Über Konzerte in der Weihnachtszeit und den Sinn der Musik



Wie ich im letzten Blog angekündigt habe möchte ich heute über die kleinen Konzerte, die mir nun in der Adventszeit geblieben sind schreiben. Eins davon hat mich besonders berührt.


Über das erste Adventskonzert

Das erste Konzert fand im Cajewitzstift in Pankow statt. Die Veranstaltung fand unter 2G+ statt. Alle im Publikum waren schon geimpft und geboostert und mein Mann und ich auch und zusätzlich getestet.

Draussen lag der erste Schnee und es schneite immer noch. Die Tische waren festlich und liebevoll gedeckt mit schönen weissen Tischdecken. Es lagen Kuchenstücke aus. Ab 14.30Uhr kamen die Leute in den Raum und setzten sich hin. Sie tauschten sich über das eine oder andere aus und genossen den Kuchen und Kaffe.

Um 15Uhr ging das Konzert los. Mein Mann begleitete am Flügel und führte mit kurzen, charmanten Moderationen durch das Konzert. Nach ein paar Liedern unsererseits war auch das Publikum dran mit singen. Die ältere Generation kennt eigentlich alle gängigen Weihnachtslieder und nicht nur das, meistens mit allen Strophen!

Es war zu sehen und hören, dass es den Herrschaften richtig Freude machte wieder einmal Weihnachtslieder zu singen in einer so schönen und feierlichen Runde.

Jochen und ich spielten und sangen auch Marienbilder bez. Marienliedern (Bei vielen Marienliedern handelt es sich um Gedichte, die inspiriert wurden von den Marienbildern und später vertont wurden.): Von Max Reger "Maria sitzt am Dornbusch" von Cornelius "Marienkind im Stalle", die Volksweise "Maria durch ein Dornwald ging". Nachdem Maria besungen wurde durften die 3 Könige nicht fehlen.

Ich sang ein Lied von Cornelius, das relativ unbekannt war. Jochen sang ein Lied von Zelter basierend auf einem Gedicht Geothes. Dazu muss man wissen, dass Zelter und Goethe befreundet waren und gegenseitig ihre Kunst schätzten. Goethe bevorzugte die Zeltervertonungen, die an Volksweisen erinnern, gegenüber jenen von Franz Schubert. Franz Schubert hat verschiedene Gedichte von Goethe, unter anderem "Erlkönig", "Gretchen am Spinnrad" vertont und dem Dichter zugeschickt. Er soll sich nie wirklich darüber geäussert haben oder Schubert geantwortet haben, was eigentlich sehr schade ist.

Zurück zu Goethe, das Gedicht möchte ich Euch nicht vorenthalten:


Die heiligen drei König`mit ihren Stern,

sie essen, und bezahlen nicht gern;

sie essen gern, sie trinken gern,

sie essen, trinken und bezahlen nicht gern.


Die heiligen drei Köng`sind gekommen allhier,

es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier,

und wenn zu dreien der vierte wär,

so wär ein heililiger drei König mehr.


Die heiligen drei Köng`sind wohlgesinnt,

sie suchen die Mutter und das Kind;

der Joseph fromm sitzt auch dabei,

der Ochs und Esel iegen auf der Streu.


Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,

Dem Weihrauch sind Damen hold;

und haben wir Wein von gutem Gewächs,

so trinken wir drei so gut als ihrerer sechs.


Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun,

aber keine Ochsen und Esel schaun;

so sind wir nicht am rechten Ort

und ziehe unserers Weges weiter fort.


Johann Wolfgang von Goethe


Das Publikum lachte herzlich über dieses Lied. Damit war das Konzert beendet. Natürlich sind Künstler*innen immer auf den Fall der Fälle vorbereitet und haben eine Zugabe dabei. In unserem Fall "Noel" von Adolf Adame, was das Publikum dankbar annahm.

Nach dem Konzert sind noch verschiedene Gespräche entstanden. Eine Frau fragte uns nach den Noten von Cornelius "Heiligen drei Königen". Sie erzählte uns, dass sie das sehr gerne ihrer Schwester gezeigt hätte, die dieses Jahr gestorben sei. Ihr Schmerz über den Verlust der Schwester klang nach und berührte mich. Es stellte sich heraus, dass sie aus sehr musikalischem Haus kam, wo viel gesungen und musiziert wurde und sie nun die letzte ist von den Geschwistern, die noch da ist. Das Konzert und unser Gesang hat ihr offensichtlich sehr gut getan und gefallen.


Über das zweite Adventskonzert

Ein weiteres Konzert war ein paar Tage später in einem Alters- und Pflegeheim in Berlin Buch.

Zuerst sollten wir eine halbe Stunde draussen singen. Doch dann meinten die Leiter, wir könnten jeweils für 10 Minuten auf drei verschiedenen Gängen Musik machen. Also stellten wir das Programm von Klavier auf Gitarre um und stellten ein bekanntes Weihnachtsprogramm zusammen mit "Alle Jahre wieder" , "Ihr Kinderlein kommet", "Leise rieselt der Schnee", "Maria durch ein Dornwald ging", "Oh Tannenbaum" und weitere. Ich musste nach den vielen Jahren meine Finger erst mal wieder an die Stahlseiten meiner Gitarre gewöhnen und die Harmonien mir in die Texte eintragen. Jalia war aufmerksam bei den Proben dabei. Wir sangen auch gemeinsam ihr Lieblingsweihnachtslied "Maria durch ein Dornwald ging".

Als dann der Tag des Auftritts da war, lag Jochen mit einer Erkältung flach. Ich konnte Jalia nicht bei ihm zu Hause lassen, also nahm ich sie kurzerhand mit.

Bald standen wir vor einem 6 Stöckigen, langen Hochhaus, noch zu DDR Zeiten gebaut. Ich rief wie vereinbart an und erklärte den Fall und dass ich statt meines Mannes meine Tochter dabei hätte. Das gab eine ganz schöne Aufregung. Nachdem ich gesagt habe, dass wir selbstverständlich testen etc. wurde eine grosse Ausnahme gemacht und Jalia durfte dieses Haus betreten. Es war die richtige Entscheidung wie sich später herausstellen sollte.

Wir wurden als erstes getestet. Es war alles in Ordnung. Danach wurden wir von einem Bundeswehrsoldaten begleitet. Wir stellten uns im Gang auf und ich stellte uns kurz vor und dann sangen Jalia und ich gemeinsam die Weihnachtslieder. "Maria durch ein Dornwald ging" durfte Jalia selber singen. Ich sang nur am Schluss bei "Jesus und Maria" mit.

Es war bezaubernd wie diese klare, helle Kinderstimme durch den Koridor klang, es schien als würde diese reine Kinderstimme direkt in das Herz der Leute vordringen. Die Leute waren tief berührt davon und hocherfreut über den Kinderbesuch. Sie überhäuften Jalia mit Schokolade und sogar etwas Geld. Es war, als würde das Licht in den Gängen für die Zeit des Musizierens etwas heller scheinen und etwas mehr Wärme geben als sonst. Auf manchen Stockwerken sangen die Bewohner*innen mit. Eine Frau hatte eine warme Alt-Stimme. Sie sang zweite Stimme mit. Auf einigen Gängen sassen die Menschen scheinbar passiv in ihren Rollstühlen. Doch immer wenn die Musik anfing sah ich, wie die Augen der Menschen anfingen zu leuchten, wie sich oftmals die Haltung und Mimik veränderte. Es war berührend zu beobachten. Wir wünschten nach den 10 Minuten Musik immer noch eine frohe restliche Adventszeit, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in ein besseres, gesundes neues Jahr! Wir wurden überall gefragt, ob wir nächstes Jahr wiederkämen. Ich denke schon.


Über die Rolle der Musiker*innen im Verlaufe der Geschichte

Speziell dieses Konzert hat mich tief berührt. Es hat mir gezeigt wie wichtig Musik ist, was Musik bewirken kann. Als Berufsmusiker*in streben wir alle nach Oben. Je höher wir kommen umso einfacher wird es mit dem Musik machen und vor allem auch mit dem Geld verdienen. Aber ist das wirklich der Sinn der Musik? Liegt der Sinn einzig und alleine in einer vorzeige Karriere, in Prestigeprojekten? Ist uns allen in den letzten Jahren nicht viel vom ursprünglichen Sinn der Musik verloren gegangen?

Wenn ich zurückblicke in die Geschichte der Musik steht zweifellos fest, dass es Musik schon immer gab. Zur Zeit der Kelten war es die Aufgabe des Barden musikalisch die Heldentaten und die Geschichte seines Volkes festzuhalten. Er war quasi das musikalische Kollektivgedächtnis seiner Sippe, seines Volkes. Die Weisen wurden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Ausbildung des Barden dauerte viele Jahre und war sehr anspruchsvoll. Die Barden des Mittelalters hatten eine ähnliche Aufgabe wie die Vorgänger in der Antike. Als die Kirche immer mehr den keltischen und germanischen Glauben verdrängte wurde es stiller um die Dichter und Musiker. Die Kirche wurde ab dem 10. Jahrhundert zum Musikzentrum des Abendlandes. Ausgehend von der Gregorianik entwickelte sich die Musik Stück für Stück in die Formen wie wir sie heute von der Barockzeit ausgehend bis in die heutige Zeit kennen.

Je weiter die Zeit voranschreitet umso mehr wurde die Musik auch als Machtdemonstration der jeweiligen Höfe. Jeder Hof, der etwas gelten wollte, hatte namhafte Komponisten die eigens Werke für sie schrieben, Joseph Haydn gehörte zum Beispiel zu den Hofkomponisten und schuf viele Werke für seinen Auftrag- und Arbeitgeber. Die Kultur und Musik galt als eine Art Prestigeobjekt.


Über das Leben und den Sinn der Musiker*innen der Gegenwart

Als die Hauptauftraggeber die Königlichen und Herzöglichenhöfe immer mehr den Demokratien und Republiken weichen mussten war es eine zeitlang nicht leicht um die Musiker und Komponisten bestellt. Richard Strauss haben wir es unter anderem zu verdanken, dass wir hier in Deutschland die GEMA haben und eine KSK (Künstlersozialkasse).

Nach dem 2. Weltkrieg nahm die klassische Musikindustrie immer mehr Fahrt auf. Die Vermarktung von einzelnen Musiker*innen erfolgte in immer schnellerem Tempo weltweit. Heute New York, morgen London, übermorgen St. Petersburg. Jetlag? Hat ein Musiker doch nicht zu kennen, er hat zu funktionieren auf höchstem Niveau und den jeweiligen Agenturen und auch sich selber möglichst viel Geld einzubringen und wenn das nicht funktioniert, wird er/sie eben ausgetauscht. Die Folgen dieser enormen Belastungen sind häufig bei Musiker*innen Ermüdungserscheinungen, Burnout etc und es hat auch zur Folge, dass inzwischen eine Opernaufführung in Mailand austauschbar ist mit einer in New York oder Berlin. Der individuelle Klang der Orchester und Sänger*innen geht immer mehr verloren. Das finde ich persönlich sehr schade. Ausserdem ist es eine riesige Belastung der wir als Musiker*innen standhalten müssen. Dabei wird meines Erachtens vergessen WARUM wir Musik machen. Jeder von uns, der Musik zum Beruf wählt, brennt in irgendeiner Form für die Musik. Er fühlt sich oftmals besser nach dem Musik machen. Wenn aber ein Konzert nach dem anderen, ein Auftritt nach dem anderen verlangt wird, können wir irgendwann nicht mehr regenerieren. Wir fühlen irgendwann nichts mehr ausser einer seltsamen Leere. Die Balance zwischen zu viel und zu wenig für jeden einzelnen zu finden ist nicht immer leicht und schon gar nicht in den jetzigen Zeiten!

Durch die Pandemie hat es sehr viele von uns total ausgebremst. Die Ausgebremsten haben im Moment also eher mit einer Unterbelastung zu tun, die genauso auf die Psyche drücken kann, besonders wenn ständig neue Absagen reinkommen. Jene, die im Karussell der Theater drin sind haben Glück gehabt, andere die wie ich, auf dem Sprung sind, haben zur Zeit Pech oder um es positiver zu formulieren: Brauchen einen sehr langen Atem, viel Innovationskraft und sehr viel Zuversicht!

Doch die Pandemie ist für mich nicht nur negativ. Es zwingt mich auch kleinste Konzerte zu machen wie jenes im Pflegeheim. Ganz ehrlich: In normalen Zeiten wäre ich nicht auf die Idee gekommen ein solches Konzert zu machen. Doch gerade dieses Konzert hat mich innerlich aufgerüttelt und mir gezeigt wie wichtig es ist unseren Mitmenschen Freude, Wärme und Licht zu bringen mit der Musik und ich glaube wirklich, dass unsere Kernaufgabe als Musiker das sein sollte. Musik besteht nicht aus Smalltalk. Sie besteht nicht aus Fachsimplen. Nicht aus Eitelkeiten à la Instagram: "Oh, ich muss jetzt noch ein Selfie von mir posten in diesem ach so tollen Kostüm und dieser ach so tollen Location! Ich bin die Beste/der Beste und alle sollen sehen, was ich alles erreicht habe und wie toll ich bin!" Liebe Leute, die Welt dreht sich nicht nur um eure kleine, egozentrische bis egoistische Bubbleblase, auch wenn ihr das gerne hättet und es dann überhaupt nicht verstehen könnt, wenn es mal nicht so ist, weil vielleicht der nächste Lockdown kommt (was ich wirklich nicht hoffe!), oder ihr wieder als nicht systemrelevant eingestuft werdet! (So nach dem Motto: "Waaaas, die Ärzte und Pfleger sind in der Pandemie wichtiger als ich mit meinem phänomenalen Gesang?!")

Es gibt auch eine andere Realität, die wir als Musiker*innen erreichen sollten, wenn wir möchten, dass die Musik und Kultur auch in 100 oder 200 Jahren weiter existiert!

Dazu gehören zum Beispiel vermehrt KiTa und Schulbesuche, kleine Konzerte in Alters- und Pflegeheimen und sicher gibt es noch ganz viele andere Möglichkeiten möglichst viele Menschen mit unserer Musik zu erreichen und ich stelle bei mir fest, dass wenn ich all diese Faktoren wie Oberflächlichkeit, Eitelkeit, Smalltalk, Fachsimpeln einfach weglasse, gelange ich zu meinem Innersten, zur Einfachheit und Ehrlichkeit. Es ist als würde meine Seele anfangen zu schwingen, ich vergesse Raum und Zeit und es ist, als würde mein Gesang ganz anders zu den Menschen gelangen, als würden sie mir anders zuhören.

Es ist selbstverständlich alles andere als Einfach für mich immer wieder diesen Zustand zu finden, aber es fällt mir immer leichter ihn zu erlangen gerade durch solche Erfahrungen, wie das Konzert im Altersheim.

Sollte es mir vergönnt sein mich nach Oben zu arbeiten in der Hierarchie der Musikwelt, weiss ich jetzt schon, dass ich auch dann, wenn ich ganz Oben bin immer wieder Konzerte in solchen Institutionen machen werde, damit ich den Sinn des Musik Machens niemals vergessen werde und vergessen kann!

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine schöne Restweihnachtszeit und einen guten Rutsch in ein gesundes, besseres, neues Jahr für uns alle!





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