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Burgdorf, Schweiz

Akzente und sonstige Hindernisse

Neulich wurde ich mit einer für mich doch etwas überraschenden Situation konfrontiert.

Dazu muss ich sagen, dass die Künstlerwelt klein ist und jeder jeden kennt.

Ich kam bei einem Regisseur, mit dem ich vor etwa 15 Jahren gearbeitet habe, ins Gespräch für eine Partie, die ich jetzt sehr gut singen und spielen kann und eigentlich eine sehr gute Besetzung dafür wäre. Ich muss ergänzend dazu schreiben, dass wir uns seither nie wieder über den Weg gelaufen sind, dass er mich weder auf der Bühne, noch privat gesehen oder gehört hat. Da meint er zu meinem Bekannten: "Das kann ich mir nicht vorstellen. Die sang damals die Stasi, wie soll sie jetzt diese Rolle erfüllen können?" Und irgendwie reklamierte er noch über meinen Schweizer Akzent.

Ja, damals war ich eine entzückende Stasi. Nicht umsonst haben Boni und ich in den Kritiken und beim Publikum abgeräumt. Ja, damals hatte ich sicher mehr Akzent als heute.

Doch seither sind sage und schreibe fast 15 Jahre an Leben, an Arbeit über die Bühne gegangen. In so einer langen Zeitspanne entwickeln sich viele Menschen, gerade im künstlerischen Bereich.

Für mich war es erstaunlich, dass jemand, der in diesem Bereich arbeitet, offensichtlich an alten Bildern und Rollen festhält und nicht im Traum daran denkt, dass ein Künstler, eine Künstlerin sich entwickeln kann.

Es ist nicht immer leicht solche Leute dann vom aktuellen Stand zu überzeugen.

Das einfachste für Aussenstehende wäre eigentlich, wenn eine Sängerin/ein Sänger nach Abgang der Hochschule in ihrem Stimmfach sind, in dem sie dann bis zum Ende ihrer Karriere singen und spielen. Doch so einfach ist es nicht. Gerade eine Sängerstimme entwickelt sich bei gutem Unterricht und guter Arbeit ein Leben lang weiter.Ich kenne wirklich nur sehr wenige SängerInnen, die von Anfang an in ihrem Fach waren und blieben. Auch unser Körper verändert sich übers Leben. Die Meisten von uns sind mit 40 oder 50 auch nicht mehr so schlank wie mit 15 bis 20Jahren. Gerade bei uns Frauen verändert sich der Körper nach der Geburt des ersten Kindes noch einmal stärker. Diese Veränderung des Körpers sind natürlich sehr individuell und hängen von vielen verschiedenen Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Schlaf, Hormonen und nicht zuletzt den Genen ab. Jemand der vom Knochenbau her breit gebaut ist, wird wohl nie die Zartheit einer Elfe erreichen. All diese Faktoren beeinflussen unsere Muskulatur. Beim Singen vor allem die Atem- und Mikromuskulatur. Was wir niemals unterschätzen dürfen ist das Zusammenspiel der Hormone in unserem Körper. Selbst innerhalb des weiblichen Zyklus kann eine Stimme etwas anders klingen, mal dunkler, mal heller. Es kann mühselige Tage geben, wo die Stimme ungern Leistung bringt. Was für einen Einfluss hat dann die Menopause auf die Stimme? Oder die Geburt eines Kindes, oder das Stillen? Einen Grossen!

Mit Anfang 20 ist ein Mensch zwar erwachsen, aber körperlich noch nicht wirklich fertig. Auch Geistig bewegt sich gerade zwischen 20-30 Jahren durch die Ausbildung und das Studium sehr viel.

Eigentlich logisch, dass dann eine Sängerin, ein Sänger rund 15 Jahre später nicht mehr dieselbe Künstlerpersönlichkeit ist mit derselben Stimme.

Klar, der Weg von einer Koloratursoubrette zu einem Jugendlichdramatischensopran ist weit, aber, wie man an meinem Beispiel sieht, machbar. Rückblickend gesehen war ich wahrscheinlich nie das Stimmfach, das ich zu Beginn meines Studiums gesungen habe, auch nicht vom Menschentypus her. Viele Koloratursoprane haben einen recht zierlichen Körperbau und einen oftmals eher schmalen Brustkorb. Sehr viele von ihnen sind bildschöne Frauen. Ich habe da insbesondere meine liebenswerte Kollegin Judith Spiesser im Sinn. Sie sieht bezaubernd aus und singt genauso. Mein Brustkorb war nie schmal und mein Körper schon immer eher athletisch gebaut, in jüngeren Jahren mit der Neigung etwas anzusetzen, nach der Geburt meiner Tochter, mit der Tendenz drahtig zu werden. Klar, ich bewege mich viel und gern, mache auch Ausdauersport. Trotzdem gehört mein Körper eher zu denen, die Muskeln gut aufbauen. Bei mir genügt es fast eine Hantel böse anzuschauen und der Körper weiss, was zu tun ist. Das Interessante an der Hochschule war, dass es nur einer gehört hat, dass ich nicht dort hingehöre: Der Dirigent Rolf Reuter. Er sagte zu mir: "Sie sind kein Blondchen. Ihre Höhe hat zu viel Strahlkraft, ist zu metallisch dafür." Für alle anderen war es sehr bequem mich in diesem Fach erstmal Erfahrung sammeln zu lassen.

Am Theater hat sich dann bereits abgezeichnet wo es hingehen könnte bei "la voix humaine" von Poulenc oder "Undine" von Lortzing. Für mich mein Schlüsselerlebnis war aber 2011 als ich für Anna Netrebko die Generalprobe in der Berliner Waldbühne doubeln durfte. Innerhalb von knapp 10 Tagen musste ich "Un bel di Vedremo" Butterfly, dann Szenen aus Faust von Gounod, eine grosse Szene aus Manon von Massenet, die grosse Szene von Leonore aus Verdis "Il Trovatore" und noch mehr lernen. Beim Üben fühlte sich dieses Repertoire richtig gut an, wie wenn meine Stimme nach Hause gekommen wäre, obwohl damals die Mittellage noch nicht so ausgereift war. Mein Körper und meine Stimme spürten, wo es hingehen sollte.

Die GP mit Jonas Kaufmann zusammen zu singen unter der Leitung von Marco Armillato war ein super Erlebnis und hat grossen Spass gemacht.

Nach der Geburt meiner Tochter ging dann die stimmliche Entwicklung Schlag auf Schlag. Seit ich von Kirsten Schötteldreier und Burkhard Fritz betreut werde bin ich bei meiner jetzigen Stimme angekommen mit weiterem Entwicklungspotential. Vom eigenen Gefühl her bin ich noch lange nicht fertig.

Die alten Sängergenerationen waren diese Art der Entwicklung scheinbar gewohnt. Ich habe oft den Eindruck, dass die damaligen SängerInnen nicht so in eine Schublade gesteckt wurden wie wir heute. Wenn wir beispielsweise Lisa della Casa und ihren Werdegang betrachten sehen wir, dass sie als ganz junge Sängerin auch Rollen wie Gilda, Königin, Zdenka gesungen hat und später dann das schwerere lyrische Fach mit Gräfin, Arabella, Ariadne.

Manchmal denke ich, dass selbst uns SängerInnen heute das Wissen und die Vorstellungskraft fehlt, wie eine junge Stimme sich entwickeln und wo sie hinwachsen kann. Wie wollen wir dann dieses Wissen bei Regisseuren, Operndirektoren und anderen Menschen, die auf entscheidenden Posten für Besetzungen sitzen, voraussetzen?

Doch gerade diese Offenheit für die Möglichkeit von Entwicklungen ist wahnsinnig wichtig.

Mag sein, dass jemand zwar noch den gleichen Namen hat wie vor 15 Jahren, aber mit der Person von damals so gut wie nichts mehr gemeinsam hat...Das nennt man Leben und Entwicklung.

In meiner Vergangenheit wurde ich immer wieder mit meinem Schweizer Akzent konfrontiert, der beim Singen und Sprechen unerwünscht ist. Ich arbeite seit ich in Deutschland bin jeden Tag daran mein Hochdeutsch zu perfektionieren sowohl von der Aussprache als auch vom Ausdruck her. Beim Singen würde ich behaupten dass es inzwischen fast akzentfrei ist. Beim Sprechen, wenn ich mich auf den Text konzentriere, ist es inzwischen ein gutes und brauchbares Hochdeutsch. Wir dürfen dabei einfach nicht vergessen für Deutschschweizer ist Hochdeutsch eine Fremdsprache. Sie wird selbst in der Schule vorwiegend geschrieben, aber kaum gesprochen und wenn dann zumeist mit einem heftigen Akzent. Es macht sich niemand auch nur im Ansatz die Mühe Bühnenhochdeutsch zu sprechen. Selbst bei den Nachrichten wie der Tagesschau hört man bei den JournalistInnen einen kleinen Akzent, was mich persönlich nicht stört.

Was ich sehr gut finde ist, dass die Hochschulen inzwischen Aussprachkurse für Fremdsprachen anbieten, also wie Französisch, Italienisch, Englisch, Russisch, Tschechisch usw. korrekt ausgesprochen wird. Das ist sehr wichtig und hilft uns SängerInnen weiter. Schön wäre auch, wenn bei Theaterproduktionen entsprechende Sprachcoaches da wären, die während des Probenprozesses uns begleiten würden. Das gibt es wieder nur an den grösseren Häusern- den anderen fehlen leider die Mittel.

Für mich sehr interessant und ein Schlüsselerlebnis punkto Akzent war die Premiere von "Ariadne auf Naxos" am Theater in Magdeburg. Die Besetzung bestand bis auf ein oder zwei Protagonisten nur aus Ausländern: Franzosen, Holländer, Engländer, Amerikaner, Koreaner etc. Ich hörte bei fast allen selbst beim Singen wo sie herkamen. Teilweise war die deutsche Ausprache wirklich schlecht. Bei der Koreanischen Ariadne war es für meine Ohren besonders auffällig. Ich wunderte mich sehr darüber. Zumal gerade bei mir bei jeder Gelegenheit auf dem Akzent rumgehackt und korrigiert wird und im Gegenzug auf einer Bühne wie Magdeburg die verschiedenen Akzente toleriert werden.

Ein ähnliches Erlebnis neulich in Stuttgart beim Musical "Tina" über das Leben von Tina Turner.

Alle Protagonisten hatten einen richtig krassen Akzent im Deutsch. Ich fragte mich, ob das Teil der Inszenierung sein sollte, oder ob sie es einfach nicht besser konnten. Ich bin mir bis jetzt nicht im Klaren darüber. Wenn es wirklich ein nicht gewollter Akzent ist, wäre es nicht besser, das Musical auf die Originalsprache zu spielen und mit Übertiteln zu arbeiten fürs Publikum? Zumal die Übersetzungen teilweise richtig holprig waren, was es den DarstellerInnen noch zusätzlich erschwerte. Ich meine die allermeisten im Publikum verstehen Englisch und was sie nicht verstehen, können sie lesen. Und wieder dachte ich so bei mir: Aber auf meinem Akzent rumhacken...

Auch in Deutschland haben wir (noch) verschiedene Akzente. Ich höre sehr wohl, ob jemand aus Sachsen, Bayern, Oberfranken oder von der Nordsee kommt. Die Sprachprägung lässt sich nicht leugnen. Manche Akzente finde ich charmant, andere klingen für mich, wie wenn die Leute einen Frosch verschluckt haben. Und der Witz ist, selbst auf der Bühne höre ich, woher die Leute kommen. Doch sind wir inzwischen so weit, dass wir auf der Bühne einem Bayern sein Bayrisch verbieten wollen? Oder einem Sachsen sein Sächsisch? Wenn wir hier in Deutschland an deutschen Bühnen arbeiten, an denen ein grosser Teil der ProtagonistInnen aus dem Ausland kommen, sollten wir es in Kauf nehmen, dass es eben Akzentfärbungen gibt. Das soll nun kein Freibrief für die AusländerInnen unter uns sein, nicht mehr an ihrem Bühnenhochdeutsch zu feilen. Dennoch finde ich es wichtig und richtig, dass das Publikum hören darf woher jemand kommt, ob er aus dem Norden, Süden, Osten oder Westen Deutschlands kommt oder aus Österreich, der Schweiz oder irgendwelchen anderen Ländern. Es kann ja auch ein kleines, charmantes Markenzeichen sein von einer Künstlerin oder einem Künstler. Oder müssen wir heute alle gleich aussehen und gleich klingen? Wo bleibt dann der individuelle Aspekt eines Menschen, eines Künstlers?

Für mich ein grosses Vorbild diesbezüglich ist mein Landsmann Bruno Ganz. Der winzige Akzent, den er sich bewahrt hat, hat seiner Leistung als Schauspieler und Sprecher keinen Abbruch getan, sondern war ein unverkennbares Merkmal seiner ganzen Persönlichkeit als Mensch und Künstler. Wenn er privat interviewt wurde, war der Akzent etwas mehr, als wenn er sich auf seine jeweilige Rolle konzentriert hat. Es zeigt, dass eine Karriere als Schweizer auf deutschen Bühnen sehr wohl möglich ist, selbst mit etwas Akzent. Was ist daran so schlimm? Klar auch hier sicherlich wieder eine Frage des Geschmacks. Manche mögen offensichtlich holländische, koreanische, englische oder sächsische Akzente mehr. Pech für mich als Schweizerin aber lange kein Grund zu resignieren. Ich habe sehr viel gelernt und werde noch mehr lernen und verbessern. Schön wäre es, wenn die Regisseure, Opern- und Musikdirektoren ihre Sinne genauso schärfen und von ihren alt eingefrästen Urteilen und Vorurteilen wegkommen würden. Immerhin präsentiert sich die Theater- und Kunstwelt doch mit ach so viel Toleranz und Gleichberechtigung nach aussen und setzt sich mit Gendern und Rassismus auseinander, wie nur wenige Institutionen. Wie wärs, wenn man dann in der eigenen Institution damit anfangen würde aufzuräumen mit Vorurteilen? Man könnte beispielsweise die nach wie vor vorhandene Genderpaygap zu schliessen oder den verdeckten Rassismus und die Diskriminierungen jeglicher Art anfangen aufzuarbeiten und zu beseitigen. Da wäre eigentlich viel mehr Arbeit und viel mehr Bedarf Dinge zu ändern. Aber es ist halt viel einfacher auf Nichtigkeiten wie einem latent vorhandenen Akzenten rumhacken, selbst wenn man das Deutsch dahinter einwandfrei versteht...



Hier zwei Beispiele von Bruno Ganz.





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