Aus dem Leben einer Opernsängerin


In Zeiten von Covid 19


Unser neuer, alter Alltag Teil 1


Seit dem 17.3.2020 ist Jalia zu Hause.

Wir stehen wie immer um 7.00Uhr auf, frühstücken zusammen und statt wie sonst mit meiner Tochter in die KiTa zu gehen machen wir nun ab 9.00 Uhr unseren "Morgenkreis". Wir lernen spielerisch mit Zahlen und Buchstaben umzugehen, manchmal basteln wir etwas oder singen zusammen begleitet von meinem mehr schlechten als rechten Geschrumme auf der Gitarre.

Unsere "Arbeit" dauert zwischen 15 und 30 Minuten oder länger. Spätestens um 10 Uhr sind wir fertig. Zufrieden vom intellektuellen Input spielt Jalia dann für sich selber, so dass ich üben kann. Ich brauche das Singen, wie andere Menschen die Luft zum atmen. Es ist meine Leidenschaft und Berufung. An manchen Tage begleitet mein Mann mich auf dem Flügel, mit Korrekturen. Das ist anstrengend für mich, da ihm nichts entgeht, gleichzeitig sehr wertvoll und ich bin dankbar dafür.


Am Sonntag dem 22.3.2020 nehmen Christoph D. Ostendorf und ich noch ein komplettes Konzert auf, das wir am Samstag 21.3.2020 zusammengestellt haben und das Stück für Stück unter "in Quarantäne mit..." auf YouTube veröffentlicht wird.

Als ich an diesem sonnendurchfluteten Tag nach Kreuzberg zur Melanchthon-Kirche fahre staune ich über die leeren Strassen. Innerhalb kürzester Zeit gleicht das lebendige Zentrum Berlins einer Geisterstadt. Fast keine Autos, Fahrräder und Fussgänger sind auf der Strasse. Der Landwehrkanal, der sonst ein beliebter Treffpunkt ist, leer. Es fühlt sich für mich beklemmend an, unheimlich. Wie die Ruhe vor dem Sturm.

Ich singe die Lieder wie wenn ich nie wieder singen dürfte danach. Nach den 4 Stunden fühle ich mich einerseits glücklich, anderseits unendlich leer und müde, begleitet von der Ungewissheit, wann ich das nächste mal für ein Publikum werde singen können...

In den Nachrichten wird bekanntgegeben, dass ein kompletter Lockdown beschlossen wurde. Alle Menschen sollen zu Hause bleiben und das Haus nur für dringliche Dinge wie Arztbesuche, Bewegung und Einkäufe verlassen. Das Treffen anderer Menschen ist untersagt. Die Kinder dürfen nicht mehr miteinander spielen.


In den Nachrichten lese, höre und sehe ich auf allen Sendern und Zeitungen immer das gleiche, es gibt kaum noch kritische Stimmen. Erschreckende Bilder aus Norditalien, das komplett überfahren wird vom Covid-19 Ausbruch erreichen mich genauso wie unzählige andere Mitmenschen...Deutschland, Schweiz, Österreich, und viele andere Länder die diese Situation auf keinen Fall wollen, das Gesundheitssystem nicht überfordern wollen. Es werden Grenzen zu den Nachbarn geschlossen...Immer wieder wird gesagt: ABSTAND HALTEN- ZUHAUSE BLEIBEN-HÄNDE WASCHEN. Jeden Tag lernen die Wissenschaftler mehr über dieses recht neuartige Virus, trotzdem sind noch viel zu viele Unbekannten dabei und Meinungen werden dem Stand der Wissenschaften angepasst und wenn nötig geändert.


Mich macht das Lesen und Hören der Nachrichten aggressiv. Es ändert nichts an meiner Situation. Ich fühle mich wie gelähmt, versuche mich abzulenken und verbringe die ersten Tage und Wochen in meiner Hilflosigkeit trotzdem viel zu viel Zeit auf allen online Kanälen um mich zu informieren, das unfassbare auf irgendeine Weise für mich fassbar zu machen, zu verstehen. Ich verfolge Zahlen, Statistiken, Berichte, fast alle mit dem gleichen Fazit: Es ist wichtig die Ansteckung zu minimieren, damit alle die sich anstecken und schwer erkranken eine ihnen würdige Behandlung erfahren können. Mir ist es wichtig meine Mitmenschen und die Risikogruppen zu schützen, ich kenne zu viele Menschen, die ich liebe und nicht an eine solche Krankheit verlieren möchte.

Meine kleine Tochter bringt meine Handymania auf den Punkt: "Mami, sitzt du schon wieder an deinem blöden Handy?!" Sie hat so recht...


In den ersten Tagen gilt es Wege zu finden, dass ich meine Schüler weiter unterrichten kann und mich so auch dem finanziellen Ausfall entgegenzustellen, der unvermeidbar ist durch die restriktiven Massnahmen. Bald zeichnet es sich ab, dass sämtliche Konzerte bis und mit Ende Juli Corona zum Opfer fallen. Normalerweise bestreite ich den grössten Teil meines Einkommens über Konzerte und Opernaufführungen. Eine Veranstaltung nach der anderen wird abgesagt, teilweise verschoben. Mein finanzieller Teppich wird mir in diesen ersten Wochen komplett unter meinen Füssen weggezogen, ich fühle mich, wie wenn ich keine Luft mehr bekommen würde, versuche die damit verbundene Existenzangst zu unterdrücken und rational zu bleiben. Ja, ich weiss Geld ist nicht alles, aber wenn man kein Geld hat, oder kein Geld mehr verdienen kann, unverschuldet wie bei einer Pandemie, ändert das nichts an der Tatsache, dass meine Versicherungen, die Steuer und alle anderen wenig Verständnis für meine finanzielle Situation haben, wenn ich sie nicht pünktlich bezahle.

Und dennoch: Einmal mehr scheine ich Glück im Unglück zu haben: Das Land Berlin reagiert schnell und zahlt den Soloselbtändigen eine Soforthilfe, wenn man schnell genug ist. Dadurch entspannt sich meine Situation etwas. Meine aufgebrachte Seele wird ruhiger. Ich beginne die Lage zu akzeptieren, schaffe es in einem Alltag mit Kind, Mann, Arbeit noch Zeit für andere Dinge zu finden, wie der Aufbau meiner Homepage, oder dieses Blogs.

Ich denke viel und intensiv nach und versuche mich auf das zu fokussieren, was mich in dieser Situation und darüberhinaus weiterbringt. Ich versuche das Negative wahrzunehmen, zu akzeptieren, aber nicht Oberhand gewinnen zu lassen. An manchen Tagen gelingt mir das gut, an anderen nicht so. Ich beginne wieder regelmässig joggen zu gehen. Die halbe Stunde, Stunde, je nach Strecke und Tagesform bringt mich zu mir, lässt mich Grenzen überwinden. Oft ist es die einzige Zeit in den Woche, die ich wirklich nur für mich alleine habe. Es tut mir gut, erdet mich.







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