Aus dem Leben einer Opernsängerin

Aktualisiert: Juni 12

In Zeiten von Covid-19


Unser neuer alter Alltag Teil 2


Der April ist wunderschön. Es sind sonnendurchflutete, klare Tage. Fast keine Flugzeuge am Himmel, dadurch ist die Luft so klar, wie ich sie noch nie gesehen habe zuvor in Berlin.

Ich gehe mit Jalia soviel ich kann raus in die Natur. Das beruhigt mich und bringt mich auf andere Gedanken und das ist in der Zeit wirklich notwendig, denn meine Emotionen wechseln sich ab von Hoffnungslosigkeit hin zur Wut, zur Rebellion, zu den Sorgen, hin zu Zukunftsängsten und manchmal fühle ich mich wie gelähmt.

Berliner Natur

Es ist über die Tage und Stunden verteilt jede Emotion dabei, die ich von mir kenne und Jalia ist eine dankbare Sparringspartnerin, die alles, was ich zu verbergen versuche aufnimmt, gnadenlos spiegelt und mir vorhält, was meine Situation nicht einfacher macht, mich aber dazu zwingt, mich damit auseinander zu setzten und meinen Gefühlen die nötige Beachtung zu schenken und sie zu verarbeiten.

Alle Vorsingen (Vorstellungsgespräche der SängerInnen an Theatern ) sind vorerst weg...damit auch ein Teil meiner Zukunft...Alles hängt in einer ungewissen Schwebe. Niemand weiss wie es ab September weitergehen soll und kann bei uns unzähligen Kunstschaffenden.


In dieser Zeit ziehen sich fast alle Freunde zurück. Alle haben mit sich und ihren Familien zu tun. Telefonate sind recht selten und wenn, dann verhältnismässig kurz.

Der 17.4.2020 ist da, und das, was ich schon geahnt habe wird Realität: Jalia wird voraussichtlich bis zum 1.8.2020 nicht in die KiTa gehen können...das macht mich traurig für sie. Sie, die sonst immer kontaktfreudig ist und es liebt mit anderen Kindern zu spielen, darf bis auf weiteres nicht in die KiTa gehen und auch nicht mit den Nachbarskindern spielen, noch sind keine Lockerungen der Kontaktsperre in Kraft, was Kinder und Familien betrifft, obwohl es so scheint, als ob die Kinder nicht der Hauptüberträger von Covid-19 sind und auch am wenigsten betroffen sind von der Krankheit.


Ich denke mit Sorge an all die Kinder die es zu Hause nicht so gut haben wie meine Tochter. Im "normalen" Alltag sterben laut einer Statistik bis zu drei Kindern an den Folgen häuslicher Gewalt hier in Berlin. Mir graut, wenn ich dabei an die Dunkelziffer jetzt während des Lockdowns denke. Es gibt soviele Kinder, die nur in der KiTa und in der Schule eine warme Mahlzeit, Bildungsangebot bekommen. Die Bildung ist, meines Erachtens, ein sehr wichtiger Schlüssel zu unserer Kultur und Gesellschaft. Je länger der Lockdown anhält, umso grösser wird die Bildungslücke für diese Kinder und desto mehr Schäden auch psychischer Art hinterlässt es bei ihnen. Die Langzeitfolgen sind bei weitem noch nicht abzuschätzen und werden sich im vollen Ausmass erst in 10-15 Jahren zeigen, wenn diese Kinder zu jungen Erwachsenen geworden sind.

Offensichtlich sieht die Familienministerin das ähnlich. Ziemlich überraschend öffnen die Schulen wieder und beginnen die Kindertagesstätten in Berlin das Notprogramm zu erweitern.

Erst werden die Alleinerziehenden mit unterstützt. Und nun sieht es so aus, als ob Jalia ab dem 25.5.2020 wieder für 4 Stunden in die KiTa gehen kann. 4 Stunden am Stück konzentriert und ohne Unterbrechung zu arbeiten klingt wie ein Traum!


Was in diesen Wochen den Familien abverlangt wurde und nach wie vor wird, ist enorm. Von vielen, vor allem Frauen, die das "Privileg" der Homeoffice haben höre ich, dass sie um 4.30Uhr aufstehen und sich an die Arbeit machen um wenigstens schon 2-3 Stunden gearbeitet zu haben, um dann dem Nachwuchs das Homeschooling schmackhaft zu machen und bei weitem nicht jedes Kind ist bildungshungrig und motiviert zu lernen, genauso wie die Eltern nicht automatisch die geborenen Pädagogen sind und die meisten längst aus dem Schulstoff raus sind und sich nun mühsam wieder einarbeiten müssen, was wiederum zu Konflikten in den Familien führt und die Kinder werden, je nach Schule, überhäuft mit Aufgaben!

Andere, wie eine alleinerziehende Freundin von mir, hat keinen kulanten Arbeitgeber. Sie wird gezwungen ihren Urlaub zu nehmen und sich krankschreiben zu lassen in den fünf Wochen, wo sie ihr Kind nicht in die KiTa geben darf, weil ihr Beruf als nicht "system- und gesellschaftsrelevant" gilt. Mit jeder Familie ein eigenes Schicksal und keins lässt mich wirklich kalt, weil ich es verstehen und nachvollziehen kann.

Ich finde es schwierig und auf eine Art auch ungerecht, dass seit dem Ausbruch von Covid-19 die Gesellschaft in "systemrelevant" und "nicht-systemrelevant" eingeteilt wird.

Für mich ist die Gesellschaft wie ein fein abgestimmtes Uhrwerk, wo ein Rädchen das andere anschubst und zum drehen bringt. Bleibt eines stehen, werden mit der Zeit auch die anderen Rädchen stehen bleiben und das Uhrwerk, in dem Fall unsere Gesellschaft, geht kaputt. Was nützt uns da diese neue "Klassifizierung"? Und ganz ehrlich: Bekommen deswegen, um nur zwei Beispiele der "systemrelevanten" Berufe heraus zu picken, die KassiererInnen und KrankenpflegerInnen mehr Lohn? Nur Anerkennung und organisierter Applaus nützt diesen unterbezahlten und sehr anstrengenden Berufen nichts. Es bringt keinen fehlenden Schlaf zurück, reguliert auch keine Schlafstörungen, die viele Menschen, die im Schichtdienst arbeiten müssen über die Jahre entwickeln können, wie im Fall der KrankenpflegerInnen. Es entschädigt auch keine KassiererInnen, die in den Läden von gestressten KundInnen, deren Nerven vor Ansteckungsangst/Corona-Panik blank liegen, angepflaumt werden, weil schon wieder oder immer noch kein Klopapier da ist, oder das Mehl schon wieder alle ist. Es dauert mehrere Wochen bis vor den Kassen eine Plexiglasscheibe oder ähnliches angebracht wird, so dass diese Menschen ein wenig vor direkter Ansteckung geschützt sind. Handschuhe? Masken? Desinfektion? In den ersten Wochen Fehlanzeige.


Wir Kunstschaffenden werden von der Politik in der Zeit netterweise immer als "nicht-systemrelevant" und "verzichtbar" deklariert. Konzerte, Opern, Veranstaltungen? Verzichtbar. Rockkonzerte, Festivals? Verzichtbar. Theateraufführungen? Verzichtbar. Dabei wird vergessen, dass die Kultur die Menschen friedlich zusammen bringt, Abwechslung gibt, die Möglichkeiten den Kopf und die Seele vom Alltag auszulüften. Andere Ideen und Impulse zu bekommen. Anregungen zum nachdenken.

Kultur schafft Begegnungen. Das Publikum begegnet sich. Wer ein Abonnement hat kennt in den jeweiligen Veranstaltungen seine Sitznachbarn. Auf Festivals feiern unzählige Menschen verschiedenster Herkunft, Berufe, Sexualität friedlich zusammen zu derselben Musik. Es sind Orte der Begegnung, der Menschlichkeit. Orte, wo Emotionen angesprochen und auch geweckt werden. Ist das wirklich "verzichtbar"?



Zum Abschluss des heutigen Blogs, eine kurze Zusammenfassung in Form eines Videos meines Alltags:

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