Sehenswürdigkeiten gibt es auch modere Bauwerke zu bestaunen: Der Testturm von Thyssenkrupp. Er ist 246 Meter hoch, die Aussichtsplattform auf 232Meter. Innerhalb von 30 Sekunden bringt der Aufzug die Besucher hoch oder runter, legt also pro Sekunde rund 8 Meter zurück. Die Aussicht oben ist fantastisch für alle die schwindelfrei sind.

Der Turm wurde für die Entwicklung von Liften gebaut. In 12 verschiedenen Schächten werden die verschiedensten Technologien für den Lift von morgen getestet und weiterentwickelt. Der Betonschaft des Turms wurde mit einer Stoffhülle aus Glasfasergewebe verkleidet. Die beiden Architekten Werner Sobek mit Helmut Jahn haben es geschafft, dass dieses hohe Gebäude filigran und elegant wirkt. Durch die spezielle Aussenhülle erhält der Turm, je nach Lichtverhältnissen, eine ganz eigene, manchmal dramatische Beleuchtung. Jedesmal, wenn man ihn anschaut wirkt er anders. Spannend.



Rund um Rottweil gibt es viele, historisch sehr interessante Städte. Gestern fuhren wir die rund 60 Kilometer in die Universitätsstadt Tübingen. Eine wunderschöne, sehr gut gepflegte Stadt mit schönen Fachwerkhäusern, vielen verschiedenen Läden für jeden Geschmack, Spielplätzen, vielen jungen Familien. Die Gassen und Strassen sind eng und historisch korrekt mit Kopfsteinpflaster ausgekleidet. Die meisten Strassen sind Autofrei. Unzählige Fahrradfahrer bevölkern die Strassen.

Dieses Jahr steht Tübingen neben Nürtingen sehr stark im Fokus, weil ein berühmt gewordener Bürger seinen 250. Geburtstag feiert: Friedrich Hölderlin. Er kam am 20.März 1770 in Laufen am Neckar zur Welt, wuchs aber ab seinem 7. Lebensjahr in Nürtingen auf. In Tübingen hat er einen Teil seiner Studentenzeit verbracht und dann vor allem seine 2. Lebenshälfte in einem Turm, um genau zu sein ab 1807 bis zu seinem Tode 1843. Er galt ab 1806 als wahnsinnig und als er in den Turm kam als "austherapiert" und mit Aussicht auf nur noch wenige Lebensjahre...Seine Mutter war bis zu ihrem Tod 1828 sein Vormund.

Wir standen vor dem "Hölderlinturm", der heute ein Museum ist. Leider war er geschlossen. Trotzdem konnte ich die Atmosphäre dieser lebendigen, schönen Stadt gut aufnehmen und nachempfinden. Die Gassen und Plätze füllten sich vor meinem inneren Auge mit Fuhrwerken, Kutschen, Pferden, Fussgängern, Mägden und Knechten, die dienstfertig vom Markt nach Hause eilten. Handwerker, die ihrer Arbeit nachgehen und dazwischen viele junge Studenten.(Studentinnen waren in der Zeit nicht generell ausgeschlossen, aber eine grosse Rarität. Das Hauptproblem war, dass Frauen wohl studieren konnten, aber wo sollten sie nach dem Studium arbeiten?) Zu Hölderlins Zeit waren die Strassen nicht so sauber und gepflegt wie heute, im Gegenteil: Meistens waren sie nur in der Mitte einigermassen "sauber". Links und rechts in den Vertiefungen war der ganze Unrat und Dreck, der aus den Häusern auf die Gassen gekippt wurde. Irgendwo habe ich gelesen, dass deswegen Schuhe mit Absatz erfunden wurden: Damit die vornehmen, meistens mit Seide bezogenen Schuhe nicht so schnell dreckig wurden. Daraus entwickelte sich später die High Heels. Ob das stimmt, weiss ich nicht. Wundern würde es mich aber auch nicht. Die meisten Erfindungen haben einen praktischen Hintergrund.



Tübingen liegt nich sehr weit weg von Nürtingen entfernt, wo Hölderlins Mutter und Geschwister wohnten. Wenn er sie besuchen wollte zu Weihnachten oder anderen Feiertagen, hatte er drei Möglichkeiten: Er ging die 28 Kilometer zu Fuss, mietete ein Pferd oder setzte sich mit in eine Kutsche. Die Postkutschen gab es damals schon und auch private Kutschen, die man gegen ein höheres Entgelt mieten konnte.

Zu Fuss brauchte er einen guten halben Tag, also 6 Stunden und länger. Mit Pferd oder der Kutsche ungefähr 3 bis 4 Stunden. Die Reisen damals waren sehr beschwerlich und gefährlich. Die Kutschen, die heute oft romantisch verklärt werden, waren alles andere als bequem. Meistens schlecht ausgepolstert, wenn überhaupt, oder nur mit Holzbänken ausgestattet für die Passagiere. Die Kabinen waren schlecht gefedert, so dass die Reisenden jeden Stoss zu spüren bekamen und ein mehr schlechter, als rechter Schutz vor Wind und Wetter. Zur typischen Reiseausrüstung gehörten alte, verbrauchte Kleidung, Regenmantel, Hut.

Dazu kam, dass das Strassennetz damals noch schlecht ausgebaut war. Um 1700 herum legte so eine Kutsche im Durchschnitt 2km/h zurück. Durch den Ausbau des Strassennetzes wurden es immer mehr km/h bis es 1850 auf dem Höhepunkt der Kutsche als Reisemittel ca. 10 km/h war. So konnte eine Kutsche mit etwas Glück bis zu 100 Kilometer zurücklegen an einem Tag. Ich schreibe bewusst mit etwas Glück, denn es konnte immer zu einem Achsenbruch, Radschaden, Panne jeglicher Art, nicht selten Überfälenl etc. kommen.

Aus der Biographie von Clara Schumann geborene Wieck, die als pianistisches Wunderkind in Begleitung ihres Vaters Konzertourneen quer durch Europa unternahm, entnehme ich sehr lange, teure und anstrengende Reisen. Die Pferde mussten regelmässig in den entsprechenden Gasthöfen ausgewechselt werden. Eine Kutsche hatte ein Zweier- bis Vierergespann. War die offizielle Postkutsche innen wie aussen ausgebucht, wurde eine weitere, meist qualitativ schlechtere Kutsche eingespannt und mit den restlichen Passagieren gefüllt. Die stark in der Gesellschaft verankerte und existierende Klassengesellschaften setzte sich auf den Reisen fort. Bei den Kutschen mussten die ärmeren Herrschaften auf die Aussenplätze quasi "openair", hinten auf der Kutsche, manche auch auf dem Dach einnehmen. Die einzelnen Klassen wollten unter sich bleiben. Deswegen reiste der verarmte Adel, der keine eigenen Kutschen hatte, oder mieten konnte, inkognito.

Wie aufregend und anstrengend musste also eine Reise damals gewesen sein. Was für eine Leistung, Abenteuer und gelebte Erfahrung war also zum Beispiel Goethes Italienreise! Reisen dienten damals fast ausschliesslich zur Weiterbildung. Zum Vergnügen reiste höchstens der Adel. Zu Festen und Theatervorstellungen. Kein Wunder, dass die Menschen auf ihren Reisen Tagebuch führten und auch nach ihrer Rückkehr noch lange vom Erlebten zu berichten wussten.

Das Reisen mehrte sich in der Romantik mit der Sehnsucht nach der unendlichen Weite und auch nach Bildung. Besser ermöglicht wurde es durch den Ausbau der Strassen.

Ab 1850 löste die Eisenbahn das Reisen mit der Kutsche immer mehr ab. Bereits ab 1849 gab es in Europa ein zusammenhängendes Schienennetz. Die Bahn wurde als bequemer, schneller und günstiger eingeschätzt und war dadurch sehr schnell beliebter als die Kutschen.

Die Autos von heute sind der individual Verkehr der Kutschen von damals, nur viel bequemer. Die Bahn fährt immer noch, natürlich modernisierter und immer mehr unter dem wachsenden Bewusstseins des ökologischen Aspekts, wenn nicht gerade eine Pandemie die Landen und Passagiere unsicher macht.

Übrigens: Für die Strecke der rund 730 Kilometern von Berlin nach Rottweil hätten wir mit der Postkutsche wohl im besten Falle 8 Tage gebraucht, im schlechtesten Falle mehr als 14 Tage... Klar, das Bewusstsein nimmt beim langsameren Reisen mehr auf, die Seele kommt besser hinterher, aber trotzdem: In dem Fall bin ich dankbar, dass ich in der heutigen Zeit lebe, besonders, wenn ich an den Komfort der Reisen denke!






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